Garnisonkirche Potsdam: Überholtes Wahrzeichen oder neue Mitte?

Symposium

-

Potsdam, Blick vom Lustgarten zur Garnisonkirche
Potsdam (circa 1928 -1944), Blick vom Lustgarten zur Garnisonkirche. Bundesarchiv, Bild 170-177 / Max Baur / CC-BY-SA

Diese Frage bewegt viele Menschen. Über kaum ein Bauwerk Potsdams wird so viel gestritten wie über diese Kirche, die 1968 auf Geheiß Walter Ulbrichts gesprengt wurde.  Der erbittert geführte Streit um den Wiederaufbau ist nicht nur Ausdruck der Suche Potsdams nach einer zeitgemäßen Identität als Landeshauptstadt. Er ist auch Resultat der mythenüberladenen Geschichte dieses Bauwerks.

Um eine aufgeklärte Position zu erlangen ist es wichtig, diese Facetten zu beleuchten und zu besprechen. Prominente Experten haben sich bereit erklärt mit ihrer Fachkompetenz für diesen Dialog zur Verfügung zu stehen.

Programm:

Ankommen ab 13.30 Uhr

Teil I (14:00 - 16:00 Uhr)

"Die Stadtentwicklung Potsdams. Eine Bilderreise (1945-1989)"

  • Dr. Thomas Wernicke, Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte

"Wem gehört die Stadt? - Zur Zukunft historischer Städte"

  • Hathumar Drost

"Die Garnisonkirche - Überholtes Wahrzeichen oder neue Mitte?!"

  • Prof. Wolfgang Huber, Vorsitzender der Stiftung Garnisonkirche Potsdam

Aussprache im Plenum
Moderation: Dr. Martina Weyrauch, Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung

Kaffeepause (30 min)

Teil II (16:30 - 17:00 Uhr)

"Vorstellung der Entwurfsplanung für den Turm der Garnisonkirche"

  • Thomas Albrecht, Hillmer & Sattler und Albrecht, Architekt

Teil III (17:00 - 18:00 Uhr)

Podiumsdiskussion zwischen Prof. Hartmut Dorgerloh & Friedrich Schorlemmer
Moderation: Dr. Martina Weyrauch

Eine Veranstaltung der Stiftung Garnisonkirche Potsdam in Kooperation mit der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung

Linktipps

Bewertung
2 Stimmen, Bewertungen im Durchschnitt: 3 von 5

Kommentare

Kommentieren

1. DER GEPLANTE WIEDERAUFBAU DER GARNISONKIRCHE SCHEITERT

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich allerorten in Deutschland eine umstrittene Rekonstruktionskultur etabliert. Ihr Anliegen ist der originalgetreue Wiederaufbau von Bauwerken, die im Krieg oder in dessen Folge zerstört wurden. Potsdam ist ein exponierter Vertreter dieser Kultur. Aber: Potsdam ist darin gespalten. Eine Befragung der Bevölkerung, die stadtbildende Rekonstruktionsmaßnahmen demokratisch legitimieren würde, findet wiederholt nicht statt. Brüche der Geschichte, Zukunftsangst und Gentrifizierung verunsichern Menschen. Dies ist ein Symptom der Gegenwart. In als unsicher empfundenen Zeiten suchen Menschen ihren Hafen im Althergebrachten, scheinbar Vertrauten.

Die Methode Historisierung wird zum Identitätsvehikel und zum Versuch, Heimat zu gewinnen. Die Orientierung am Bild des Vergangenen gerät zum Fluchtweg aus der Unfähigkeit, Zukunft neu zu denken und zu entwerfen. In Potsdam ist dies virulent, denn die Stadt ragt heraus: Aus der Geschichte – der preußischen wie deutschen – und dem Gros der Kulturlandschaften. Das macht Potsdam so aufgeregt zur Frontstadt der Auffassungen seiner selbst. Idealisierte Bilder treffen auf gelebte Wirklichkeiten, überkommene Gesellschaftsentwürfe finden sich in ästhetisch verkürzten Abziehbildern hofiert.

Mit der Wiedervereinigung hatte Potsdam die Chance bekommen sich weiterzudenken – frei, undogmatisch, mit einer spielerischen Lust an Möglichkeiten – Es vergibt sie mit großer, überschwänglicher Geste. Der Kreativität unfähig, der Demokratie gegenüber argwöhnisch und dem Morgen gegenüber ängstlich, hat sich eine Minderheit von stadtbildenden Protagonisten hinter dem Argument Vergangenheit verschanzt. Sie propagieren es als alternativlos. Seit Jahren versucht man, die Garnisonkirche in Potsdam wiederaufzubauen. Initiiert von einem rechtsradikalen ehemaligen Oberstleutnant der Bundeswehr wird diese Idee mittlerweile aus einer Phalanx von Mächtigen in Politik, Wirtschaft, Kirche und Militär getragen. Gleichzeitig wird die Idee in Teilen der Bevölkerung abgelehnt.

Der Wiederaufbau ist heftig umstritten. Die Garnisonkirche ist Zeit ihres Bestehens nie nur eine einfache Kirche gewesen. Die 1735 fertiggestellte Kirche wurde als Militärkirche gebaut. Sie vereinigte in ihrer Grundintention die Verkündigung des Evangeliums mit der gleichzeitigen Glorifizierung militärischer Kultur, ästhetisch formuliert in der künstlerischen Ausstattung der Kirchenarchitektur. Zeitgenössisches Kriegsgerät und staatspolitische Machtsymbolik schmückten das Innere und das Äußere dieses Gotteshauses. Sein Gebrauch, seine Bestimmung und Botschaft weisen über einen bloßen Glaubensraum hinaus und sind stark mit der gesellschaftspolitischen Sphäre verstrickt.

Vielen Menschen, egal ob ChristInnen oder nicht, erscheint diese Verbindung widersprüchlich, grotesk, pervers. Sie wurde zum Betriebssystem der Praxis dieser Kirche: die Segnung von Waffen und Soldaten, der Missbrauch des Glaubens zur Rechtfertigung von Krieg und Gewalt und zur Fixierung scheinbar gottgewollter gesellschaftlicher Zustände. Das macht diese Kirche zu einem Ort, einer Angelegenheit, die alle angeht. Die Garnisonkirche ist deshalb als die Sache Garnisonkirche zu behandeln. Die Zerstörung der Kirche im Jahr 1945 kann als logische Konsequenz ihrer in die Welt gesandten Botschaft gelesen werden.

Ein schönes Gebäude mit schlechtem Karma – die Sache ist zu komplex, als dass sie mit der Methode Copy and Paste gelöst werden könnte. Als Kopie ist der Wiederaufbau nur eine kommentarlose Wiederholung. Er formatiert den konkreten Raum, droht Geschichte zu negieren und scheut die notwendige Auseinandersetzung über Bedeutung, Inhalt und Form dieses Ortes heute. Dabei ist abzusehen: Der geplante originalorientierte Wiederaufbau der Garnisonkirche wird scheitern. Genauer gesagt ist er es schon von Beginn an, weil eine Kopie der Garnisonkirche schon ein vorformuliertes Endergebnis eines ausgelassenen gesellschaftlichen Diskurses darstellt – eines Diskurses, in dem um Inhalt und Form dieses Ortes gerungen werden muss.

2. DIE SACHE GARNISONKIRCHE IST NICHT DIE KOPIE DER GARNISONKIRCHE Altbischof WOLFGANG HUBER, einer der Hauptprotagonisten des geplanten Wiederaufbaus, hat in einem Interview im Dezember 2012 den Wiederaufbau ein Projekt von nationaler Bedeutung genannt. Mit der Bedeutung hat er recht. Die Sache Garnisonkirche macht die Garnisonkirche zum Gegenstand einer notwendigen Betrachtung. Um eine Sache zu betrachten, bedarf es des Abstands und der Abstraktion, die Wesen und Erscheinung trennt. Es bedarf einer Abstraktion, die Reibung initiiert und in der baulichen Gestaltung Brüche sichtbar macht. Eine Kopie kann das nicht, weil sie ein Verharren in der zu betrachtenden Sache selbst bedeutet. Es fehlt das Vokabular – ein Begriff lässt sich nicht mit sich selbst erklären und erkennen.

Möglichkeiten der Annäherung an die Sache Garnisonkirche ergeben sich anhand der Frage, was die Garnisonkirche ist bzw. wie man sie sieht: Begreift man sie als Kirche – dann kann sie es in dieser konkreten Form – Militärästhetik und Glauben – mit dem heutigen glaubensethischen Verständnis nicht mehr sein. Begreift man sie als gestaltete Form, als historisch und künstlerisch wertvolles Bauwerk, baut man ihre Kopie als Fassade, da ihr einstiger Inhalt verbrannt ist, sie weder Kirche für eine Garnison ist und sein kann, noch als Ort der Betrachtung ihrer selbst zu gebrauchen ist.

Wer die Kirche originalgetreu aufbauen will, übergeht – bewusst oder unbewusst – das Paradox ihres Form-Inhalt-Zusammenhangs. Als Filmstadt hat Potsdam eine lange Tradition darin, gebauten Schein durch das Medium Film fiktive Wirklichkeit werden zu lassen. Im gelebten öffentlichen Raum der Gegenwart hat Kulissenarchitektur etwas Billiges an sich – eine Wirkung, die im Falle der kopierten Garnisonkirche zudem sehr teuer zu erkaufen wäre.

Was geschieht mit der Wirklichkeit einer Stadt, die zur Fassade wird? Das historische Erbe Potsdams und die Spuren seiner Geschichte zu schützen heißt, die Aura der überlieferten Originale nicht mit wertlosen Kopien zu verdünnen und damit selbst in Frage zu stellen.

3. DEN ORT DER GARNISONKIRCHE NEU DENKEN

Zwei Hauptargumente fallen in der Rhetorik der Befürworter auf: Die Garnisonkirche gehöre zu Potsdam und dessen Stadtbild. Mit ihrer Zerstörung habe die Stadt ihr Herz verloren, das ihr mit der Kopie zurückgegeben werden muss. Interessant ist, dass diese Sichtweise Potsdam auf ein überliefertes, historisches Bild reduziert, welches den Anspruch erhebt, ewig gültiger Maßstab zu sein. Die gelebte Stadt als Ergebnis geschichtlicher Entwicklung, also gesellschaftlicher, ästhetischer und funktionaler Umbrüche, wird ignoriert und ausgeblendet. Als Argumente für die Rekonstruktionsbetrebungen wird die Suche nach Identität und werden behauptete Traditionslinien bemüht. Ein gefährlicher Ansatz, weil die Verhandlung dieser Motive in Potsdam nicht demokratisch geschieht und die Spaltung der seit der Wiedervereinigung im hohen Maße gentrifizierten Stadt vertieft.

Symptomatisch für jene Kräfte, die ein wiederherzustellendes Potsdam postulieren, ist die willkürliche Methode Barock und der Fundamentalismus des Originalgetreuen. Noch Ende der 90er Jahre war es möglich, die stadtbildprägende im Krieg zerstörte Heilig-Geist-Kirche, in neuer Bauform und Funktion als Silhouette der Stadt zurückzugeben. Ein Mut und ein Abstraktionsvermögen, die im heutigen Potsdam unmöglich scheinen.

Die Einwohner der Stadt sollten sich gemeinsam Fragen stellen können, um ihrer Stadt eine Richtung zu geben: Was hat Potsdam verloren? Was hat es gefunden? Was will es sein – und für wen? Das zweite Hauptargument ist die Schönheit der einstigen Garnisonkirche – „Aber sie war doch so schön!“. Was aber soll das sein: Schönheit? – Per se? Bei einem umstrittenen Projekt wie dem Wiederaufbau der Garnisonkirche wird das schwierig. Ein übergeordnetes, allgemeingültiges Prinzip Schönheit gibt es nicht. Was das persönliche Empfinden emotional behaupten kann, wird in diesem Fall keine kollektive Übereinkunft erzielen. Die Garnisonkirche lässt sich nun mal nicht abgekoppelt von ihrer inhaltlichen Aufladung betrachten. Die Doppelbödigkeit von Wesen und Erscheinung sollte eine heutige Unvoreingenommenheit in der ästhetischen Wertung der Kirche eigentlich unmöglich machen. Abgesehen von der Frage, was eine Kopie mit dem Original anstellt: Die Garnisonkirche ist viel zu sehr Begriff, als dass sie wahr in ihrer Form sein könnte. „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang“, schrieb RILKE – Eine aufgeklärte, nachtotalitäre Gesellschaft könnte das wissen. Des schrecklichen Anfang ist die Garnisonkirche Zeit ihres Bestehens oft gewesen – und letzlich auch Teil dessen Endes.

Die Protagonisten des Wiederaufbaus sind sich offensichtlich darüber nicht im klaren, dass sie auch ihre eigenen Erinnerungs- und Handlungsmotive dem vermeintlich Schönen opfern und damit aus der Welt schaffen. Anstatt der konzeptionell gescheiterten Kopie kann und darf Stadtentwicklung diesen Ort weder verschweigen noch der Verwertungslogik des banalen Immobilienmarktes überlassen. Der aufgeladene Ort der ehemaligen Garnisonkirche muss der konzeptionellen bzw. architektonischen Auseinandersetzung mit ihr vorbehalten sein. Es muss darum gehen, eine räumliche Methode zu entwickeln, die sich auf den Inhalt Garnisonkirche bezieht.

Wie man vom Inhalt zur Form findet, die die Tradition der Garnisonkirche gestalterisch bricht (möglicherweise auch zitiert), bzw. mit dem Wissen um sie eine neue soziokulturelle Tradition begründet, muss die längst überfällige gesellschaftliche Diskussion erbringen. Die größte Herausforderung besteht darin, den Ort sinnhaft in das Potsdamer Gedenkstättenkonzept einzubinden. Auch die heftigen Auseinandersetzungen um den Wiederaufbau, die seit der Wiedervereinigung in Potsdam geführt werden und diesen Ort fortlaufend aufladen, gehören mittlerweile zur Geschichte der Garnisonkirche. Sie müssen als nicht abgeschlossener, wahrscheinlich auch nicht abzuschließender, nicht vermittelbarer Prozess als Bestandteil in ein neues Konzept einfließen.

In der Tat: Die Sache Garnisonkirche ist von nationaler und internationaler Bedeutung. Das Thema muss auf einer neuen Ebene verhandelt werden – frei von privaten, emotionalen und ästhetischen Befindlichkeiten. Die Sache Garnisonkirche gehört endlich in einen öffentlichen, offenen, sachlichen und fachlichen Diskurs hinein! Sie darf nicht durch eine provinzielle Posse im sinnfreien Copy and Paste scheitern. Eine kopierte Garnisonkirche steht der Stadt Potsdam, steht Deutschland, steht der demokratischen wie christlichen Praxis schlecht zu Gesicht.

WIR SAGEN: ZURÜCK AUF START! UND FORDERN EINEN OFFENEN DISKURS – EINEN IDEENWETTBEWERB FÜR DEN ORT DER GARNISONKIRCHE ____ MARCUS GROßE

Der Text wurde als HILFERUF AUS POTSDAM am 17.Juni 2013 von der Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche veröffentlicht.

Zurück auf Start? Die Debatte hat doch schon stattgefunden und die gesetzlichen und damit rechtlichen Weichen sind gestellt. Darauf sollte man sich konzentrieren und schauen, was man in dieser Situation realistischerweise noch tun kann. Vielleicht mehr Menschen für die eigene Idee begeistern und den Druck von der Straße erhöhen? Volksinitiative, Volksbegehren, Volksentscheid. Sind doch alle Wege offen, allerdings ist es in Brandenburg mit der direkten Demokratie nicht so weit her, auf dem Papier ja, in der Praxis jedoch kaum erfolgreich. Mit solchen Appellen wie diesem hier, wird das aber in jedem Fall gar nichts.

Eine Reflexion des letzten Teils des Symposiums von Jana Haase (pnn) http://www.pnn.de/potsdam/807236/

Neuen Kommentar hinzufügen

Eingeschränktes HTML

  • Erlaubte HTML-Tags: <a href hreflang> <em> <strong> <cite> <blockquote cite> <code> <ul type> <ol start type> <li> <dl> <dt> <dd> <h2 id> <h3 id> <h4 id> <h5 id> <h6 id>
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.