Es wütet die Wut

Von vorweihnachtlicher Besinnung kann dieses Jahr nicht die Rede sein. Der Wutbürger ist zurück!

Von vorweihnachtlicher Besinnung kann dieses Jahr nicht die Rede sein. Statt innerer Einkehr und Ruhe in der Vorweihnachtszeit zieht es einige tausende Bürger von Protest getrieben auf die Straße.

Von Dresden bis Köln sind sie unterwegs, um ihrem Unmut Luft zu machen: Die – ja man weiß gar nicht recht, wie man sie nennen soll –„Anhänger“ von HoGeSa (Hooligans gegen Salafisten) und Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes). Beide Gruppierungen haben für sich die Straße als Aktionsforum (wieder)entdeckt und auch thematisch ist man sich einig: Die einen wettern offiziell gegen Salafisten, die anderen wehren sich gegen eine vermeintliche „Islamisierung“ Europas – soweit die Programmtitel. Schaut man jedoch auf die Plakate und hört den stadionartigen Gesängen der Demonstranten zu, stellt sich deutlich heraus, dass es doch nur verbrämte rassistische und nationalistische Äußerungen sind.

Es handelt sich um klassische Trittbrettfahrerei auf der Welle von Ängsten, die vor allem durch Berichte über die Taten des Islamischen Staates und eine zunehmende Herausforderung durch stärkere Flüchtlingsbewegungen geschürt werden und rechten Einstellungen Vorschub leisten. Der Politikwissenschaftler Alexander Häusler bezeichnete das Schlagwort der Islamisierung als „Chiffre“ für andere, rechtsorientierte Themen. Von dezidiert rechter Haltung will bei den Genannten jedoch niemand sprechen, „Heimatschutz“ ist für sie das Gebot der Stunde.

Und doch gilt es zwischen den beiden Gruppierungen zu differenzieren:  Die HoGeSa – wie der Name schon vermuten lässt – speist sich vordergründig aus der Hooligan-Szene, die bislang nur selten so vereint agiert hat. Während rechtsextreme und gewalttätige Einstellungsmuster in diesem Umfeld nichts Neues sind, zeigt sich die Zusammensetzung der Pegida-Bewegung diffuser.

Als primär bürgerlich verorten Politikwissenschaftler die Anhänger der Pegida-Bewegung – und im rechten Spektrum des Konservatismus angesiedelt. Diese Kombination sei nicht unbedingt neu, jedoch die offene und lautstarke Proklamierung ihrer Kritik sei als Merkmal hinzugekommen. Der Forscher Wilhelm Heitmeyer spricht in diesem Zusammenhang auch von einer „verrohten Bürgerlichkeit“ – eine Entwicklung hin zu intoleranteren Haltungen und radikaleren Ausdrucksformen in bürgerlichen Kreisen. Andere sagen auch: Die Wutbürger sind zurück!

Während die HoGeSa in diesem Sinne also ein „vertrautes“ Ärgernis für demokratisch-pluralistische Strukturen darstellt, lässt mich die Bewegung der Pegida in der Tat die Stirn in Falten legen. Die beliebte Rede von der „Mitte der Gesellschaft“ kommt hier zum Tragen. Wenn nun also lauthalse Proteste gegen Flüchtlinge, Asylbewerber, ja im Grunde eigentlich gegen alles Fremde nicht mehr vom Rand der Gesellschaft formuliert werden, sind diese Haltungen also inzwischen salonfähig? Steht hinter den Demonstranten auf der Straße eine wachsende Mehrheit, die eben solche Haltungen teilt, die nicht mehr viel mit einer pluralistischen Weltsicht gemein haben? Quo vadis, Bundesrepublik?
Denn die Demonstrationen könnten nur ein Leuchtfeuer sein, für die noch zu erwartenden Entwicklungen. Erhält etwa die tot geglaubte NPD nun wieder neuen Rückenwind? Sind die Wahlerfolge der AfD nicht längst ein Zeichen für erstarkenden Nationalismus?

Es scheint nun doch an der Zeit zu sein, zur Besinnung zu kommen. Zwar haben Aktionen von Pegida und HoGeSa bislang nicht in Brandenburg stattgefunden, aber wahrscheinlich ist dies wohl nur eine Frage der Zeit. Und dann?

Linktipps

  • Pegida: Echte Gefühle, falsche Wahrheiten

    Deutschland droht keine Islamisierung, aber die Angst davor ist real. Auf die Kraft des besseren Arguments zu setzen, wäre eine angemessenere Antwort als Spott. (ZEIT, 9.12.14)

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Kommentare

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Danke S.von der Ahe für diesen Beitrag zu einem aktuellen Thema. In Brandenburgs Kommunen brodelt es und niemand scheint es zu kümmern. Pegida, Legida in Leipzig, Dügida in Düsseldorf, und bald auch Telgida/ Flägida in Brandenburg? Und was dann?

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