Kneipen als Orte der Demokratie?

10.000 Kneipen gegen Extremismus? Der Politikwissenschaftler Professor Wolfgang Schroeder sagt: Kneipen sind mehr als Orte für ein Feierabendbier. Sie bringen Menschen zusammen und bieten Raum für Begegnungen und Gespräche. Warum das wichtig für die Demokratie ist, haben wir mit ihm zur Eröffnung unserer Ausstellung „Mitmachen! Demokratie in Brandenburg“ besprochen.

Professor Wolfgang Schroeder und Dr. Sebastian Stude
© Stefan Gloede

Professor Wolfgang Schroeder im Gespräch mit Sebastian Stude, Referent in der Landeszentrale. 

Was kann die Kneipe für unsere Demokratie leisten?

Wolfgang Schroeder: Man muss sich darüber verständigen, welche Menschen welche Räume aufsuchen. Aus der Forschung weiß man, dass Menschen mit einem hohen Bildungshintergrund, mit einem hohen Einkommen, weniger Probleme haben, andere Menschen zu treffen, an kulturellen Veranstaltungen teilzunehmen. Sie sind hoch mobil und in diesem Sinne eher seltener einsam. Aus der Einsamkeitsforschung in Deutschland ist sehr gut nachvollziehbar, welche Gruppen sich besonders wenig im öffentlichen Raum tummeln und welche eben mehr. Und da gibt es zum Beispiel eine klare Korrelation: Einkommen, Bildungsstand, Migrationshintergrund, Stadt, Land. 

Was ich mir überlegt habe, hat eigentlich zwei Dimensionen. Die eine Dimension ist sozialstruktureller Art: Wie kann man niedrigschwellig zugängliche Räume fördern, die zwecklos sind? Wo ich nicht hingehe, weil ich am Ende ein Zertifikat haben will oder weil ich eine bestimmte Leistung erbringen möchte, sondern wo ich hingehe in der Erwartung: Vielleicht treffe ich jemanden, vielleicht kann ich mich mit jemandem unterhalten, vielleicht gibt es eine interessante Begegnung an diesem Abend.

Professor Wolfgang Schroeder
© Stefan Gloede

Professor Wolfgang Schroeder ist Politikwissenschaftler an der Universität Kassel und lehrt zum politischen System der Bundesrepublik Deutschland. Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem auf Staatlichkeit im Wandel und den Beziehungen zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Von 2009 bis 2014 war er Staatssekretär im brandenburgischen Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie. Zuvor war er viele Jahre bei der IG Metall tätig.

"Eine wesentliche Quelle des Unmuts in unserer Gesellschaft scheint zu sein, dass man nicht mehr mag verstehen, warum der andere anders tickt als ich selbst. Und deshalb brauchen wir Räume, die anscheinend nicht einfach vom Himmel fallen." (Prof. Wolfgang Schroeder)

Und da hat sich historisch in unserem Kulturkontext, insbesondere im ländlichen Raum, die Kneipe als besonders zugänglich erwiesen. Vor Corona hatten wir in Deutschland etwa 30.000, 31.000 Kneipen. Und nach Corona waren das 15.000, es ist halbiert worden. Jetzt sind es zirka 22.000. Und wenn zirka 10.000 Kneipen fehlen, kann man doch schon mal eine These aufstellen, die auch anschlussfähig ist an bestimmte Lebenslagen.

Man muss nur mal mit dem Fahrrad durch Brandenburg fahren und dann stellt man fest, es gibt ein Kneipensterben, es gibt ein Sterben von öffentlichen Räumen, es gibt immer weniger Gemeinschaftshäuser und da kann man etwas tun. Und denke auch, dass die Kneipe gerade in dieser Zugänglichkeit ein ganz wichtiger Raum ist. Ich habe allerdings immer gesagt, es geht um dritte Orte. Es können natürlich auch Dorfgemeinschaftshäuser, Teestuben, Gesangsvereine, ein öffentliches Kino, Coworking-Stations sein, die gekoppelt sind mit anderen Formen der Kommunikation. Die auf jeden Fall deutlich machen, es geht um die Sozialität von Menschen, es geht um den öffentlichen Raum, es geht um Begegnung, es geht um Kreativität, es geht um Austausch. Und da ist ja der Fantasie keine Grenze gesetzt. 

Das Internet hat maßgeblich dazu beigetragen, dass öffentliche Räume auch geschrumpft sind, dass andere Formen der Kommunikation als plausibel, als schnell, als ergiebig, als freudvoll, als hassvoll, wie auch immer, gestaltet und wahrgenommen werden. Insofern ist es natürlich auch ein Plädoyer gegen das Digitale und für das Analoge.

Professor Wolfgang Schroeder und Dr. Sebastian Stude
© Stefan Gloede

Warum sind diese dritten Orte so wichtig für unsere Demokratie?

Wolfgang Schroeder: Diese ganzen Projekte kann man nicht einfach als Top-down-Projekte verstehen. Das wird nicht funktionieren, sondern es müssen Bottom-up-Bewegungen sein. Das heißt, es müssen Leute sein, die sagen: 

"Das ist doch toll hier bei uns, aber da fehlt was, und wir schließen uns jetzt zusammen und machen das." 

Es gibt so tolle Projekte, das kann man sich überhaupt nicht vorstellen. Genossenschaftliche Projekte, Ortschaften, wo gesagt wird, so, hier haben wir zwei Leute, die nehmen das in die Hand, die sammeln, haben auf einmal 250 Follower. Jeder Follower zahlt 200, 300 oder 1.000 Euro, wo ganz schnell auch relativ gute Basissummen zusammenkommen, wo investiert wird in das, was ohnehin an Raum da ist. 

Der entscheidende Punkt für öffentliche Räume ist Heterogenität. Öffentliche Räume als Begegnungsmöglichkeiten von Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichen Interessenlagen, mit unterschiedlichen Lebenslagen, weil Demokratie vom Austausch lebt. Manche sagen auch, die Seele der Demokratie ist das Gespräch, und das bedeutet, man muss Menschen zusammenbringen, die sonst vielleicht nicht zusammenkommen.

Also gegen diese geschlossenen Räume, gegen diese Blasen eine Möglichkeit aufbauen, so wie Sie das ja hier auch versuchen, wo Menschen zusammenkommen, die ganz unterschiedliche Ideen haben. Und das Ziel wäre nicht, dass die am Ende die gleichen Ideen haben, sondern sie erstmal begreifen: Warum hat der andere denn eine andere Idee als ich? Warum hat der eine andere Sensibilität? Warum hat der einen anderen Zugang zu diesem Problem? Das hört sich alles sehr banal an, scheint aber eine wesentliche Quelle des Unmuts in unserer Gesellschaft zu sein, dass man nicht mehr verstehen mag, warum der andere anders tickt als ich selbst. 

Das Gelingen dieser Räume hängt sehr stark von der Choreografie des Raumes ab. Wenn man Heterogenität herstellen will, dann hängt das davon ab, wer den ganzen Laden auch nach außen vertritt. Wenn da nur Männer sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen dorthin kommen, sehr gering. Das ist übrigens auch ein Argument gegen die Kneipe: nicht nur Alkoholismus, sondern das ist ein patriarchalischer Stammtisch, der sich über Zoten, Rassismus und andere Dinge reproduziert, und von daher ein No-Go. Wenn da nur Machos sind, die die Veranstaltung leiten, ist die Wahrscheinlichkeit der Reproduktion von männlicher Herrlichkeit sehr groß. Wenn das aber eine gemischte Truppe ist, dann kann das sehr gut funktionieren. 

Es geht auch nicht um eine politische Bildungsveranstaltung par excellence, sondern was man mit diesen Räumen machen kann: Leute zusammenbringen und Angebote unterbreiten.

Professor Wolfgang Schroeder
© Stefan Gloede

Braucht es ein Regelwerk? In wessen Händen liegt das? 

Wolfgang Schroeder: In der Verantwortung derjenigen, die es am Ende auch wuppen müssen. Das heißt, man braucht engagierte, kreative Menschen, die Spaß haben, mit anderen Menschen etwas auf die Beine zu stellen. Dann ist die Vereinswelt häufig auch gut anschlussfähig. Also, ich komme aus einem kleinen Ort in der Eifel, da gibt es auch keine Kneipe mehr, und da hatte ich mich mit dem Ortsvorsteher unterhalten, und wir kamen dann am Ende darauf, man könnte über die Vereine dafür Sorge tragen, dass zumindest in den Sommermonaten zweimal die Woche so eine Art Stammtisch, so ein öffentlicher Raum entwickelt wird. Und das hat er gemacht, und das ist sehr erfolgreich. 

Also man kann eigentlich mit relativ bescheidenen Mitteln in relativ kurzer Zeit etwas auf die Beine stellen. Das ist ja auch gut, dass man sieht, es geht mal was voran, es funktioniert was. Und vielfach sind ja die Räume da, aber dann gibt es natürlich den Brandschutz, dann gibt es andere Widerwärtigkeiten, die man da auch überwinden muss, und da zielt ja Ihre Frage auch ein bisschen drauf. Es reicht eben nicht nur der gute Wille, sondern man muss sich natürlich dann auch mit der Kommune, mit den entsprechenden Ämtern in Verbindung setzen, so dass da auch die Schankerlaubnis und viele andere Dinge dazukommen.

Der Erhalt lokaler Infrastruktur ist also auch Demokratiepolitik?

Wolfgang Schroeder: Ja, unbedingt. Ich habe mich auch mit Studien befasst, die sich das international angeschaut haben: Es gibt in Großbritannien eine große Pub-Bewegung, wo Andy Burnham als erste Tat die Popularität der Labour Party in eine ganz neue Dimension gebracht hat: 20 Prozent Steuerreduktion für alle Pubs in Großbritannien. Dann gibt es Studien für Frankreich, die können sehr gut nachweisen, wo das Sterben der Kneipen korreliert mit dem Aufstieg des Rassemblement National. Das heißt also, dort wo diese Räume nicht sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Interesse an den öffentlichen Dingen im Sinne eines kooperativ-solidarischen und fairen Miteinanders sinkt, sehr groß. 

Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist historisch gesehen auch eine Geschichte der Kneipenbewegung. Die Geschichte der Universitäten und der Studierenden ist auch eine der Kneipen. Man kann das auch für einzelne soziologische Gruppen durcharbeiten und sieht, dass in dieser Einrichtung der Kneipe mehr drinsteckt als der Zapfhahn und das Glücksrad.

 BLPB, Oktober 2026
 

Anm. d. Red.: Das Gespräch mit Professor Wolfgang Schroeder haben wir im Rahmen unserer Ausstellungseröffnung "Mitmachen. 'Demokratie in Brandenburg" aufgezeichnet. Für die schriftliche Form wurden die Fragen und Antworten redaktionell bearbeitet und gekürzt. Es gilt das gesprochene Wort. Den vollständigen Wortlaut hören Sie in unserem Podcast "Was ist da los? Über Politik und Gesellschaft".

Podcast "Was ist da los? Über Politik und Gesellschaft" 
  

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