Posse statt Prozess

Die Berichterstattung zum "Jahrhundertprozess" gegen den NSU zwischen Modetipps und Hits aus dem Radio.

Lange Zeit habe ich mich geweigert, einen Kommentar zu den Vorgängen im Vorfeld des NSU-Prozesses zu verfassen. Eine Panne hier, eine Unachtsamkeit da –  von Beginn an standen Anklage und Verfahren gegen Beate Zschäpe und den NSU unter einem schlechten Stern. Doch das Presse-Bingo der vergangenen Woche schlägt dem Fass den Boden aus.

Nach wochenlangen Querelen und einer Verschiebung des Prozessbeginns wurden die Medienplätze per Losverfahren neu zugeteilt. Der Präsident des zuständigen Oberlandesgerichts in München, Karl Huber, zeigt sich mit dem Ergebnis zufrieden: „Angemessen, gerecht und allgemein anerkannt“ sei es.

Mit Verlaub! Es heißt, es handele sich um einen „Jahrhundertprozess“ von größter öffentlicher Bedeutung – doch wer darf letztendlich berichten? Aus dem Gerichtssaal werden nun u.a. die Frauenzeitschrift Brigitte, das Online-Portal hallo-muenchen.de, aber auch der Lokalsender Radio Lotte aus Weimar berichten – viele große deutsche, aber auch türkische Tageszeitungen haben keinen Platz erhalten.

Nichts gegen Lotte und Brigitte, aber ein Verfahren, das internationale und nationale Bedeutung besitzt, ertönt nun aus Lautsprechern neben den besten Hits der 80er und 90er und erscheint zwischen Modetipps zur Sommersaison. Für einen Prozess, der nicht nur zehn Morde und das Phänomen „Nationalsozialistischer Untergrund“ zum Gegenstand hat, sondern auch hinterfragt, „warum die deutsche Geschichte in ihrer schlimmsten Verirrung, dem mörderischen Rassenhass, nicht vergehen will“, hätte man sich – gelinde gesagt – eine andere Berichterstattung gewünscht. Und einen anderen Rahmen: Nein, ich möchte den NSU nicht neben Kochrezepten sehen.

Der mehr als fahle Beigeschmack betrifft jedoch nicht nur die medienpolitische Handhabe in diesem Fall. Vielmehr scheint es, als sei über dem Hickhack der Platzvergabe der eigentliche Kern der Verhandlung, die Verbrechen der bislang bekannten drei NSU-Mitglieder, in den Hintergrund getreten. Es bleibt zu hoffen, dass mit dem Prozessbeginn Öffentlichkeit und Gericht diesen Fokus nicht aus dem Blick verlieren. Wenn er denn mal endlich los geht, der Prozess. Und die Posse endet.

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Als ich den neuen Spiegel las, wusste ich, warum mir dieser Blogeintrag irgend wie unbehaglich war. Im Spiegel gibt es ein Interview mit Friedrich Burschel. Das ist der Journalist, der für den Stadtsender Radio Lotte Weimar über den NSU-Bericht schreiben soll. Er wünschte sich mehr Respekt auch unter Kollgegen. Er selbst sei Journalist, habe unter anderem in der Süddeutschen Zeitung gelernt und beschäftige sich seit Jahren mit der rechten Szene, und Radio Lotte im übrigen auch. Ich finde es gut, dass auch kleine Sender über den Prozess berichten können, weil dadurch das Monopol der Großen durchbrochen wird.

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