Journalistin Kristina v. Klot trifft in Brandenburg Menschen, die sich für Vielfalt und Demokratie engagieren. In Potsdam erzählt ihr Mohammad Ibrahimi, wie er mit Straßenfußball junge Menschen spielerisch dazu anstößt, Vorurteile abzubauen und verhärtete Fronten aufzubrechen.
Wenn Mohammad Ibrahimi, genannt Momo, über diese Szene während der einwöchigen #respectpanna-Sommertour spricht, muss der 20-Jährige lächeln. Mit verschränkten Armen standen damals Dutzende Jugendlicher auf dem Schulhof einer Oberschule in Elsterwerder am Rand eines Panna-Courts.
Das kompakte, von einer Bande umgebene achteckige Spielfeld hatte der passionierte Fußballer und Leistungssportler mit seinem Team selbst aufgebaut. Dann erklärte er die Regeln dieser Eins-gegen-eins-Variante des Straßenfußballs, bei der es darum geht, den Ball durch die Beine des Gegners zu spielen. Zunächst kam keine Reaktion, auch nicht als er „coole Freestyle-Tricks“ in Aussicht stellte. Nur ein Junge rief laut über den Schulhof: „Was will der uns schon zeigen? Schaut ihn Euch doch mal an!“
Ein paar Fußballtricks genügen, und aus Ablehnung wird Bewunderung
„Digga, unglaublich – warum bist du so gut? (..) Wie machst Du das?“
Doch von abfälligen Bemerkungen lasse er sich nicht provozieren, sagt Momo. Er sei als Achtjähriger mit seiner Familie aus Afghanistan geflohen und in Brandenburg aufgewachsen und habe „von sehr schlimmen bis zu sehr schönen Begegnungen“ schon alles erlebt. Deshalb machte er auf dem Schulhof einfach weiter, zeigte mit einer kurzen Showeinlage, was er am Ball alles kann und lockte immer mehr Leute in den Court.
„Auf einmal fingen Mädchen an, sich über Mitschüler zu amüsieren, die es trotz großer Sprüche nicht schafften, mich zu tunneln.“ Nachdem auch der Junge, der ihn beleidigt hatte, scheiterte, sei der plötzlich fast freundschaftlich auf ihn zugegangen: „Digga, unglaublich – warum bist du so gut?“ Und wie hat Momo reagiert? „Ich meinte zu ihm: ‚Ey, ich habe mitbekommen, was du vorhin gesagt hast!‘ Darauf er: ‚Das war nicht böse gemeint, ich hab‘ noch nie einen Typ gesehen, der so schnelle Beine hat. Wie machst Du das?‘ Ich dachte nur: So schnell können sich die Dinge ändern im Leben.“
Die Panna-Aktion trug dazu bei, dass sich die Stimmung an der Schule verbessert hat
„Das kann der Sport – besonders der Fußball – echt gut: Menschen zusammenbringen!“
Die Station in Elsterwerda hatte einen konkreten Anlass: Weil es an der örtlichen Oberschule immer wieder Konflikte zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen gab, wandte sich ein ehrenamtlicher Unterstützer der Brandenburgischen Sportjugend (BSJ), der Jugendorganisation des Landessportbundes Brandenburg, an die Rektorin. Er schlug vor, mit dem Projekt #respectpanna vorbeizukommen und dabei zu helfen, Spannungen abzubauen. Und was hat der Besuch bewirkt?
Momo berichtet stolz, dass Jugendliche aus den zuvor zerstrittenen Gruppen wieder aufeinander zugegangen seien. Inzwischen wünscht sich die Schule sogar einen eigenen Straßenfußball-Court auf dem Schulgelände. „Das kann der Sport – besonders der Fußball – echt gut: Menschen zusammenbringen!“
Auch im Sport ist gegenseitiger Respekt das A und O
„Wer Fehler macht, muss sich entschuldigen; wer einen Spieler tunnelt, sollte ihn nicht bloßstellen, und wer verliert, sollte die Leistung des Anderen anerkennen.“
Als Teamer, der sich für #respectpanna auch viele Stunden ehrenamtlich engagiert, ist Momo in ganz Brandenburg unterwegs: an Schulen, auf Bolzplätzen, Stadtfesten und in Gemeinschaftsunterkünften. Ihm liegt nicht nur daran, spektakuläre Tricks vorzuführen, sondern auch Fairplay und Toleranz zu vermitteln. „Gegenseitiger Respekt ist das A und O, aber man erlebt ihn leider nicht überall. Auch im Fußball gibt es immer wieder Leute, die nach einem Foul dem anderen nicht die Hand geben. Mir ist wichtig: Wer Fehler macht, muss sich entschuldigen; wer einen Spieler tunnelt, sollte ihn nicht bloßstellen, und wer verliert, sollte die Leistung des Anderen anerkennen.“
Brücken zu bauen, hat er bereits als Kind in der Flüchtlingsunterkunft gelernt
„Zum Kicken braucht man keine Sprache, jeder ist willkommen, alle kennen die Regeln und dann geht’s los!“
Wie sehr Fußball verbinden kann, weiß Momo aus eigener Erfahrung. Als seine Familie 2015 aus Afghanistan nach Deutschland kam, landeten sie zunächst in einer Flüchtlingsunterkunft in Eisenhüttenstadt. Dort traf er auf Kinder und Jugendliche aus Afrika, Asien und anderen Teilen der Welt. Trotz unterschiedlicher Sprachen und kultureller Hintergründe sei die Kontaktaufnahme per Ball leicht gewesen, erinnert sich Momo. „Zum Kicken braucht man keine Sprache, jeder ist willkommen, alle kennen die Regeln und dann geht’s los!“
Wie aus Ablehnung Freundschaft wurde:
„Dank der neu zusammengewürfelten Mannschaften wurde allen klar: ‚Ihr seid ja ganz anders als wir dachten!‘
Später zog er mit seinen sechs Geschwistern und den Eltern in den Süden Brandenburgs. Auf einem Bolzplatz in Luckau trafen Momo und seine Freunde regelmäßig auf einheimische Jugendliche, die aus ihrer Ablehnung gegenüber Geflüchteten keinen Hehl machten. Eines Tages waren sie zuerst auf dem Platz, allerdings ohne Ball. Den brachten Momo und seine Leute mit und schlugen vor, zur Abwechslung mal mit gemischten Mannschaften zu spielen.
Nach anfänglicher Skepsis hätten sich daraus viele gemeinsame Trainings und sogar Freundschaften entwickelt, erzählt Momo. Wenn er heute nach Luckau kommt, treffe er häufig ehemalige Mitspieler, die sich auch mit neu angekommenen Geflüchteten angefreundet hätten. „Dank der neu zusammengewürfelten Mannschaften wurde allen klar: ‚Ihr seid ja ganz anders als wir dachten!‘ Inzwischen feiern wir in großen Runden das Zuckerfest oder grillen gemeinsam.“
Die Frage, wie man zu so schnellen Beinen und Füßen kommt, hört Momo ständig.
„Ich sage dann immer: Du musst Dir viele YouTube Tutorials anschauen und üben, üben, üben!“
Von einer Karriere als Fußballer träumte Momo schon als Grundschüler. Mit zwölf Jahren schaffte er den Sprung an die Sportschule in Frankfurt (Oder), lebte dort vier Jahre im Internat und spielte für den 1. FC Frankfurt (Oder). 2023 wurde er mit der U17 des Vereins Deutscher Meister im Hallenfußball (Futsal). Inzwischen ist er beim FC Liria Berlin in der Futsal-Bundesliga und absolviert ein duales Sportmanagement-Studium. Den praktischen Teil absolviert er bei der Brandenburgischen Sportjugend (BSJ), die er schon seit Schulzeiten kennt: durch eine Projektwoche zum Straßenfußball und zahlreiche Turniere, bei denen er mitgemacht hat.
Dass er Teil des Teams #respectpanna wurde, führt er auf sein großes technisches Können zurück – unter anderem beherrscht er eine Art Moonwalk mit Ball oder den Momo-Flick, bei dem er den Ball zwischen Knien und Knöcheln jongliert – und sehr gute Kontakte zur Freestyle-Szene. Beides verdanke er unzähligen Wochenendausflügen in die damalige Adidas Football Base, einer kostenlos zugänglichen Fußballhalle für Freizeitkicker im Berliner Wedding. „Oft höre ich: Wie bekommt man denn so schnelle Beine und Füße? Nicht mal Ronaldo kann das!‘ Ich sage dann immer: Du musst Dir sehr viele YouTube-Tutorials anschauen und üben, üben, üben.“
Respekt bedeutet für ihn immer auch Wertschätzung für die „unglaublich harte Arbeit“, die in jedem Können steckt. „Ich bin total glücklich und stolz, Kindern und Jugendlichen meine Freude am Fußball zu vermitteln – und meine Werte. Und ich finde es toll, dass ich für viele ein Vorbild bin und Kindern, denen es so geht wie mir früher, etwas von dem zurückgeben kann, was ich selbst an positiven Erfahrungen machen durfte.“
Fairplay beginnt bei dir!
Du spielst gerne Fußball? Oder hast du einfach Lust, neue Leute kennenzulernen? Dann probier doch mal Panna aus! Bei dieser Spielart des Straßenfußballs treten zwei Menschen gegeneinander an und versuchen, sich gegenseitig zu tunneln. Das heißt, den Ball durch die Beine des Gegenübers zu spielen. Dabei kommt es nicht nur auf schnelle Beine, raffinierte Tricks und Ballgefühl an. Mindestens so wichtig sind Fairness und gegenseitiger Respekt.
Und das Beste: Dabei spielt es keine Rolle, woher du kommst, welche Sprache du sprichst oder wie gut du schon kicken kannst. Denn hier geht es nicht nur ums Gewinnen, sondern auch darum, gemeinsam Spaß zu haben und neue Kontakte zu knüpfen.
So kannst du den Ball ins Rollen bringen:
- Schnapp dir einen Ball und verabrede dich mit anderen zum Kicken: auf dem Bolzplatz, dem Schulhof oder im Park.
- Lade auch Leute ein, mit denen du bisher wenig zu tun hattest. Vielleicht entdeckt ihr beim gemeinsamen Spielen ganz neue Seiten aneinander.
- Du willst deine Ballkünste verbessern? Schau dir Freestyle-Tricks und Tutorials im Netz an und übe, übe, übe – am besten gemeinsam mit anderen.
- Achte auf Fairplay: Entschuldige dich nach einem Foul, erkenne die Leistung anderer an und mach niemanden lächerlich, der einen Fehler macht oder verliert.
- Wenn jemand wegen seiner Herkunft, seines Aussehens oder weil er oder sie nicht so gut Fußball spielt, ausgegrenzt wird, schau nicht weg.
- Du hast Lust auf mehr? Dann besuche eine Mitmachaktion oder werde selbst Teil der Panna-Crew!
Was du brauchst:
- Einen Ball und etwas Platz zum Spielen
- Neugier auf andere Menschen und Lust, gemeinsam etwas auszuprobieren
- Fairness und die Bereitschaft, auch mal eine Niederlage einzustecken
- Ein bisschen Geduld, wenn ein Trick nicht gleich beim ersten Mal klappt
Was du nicht brauchst:
- Eine Mitgliedschaft im Fußballverein
- Teure Sportausrüstung, besondere Fußballschuhe oder einen professionellen Fußballplatz
- Perfekte Technik oder jahrelange Trainingserfahrung
- Eine gemeinsame Sprache oder eine ähnliche kulturelle Herkunft. Beim Kicken versteht man sich auch ohne viele Worte
Das hast du davon:
- Du lernst neue Tricks und kannst deine Geschicklichkeit am Ball verbessern.
- Du begegnest Menschen, mit denen du sonst vielleicht nie ins Gespräch gekommen wärst.
- Du entdeckst Gemeinsamkeiten mit Menschen, die dir zunächst fremd waren. Vielleicht entstehen daraus sogar Freundschaften.
- Du lernst, mit Niederlagen umzugehen, andere anzuerkennen und dich auch mal zu entschuldigen.
- Du erlebst, dass Respekt keine Einbahnstraße ist und dass Fairplay weit über den Fußballplatz hinauswirkt.
Mehr erfahren und mitmachen:
Du möchtest Panna ausprobieren, bei einer Mitmachaktion dabei sein oder sogar Teil der #respectpanna-Crew werden? Dann schau auf der Website der Brandenburgischen Sportjugend vorbei. Dort erfährst du mehr über das Projekt und kannst dich direkt an Momo wenden, wenn du Teil der Crew werden möchtest.
sportjugend-bb.de/strassenfussball/respect-panna/
Ehrenamtliche zeigen, dass es sich lohnt, selbst aktiv zu werden. Man überlistet eigene Vorurteile, lässt Ignoranz und Unzufriedenheit hinter sich und erlebt, wie man gemeinsam mit anderen viel bewirken kann. In der Blog-Reihe „Es bewegt sich was in Brandenburg“ stellt die Journalistin Kristina v. Klot einige dieser engagierten Menschen vor.
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