Parteien stoßen seit ihrem Entstehen auf große gesellschaftliche Skepsis. Dabei halten sich manche Meinungen und Vorurteile hartnäckig – etwa der angebliche „Niedergang“ infolge sinkender Mitgliederzahlen oder vermeintliche „Kungeleien“ bei der innerparteilichen Personalauswahl. Der Beitrag zeigt, dass es sich bei diesen und weiteren verbreiteten Vorstellungen um Mythen handelt, und spricht sich für eine realistischere und differenziertere Bewertung der Rolle und Funktionsweise von Parteien aus.
Fünf Mythen
- Führt der Mitgliederverlust der Parteien zu ihrem „Niedergang“?
- „Kungeln“ Parteien ihr politisches Personal aus?
- Werden Frauen bei der Personalauswahl systematisch benachteiligt?
- Ist die Parteizugehörigkeit ein Nachteil im Rennen um politische Ämter und Mandate?
- Ist Wählen egal, weil sich die Programme der Parteien kaum unterscheiden?
Parteien sind Zusammenschlüsse von Bürgerinnen und Bürgern, die gemeinsame politische Ziele haben. In der deutschen Parteiendemokratie sind sie maßgeblich an der politischen Willensbildung, an Wahlen sowie der Bildung von Parlament und Regierung beteiligt.
Doch ihr Ruf hat in den letzten Jahren deutlich gelitten: Nach einer bundesweiten Umfrage der Körber-Stiftung vom Juni 2024 lag das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in Parteien bei gerade einmal neun Prozent – ein neuer Tiefstand.
Zudem bilden Parteien in den Vertrauenswerten stets das Schlusslicht unter allen abgefragten Einrichtungen und Institutionen, zu denen neben dem Bundesverfassungsgericht stets auch die Bundesregierung und der Bundestag zählen.
Um vorschnellen Urteilen entgegenzuwirken, werden im Folgenden fünf Mythen über die Arbeitsweise von Parteien näher betrachtet und eingeordnet.
1. Führt der Mitgliederverlust der Parteien zu ihrem „Niedergang“?
Die Mitgliederzahlen der Parteien haben sich seit 1990 nahezu halbiert. Nichts deutet allerdings darauf hin, dass dieser Verlust zum „Niedergang“ der Parteien führen könnte. In Wahljahren zeigt sich regelmäßig ein gegenteiliger Trend: 2013, 2017, 2021 sowie 2025 traten jeweils mehr Menschen in Parteien ein als aus.
Auch unabhängig davon ist eine positive Entwicklung zu beobachten: Im Jahr 2024 stieg der Gesamtbestand der Parteimitglieder um über drei Prozent, obwohl keine Bundestagswahl stattfand. Doch selbst ohne solche Zuwächse ist langfristig nicht mit einem Verschwinden der Parteien zu rechnen. Prognosen weisen darauf hin, dass Parteien auch langfristig Mitglieder haben werden, wenngleich auf einem niedrigeren Niveau. Für die Organisation der Parteien ist deshalb weniger entscheidend, wie viele Mitglieder sie konkret zählen, sondern wie viele von ihnen sich aktiv in der Partei engagieren.
2. „Kungeln“ Parteien ihr politisches Personal aus?
Vor nahezu jeder Bundestagswahl ist in Presseberichten von „Kungelei“ bei der Kandidatenaufstellung die Rede. Der laut Duden negativ verstandene Begriff bezeichnet geheime Absprachen einzelner Personen. Vorabsprachen gibt es in der Tat: zum Beispiel vor Listenparteitagen, wenn es darum geht, verschiedene Personen mit unterschiedlichen soziodemografischen Merkmalen und politischen Positionen auf der Landesliste zu platzieren oder bei der Suche nach geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten.
Nicht klar ist jedoch, warum diese Praxis problematisch sein sollte. Es stimmt zwar, dass die Gespräche im Vorfeld nicht für alle Parteimitglieder transparent sind. Richtig ist allerdings auch, dass die Ergebnisse dieser Absprachen in Form von Listenvorschlägen und den auf den Aufstellungsversammlungen antretenden (oder doch nicht antretenden) Personen sichtbar werden. Demnach haben stimmberechtigte Parteimitglieder alle relevanten Informationen, die sie für ihre Auswahlentscheidung benötigen.
3. Werden Frauen bei der Personalauswahl systematisch benachteiligt?
Die Frauenquote im Bundestag liegt bei 32,4 Prozent, obwohl Frauen in der Bevölkerung knapp in der Mehrheit sind. Im Brandenburger Landtag beträgt ihr Anteil aktuell 29,5 Prozent. Unweigerlich stellt sich die Frage, warum deutlich weniger Frauen als Männer in den Parlamenten sitzen. Richtig ist, dass die Parteien insgesamt weniger Kandidatinnen aufstellen: Bei der Bundestagswahl 2017 betrug ihr Anteil zum Beispiel 32,2 Prozent, so dass die Bürgerinnen und Bürger auf ihren Wahlzetteln viel öfter männliche als weibliche Wahlbewerber vorfanden.
Allerdings konnte für diese Wahl in einer Stichprobe aufgezeigt werden, dass sich noch weniger Frauen um eine Kandidatur bewarben (27,6 Prozent) und deshalb bei der Kandidatenaufstellung insgesamt etwas häufiger berücksichtigt wurden als Männer.
Um den Frauenanteil im Bundestag zu erhöhen, kommt es deshalb vor allem darauf an, mehr Frauen für eine Kandidatur zu gewinnen und bestehende Hürden (wie zum Beispiel die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Mandat) abzubauen.
4. Ist die Parteizugehörigkeit ein Nachteil im Rennen um politische Ämter und Mandate?
Bei den Brandenburger Bürgermeisterwahlen 2025 setzten sich mitunter Parteilose gegenüber Parteimitgliedern durch – so etwa die Potsdamer Oberbürgermeisterin Noosha Aubel oder der Luckenwalder Bürgermeister Jochen Neumann. Diese Beispiele könnten den Eindruck erwecken, die Mitgliedschaft in einer Partei sei ein Nachteil im Wettbewerb um politische Ämter und Mandate. Dies wäre aber ein Trugschluss. Richtig ist vielmehr, dass eine politische Karriere mit einer Parteimitgliedschaft sehr viel wahrscheinlicher ist: Schließlich haben Abgeordnete im Deutschen Bundestag bislang nur mit Unterstützung einer Partei einen Sitz erhalten.
Auch die Erfolge von Neumann und Aubel beruhen nicht auf ihrer formalen Parteilosigkeit. Beide wurden im Wahlkampf von Parteien unterstützt: Neumann von Die Linke, Aubel von Bündnis 90/Die Grünen, Volt und dem BSW. Zwar erscheinen sie auf dem Wahlzettel als parteilos, doch ihre politische Nähe und die hinter ihnen stehenden Unterstützernetzwerke waren eindeutig erkennbar. Ihr Erfolg ist deshalb nicht auf eine fehlende Parteimitgliedschaft zurückzuführen, sondern vor allem auf ihre Persönlichkeit und Bekanntheit, also Faktoren, die bei Direktwahlen traditionell eine besonders große Rolle spielen.
5. Ist Wählen egal, weil sich die Programme der Parteien kaum unterscheiden?
Für Wählerinnen und Wähler mag mitunter der Eindruck entstehen, die Parteien unterscheiden sich inhaltlich kaum. Wer jedoch vor der Bundestagswahl 2025 mit dem Wahl-O-Mat wichtige Positionen der etablierten Parteien miteinander verglichen hat, dem ist aufgefallen, dass deutliche Gegensätze zutage traten. Am deutlichsten zeigten sie sich zwischen der AfD und Die Linke beziehungsweise AfD und Bündnis 90/Die Grünen (jeweils 11 Prozent übereinstimmende Antworten). Doch auch zwischen CDU/CSU und Bündnis 90/Die Grünen sowie zwischen SPD und FDP war die Übereinstimmungsrate mit jeweils 37 Prozent überschaubar.
Die aktuelle Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD gab in weniger als der Hälfte aller Fragen (42 Prozent) übereinstimmende Antworten an. Wenn es also auf viele so wirkt, als sprächen beide Parteien „mit einer Stimme“, dann liegt es vor allem daran, dass sie vor der Bildung der Koalition verbindliche Kompromisse festgelegt haben und nach außen nur diese abgestimmten Positionen kommunizieren. In ihren Programmen bleiben die Parteien unterschiedlich, so dass jede Wahlentscheidung direkten Einfluss darauf hat, welche politischen Zielsetzungen verfolgt werden.
Anastasia Pyschny, Institut für Parlamentarismusforschung (IParl), Juni 2026
Einblicke ins Parlament
In loser Folge erklären Expertinnen und Experten vom Institut für Parlamentarismusforschung Zusammenhänge und Hintergründe.
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