Selbst aktiv werden und nicht warten, bis andere es tun - wer macht so etwas? Die Journalistin Kristina v.Klot reist in verschiedene Regionen Brandenburgs und fragt Menschen, die sich ehrenamtlich für ein demokratisches Miteinander engagieren, was sie konkret bewegen und verändern. Erste Station ist Wittenberge in der Prignitz. Tina Vogel hat hier die Macherin in sich und die Prignitzer für sich entdeckt.
Tina Vogel: Manchmal reicht schon eine gute Idee
Die erste Station der Reise durch Brandenburg ist Wittenberge in der Prignitz. Tina Vogel ist 2019 von Berlin hierhergezogen, weil sie die Hektik und Lautstärke der Großstadt hinter sich lassen wollte. Die Germanistin und Sozialwissenschaftlerin, die bei der Landesgartenschau 2027 für die Bereiche Ehrenamt und Programm angestellt ist, arbeitet für den Begegnungsort "Marthas Tisch", den sie mit initiiert hat und engagiert sich unter anderem beim Demokratieforum Prignitz - einem lockeren Bündnis, das 2013 gegründet wurde und von Menschen aus der Zivilgesellschaft, Politik und Kultur lebt.
„Da standen wir ganz ohne Info-Tisch und Materialien vor dem Supermarkt und haben Menschen, die vorbeikamen, einfach angesprochen: 'Was vermisst du, was brauchst du, was wünschst du dir?'"
Das Netzwerk organisiert den Austausch regionaler Akteure mit dem Ziel, Partizipation zu fördern und Spaltung entgegenzuwirken. Wenn es darum geht, auf Menschen zuzugehen und Brücken zu bauen, ist die 39-Jährige besonders gerne dabei. Ihr Engagement belegt: Manchmal reicht schon eine gute Idee aus – in diesem Fall für unerwartete Begegnungen und Gemeinschaftserlebnisse.
"Komm', lass mal reden!"
„Da standen wir ganz ohne Info-Tisch und Materialien vor dem Supermarkt und haben Menschen, die vorbeikamen, einfach angesprochen: 'Was vermisst du, was brauchst du, was wünschst du dir?'", umreißt Tina Vogel eine der größeren Aktionen des Demokratieforums der letzten Jahre, die auf „extrem viel Offenheit und Resonanz“ stieß. Was in den Augen der 39-Jährigen kein Wunder ist. „Den meisten Leuten hier fehlt der Austausch, die wollen reden.“
Dabei sei die Unsicherheit, wie man sich politisch informiert, ebenso groß wie die Angst, Fehler zu machen. Das führe zu Aussagen wie: 'Man darf ja gar nichts mehr sagen'. Zugleich habe sie aus vielen Gesprächen gelernt: „Nicht belehren, einfach da sein und zuhören“. Denn beim Versuch, hier mit Menschen in Kontakt zu kommen, gebe es viele Hürden, vor allem für Zugezogene, die vermeintlich alles besser wüssten. Um aus dieser - so Vogel - „Links-Grün-versifft-Schublade“, in der man schnell lande, herauszuklettern und Gräben zu überwinden, müsse man mit alternativen Angeboten überzeugen.
„Meistens fange ich als Erste einfach an, aus vollem Herzen los zu eskalieren."
Während sich ihr Engagement in Berlin darauf beschränkte, „auf Demos klare Kante gegen Rechts“ zu zeigen, habe sie erst in Wittenberge die Macherin in sich entdeckt. Denn um etwas bewirken zu können, ist für sie inzwischen der Aufbau von Begegnungsorten der zentrale Hebel, sagt die Aktivistin und nennt als Beispiel den „Stadtsalon Safari“, einen Kulturraum mitten in Wittenberge. „Nach und nach wurde mir klar, dass ich selbst mit aufbauen muss, was mir fehlt, zum Beispiel Konzertreihen, und was für tolle Nebeneffekte das haben kann.“
Wichtig ist: Niemand muss singen
Ein Beispiel sind die von ihr initiierten Karaoke-Abende, an denen zwei- bis dreimal im Jahr 30 bis 40 Gäste kommen. Und wie lockt sie die Menschen an? Wichtig sei, alle sozialen Kanäle zu nutzen und klarzumachen, „dass niemand singen muss!“. Auch vor Ort sei die größte Herausforderung, den Leuten die Angst zu nehmen, „performen“, also selbst auftreten zu müssen, sodass peinliche Pausen entstehen. „Meistens fange ich als Erste einfach an, aus vollem Herzen los zu eskalieren. Und davon lassen sich dann viele anstecken.“
„Es ging um die Begegnung von Mensch zu Mensch, die so auf der Straße vermutlich nie stattfinden würde.“
Wenn sofort bestimmte Schubladen aufgehen
Und das führt zu überraschenden Begegnungen. Beim letzten Karaoke-Abend tauchten zwei Unbekannte auf, die eigentlich in die Kneipe gegenüber gehen wollten, aber durch den handbeschriebenen Aufsteller vor der Tür neugierig wurden. „Zwei Typen, einer im Pulli mit Deutschland-Flagge, von denen ich dachte: 'Ok, da gehen bei mir sofort bestimmte Schubladen auf.'“ Aber schon nach dem zweiten Bier hätten sie zusammen auf dem Sofa gehockt. „Ich bin einfach da hin und habe gesagt: Komm, lass' mal reden.“ Und obwohl es um Heimat ging „und es schon auch hitzig wurde“, spricht Tina Vogel von einem Austausch auf Augenhöhe.
„Die Tür war zu keinem Zeitpunkt zu, und mein Gesprächspartner war der Letzte, der ging.“ Das Verbindende an diesem Abend sei nicht nur das gemeinsame Singen gewesen, sondern dass sich alle im Raum miteinander wohlgefühlt hätten: „Es ging um die Begegnung von Mensch zu Mensch, die so auf der Straße vermutlich nie stattfinden würde.“
Checkliste zum Mitsingen
So gelingt der eigene Karaoke-Abend. Tipps von Tina Vogel
- Finde einen Raum in deiner Nachbarschaft: Ob Gemeinschaftsraum, Vereinsheim, Kulturzentrum oder Hobbykeller – Hauptsache, es ist ein Ort, an dem Menschen aus deinem Umfeld unkompliziert zusammenkommen können. Das kann auch unter freiem Himmel sein.
- Mache Werbung: Nutze Flyer, soziale Medien und Mundpropaganda, um möglichst viele Menschen zu erreichen und signalisiere beim Thema Singen: Alles kann, nichts muss.
- Lade Nachbarn, Freunde und Bekannte ein und sei offen für Gäste, die du nicht kennst. Und da Mitmachen verbindet: Bitte deine Gäste, ein paar Snacks/Getränke mitzubringen.
- Organisiere ein Karaoke-Mikrofon und eine Playlist.
- Gehe gut gelaunt in den Abend, sei offen für neue Begegnungen, bringe Menschen zusammen und werde ein Brückenbauer!
- Trau dich, aktiv zu werden! Jeder kleine Schritt zählt – starte noch heute und bringe Menschen in deiner Nachbarschaft zusammen!
Ehrenamtliche zeigen, dass es sich lohnt, selbst aktiv zu werden. Man überlistet eigene Vorurteile, lässt Ignoranz und Unzufriedenheit hinter sich und erlebt, wie man gemeinsam mit anderen viel bewirken kann. In der Blog-Reihe „Es bewegt sich was in Brandenburg“ stellt die Journalistin Kristina v. Klot einige dieser engagierten Menschen vor.
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