Leichte Sprache

Zahlen: Sie sind längst nicht so eindeutig, wie es häufig scheint

Wir neigen dazu, Zahlen als eindeutig zu betrachten, meint der Schriftsteller Ulrich Woelk. Im Interview mit der Landeszentrale erklärt er, wie es dazu kommt und welche Gefahren es birgt.
Statistik. Bild: pixabay, CC0

In dem Beitrag „‘Zahlen lügen nicht‘ – ein gefährlicher Irrglaube“ schreiben Sie, dass Zahlen in Zeiten von Fake News eine besondere Autorität genießen. Was meinen Sie damit?

Zahlen vermitteln in unübersichtlichen Zeiten ein verlässliches Gefühl. Das liegt vor allem daran, dass wir dazu neigen, Zahlen als eindeutig zu betrachten. Wenn ein Fußballspiel 3:0 ausgegangen ist, gibt es nicht mehr viel zu diskutieren. Aber leider ist die Eindeutigkeit von Zahlen in der komplexen Wirklichkeit, in der wir leben, nicht ganz so zwingend wie ein Fußballresultat.

Können Sie Beispiele nennen?

Eines meiner Lieblingsbeispiele ist die Statistik der Krebsmortalität. Wenn man Menschen fragt, ob sie lieber in einem Land mit einer Krebsmortalität von fünf, 15 oder 30 Prozent leben würden, entscheidet sich natürlich jeder spontan für das Land mit der geringsten Rate. Das wären dann allerdings Nigeria oder der Tschad, denn dort liegt die Krebsmortalität bei 5 Prozent. Würde man sich für 15 Prozent entscheiden, könnte man immerhin in Brasilien oder der Türkei leben. Fiele die Wahl auf 30 Prozent, dürfte man in die Schweiz ziehen. An diesem Beispiel zeigt sich, wie schnell man sich von Zahlen täuschen lässt, denn die Krebsmortalität ist dort am höchsten, wo die Menschen auch am längsten leben. Je älter die Menschen werden, umso wahrscheinlicher ist es, dass sie irgendwann an Krebs erkranken. In Nigeria, wo die Lebenserwartung rund dreißig Jahre geringer ist als in der Schweiz, spielt Krebs als Todesursache daher kaum eine Rolle.

 

Ulrich Woelk. Foto: Bettina KellerUlrich Woelk ist freier Schriftsteller. Er studierte Physik in Tübingen und Berlin. Sein erster Roman, „Freigang“, erschien im Jahr 1990 und erhielt den „Aspekte“-Literaturpreis. Es folgten weitere Romane, Erzählungen und Theaterstücke.

Foto: Bettina Keller 


Warum glauben wir Zahlen mehr als Worten?

Weil wir es von den Zahlen, mit denen wir im Alltag umgehen, gewohnt sind, dass sie eindeutig sind. Wir verbinden mit ihnen Faktizität und Kompetenz. Das Fußballergebnis habe ich schon genannt. Ein anderes Beispiel sind die Preise von Waren. Die sogenannte „Geiz-ist-geil“-Mentalität besagt ja nichts anderes, als dass wir uns aus einer Menge von Zahlen für die kleinste, sprich das billigste Produkt, entscheiden sollen. An der Ladenkasse funktioniert das ja auch – ob es nachhaltig ist, ist eine andere Frage.

Zahlen haben also etwas Eindeutiges und Abschließendes, etwas, dem scheinbar nicht widersprochen werden kann. Wir lernen von klein auf, dass es falsch ist, Zahlen infrage zu stellen. Und tatsächlich lassen die Grundrechenarten ja zunächst einmal keinen Spielraum für die Interpretation der Ergebnisse.

Die Entdeckung der Zahlen ist eines der faszinierendsten und auch spannendsten Kapitel der Geistesgeschichte. Man könnte beinahe so weit gehen zu behaupten, dass keine Idee die Menschheit und ihr Zusammenleben nachhaltiger beeinflusst und geprägt hat, als die der Zählbarkeit von nahezu allem. Zahlen sind eine kulturelle Urerfahrung. Bereits als Kinder zählen wir Bonbons oder Sammelbildchen, um vergleichbare und gerechte Tauschmengen zu bestimmen, und verlassen uns dabei ganz auf die Eindeutigkeit von Zahlen.

Warum kann das gefährlich sein?

Weil es bei Entscheidungen und Abwägungen, die wir in einer modernen Gesellschaft zu treffen haben, nie um Zahlen mit der Eindeutigkeit von Preisen geht. Im Jahr 2015 sind etwas über zwei Millionen Menschen zugewandert. Rund eine Million ist aber auch fortgezogen. Der Wanderungssaldo von gut einer Million ist dann als Zahl in den Medien und der politischen Diskussion häufig als Maß für den Flüchtlingsstrom genannt worden. Betrachtet man den Migrationsprozess allerdings genauer, dann zeigt sich, dass rund 40 Prozent der Wanderungsbewegung aus Europa stammte, der überwiegende Teil davon sogar aus der EU. In der EU hat nun einmal erfreulicherweise jeder das Recht sich niederzulassen, wo er möchte. Die Zahl eine Million im Zusammenhang mit den damaligen Bildern von der Balkanroute vermittelte aber den Eindruck, als würde die EU von außen überrannt werden.

Dass die Zahl eine Million in der Debatte so wichtig wurde, hängt sicher auch mit einem weiteren, durchaus bekannten zahlenpsychologischen Gesetz zusammen: Diesem Gesetz zufolge kommen uns Neunerstellen bei Zahlen niedriger vor, als sie tatsächlich sind. So erscheint uns die Zahl 990.000 trotz des geringen Unterschieds deutlich kleiner als eine Million.

Das Problem ist der manipulative Umgang mit Zahlen und der schleicht sich manchmal über die Hintertür ein. Nehmen wir zum Beispiel eine scheinbar harmlose Formulierung wie: Eine Mehrheit der Deutschen ist einer Umfrage zufolge der Meinung … oder: spricht sich dafür aus … oder ähnlich. Wenn dann die konkreten Zahlen folgen, waren vielleicht 41 Prozent für etwas, 39 Prozent dagegen und dem Rest war es wurscht. Also ein vollkommen indifferentes Ergebnis.

Worauf sollten wir im Umgang mit Zahlen achten? Wie gelingt es uns, sie richtig einzuordnen?

Sorgfalt ist im Umgang mit Zahlen unverzichtbar. Was wir dringend brauchen, ist ein Gespür für die Plausibilität von Zahlen. In den Medien geraten Millionen, Milliarden oder Billiarden mit schöner Regelmäßigkeit durcheinander. Da steckt oft gar nicht böse Absicht dahinter, sondern zumeist Flüchtigkeit oder zuweilen wohl auch Unkenntnis.

Winston Churchill wird die Bemerkung zugeschrieben, er vertraue nur jenen Statistiken, die er selbst gefälscht habe. Das ist eine schöne, aber leider unzutreffende Pointe, weil sie impliziert, alle Statistiken seien mehr oder weniger Fälschungen. So ist es aber nicht. Das Problem liegt fast immer in einer unzulässigen Interpretation. Zum Beispiel werden häufig voneinander unabhängige Merkmale statistisch miteinander in Verbindung gebracht, und dann wird es wirklich gefährlich. Dann ist man schnell beim Rassismus, der blonde Haare mit Intelligenz verbindet, weil es in Schweden weniger Analphabeten gibt als im Kongo.

Die Formen von Fehl- und Uminterpretationen von Statistiken, denen wir im Alltag begegnen, sind vielfältig und oft sehr subtil. Schon in der Schule sollte daher auf einen kritischen Umgang mit Zahlen hingewirkt werden. Das könnte im Mathematikunterricht geschehen oder im Politik- und Geschichtsunterricht oder am besten in beiden.

BLPB, Dezember 2018