Es kann so einfach sein. Teil 10

Rib – Rib – Ribbeck. Busfahren in Brandenburg

"Wie ist Brandenburg nun eigentlich?“ „Keine Ahnung. Ich glaube, Du kannst nirgendwo finden, wie Brandenburg eigentlich ist. Dazu ist es viel zu verschieden. Du kannst nur Dein Brandenburg finden.“ „Und wie ist Dein Brandenburg?“

Vor einem Jahr ist Theresa zu Frau Ragow nach Falkensee gezogen. Am Anfang ist sie nach der Arbeit umständlich mit dem Bus von Spandau hintenrum nach Falkensee gefahren anstatt geradeaus mit dem Zug. Darüber machte sich ein Busfahrer lustig. Trotzdem freundeten sich die beiden an. Seitdem fährt Theresa viel öfter Bus. Ist viel entspannter als die Regionalbahn und sie kann den Busfahrer treffen. Zum Advent hat der Busfahrer Theresa zu Fahrt durch das Havelland eingeladen.

Frau Ragow hat mir einen halben Stollen eingepackt. Guten Butterstollen mit ordentlich Rosinen und Zitronat. „Es muss auf der Zunge schmelzen!“ Dazu eine Thermoskanne Kaffee und zwei kleine Kräuterschnaps. „Dann könnt ihr schön Butterfahrt machen.“  Doch jetzt stehe ich im Regen in Nauen. Mein Busfahrer wollte mich um halb zwei vom Bahnhof abholen. Es ist um zwei, nass und hier ist kein Bus. Überhaupt ist hier sehr wenig. Mit gegenüber sitzt eine Katze und schaut, wie es mir von der Nase tropft. Der Katze wird langweilig. Sie geht. Um halb drei ist er endlich da. Mit dem 661er auf eine Stichfahrt nach Friesack.

In Nauen ist es menschenleer, aber jedes Haus leuchtet in Vorfreude auf Weihnachten. In der Altstadt steht ein Krankenwagen, ein Polizeiauto und ein Leichenwagen.

„Oh man. Wieder einer. Dienstag war Einsatz in Ohnewitz. Das ist Strecke 687er, weißt Du. Herr Pospich. Von der Treppe gefallen und dann tot.“
„Schlimm.“
„Ja. Aber es sterben oft Leute in den Dörfern. Sind ja viele auch alt jetzt.“

Der Busfahrer fährt die Strecken hier täglich. Die Leute erzählen ihm, was los ist. Von Nauen weiß er alles. Von den Dörfern erfährt er nur, was die alten Leute und die Schüler wissen. Die anderen fahren alle Auto. Hinter Pessin reißt der Himmel auf. Die Sonne schickt vor dem Untergehen noch Strahlen durch die Baumallee. Jetzt haben alle Bäume Weihnachtsbeleuchtung. Ich packe den Stollen aus und gieße uns Kaffee ein. Im Bus ist es warm und draußen leuchtet der Himmel. Ich gewöhne mich an die Romantik des Busfahrens.

Der 681er macht bis Friesack immer Stichfahrten. Er fährt von der großen Straße ab in eine Nebenstraße zu irgendeinem kleinen Dorf. Und dann wieder zurück. Die Baumalleen sind aufregend. In Retzow steht vor einem verfallenen Schloss ein Junge und winkt. Der Busfahrer bleibt stehen.

„Was geht Ahmed?“
Der Busfahrer kennt hier alles und jeden.
„Kannst Du mich mitnehmen bis Senzke? Basti hat die Playstation klar gemacht.“
„Ja. Komm rein in die warme Stube.“

Ich serviere Stollen und Kaffee und Ahmed erzählt vom Leben auf dem Land in Brandenburg. Ist nicht viel anders als in Syrien. An Haltestellen rumstehen und warten, dass was passiert. Vor zwei Jahren ist er mit seiner Mutter nach Brandenburg gekommen. Wo der Vater ist, wissen sie nicht. In Senzke wartet Basti. Der beste Freund von Ahmed. Wir beschließen eine Rast. Basti darf auch vom Stollen. Ahmed und Basti berichten von der Schule (langweilig), den Eltern (nervend) und dem sonstigen Alltag (nichts los). Aber das Bayern gerade nichts mehr gewinnt, das ist Sensation. Auf der Playstation spielen sie auch Fußball. Der Busfahrer mahnt an, dass man das auch real machen könne. Es fängt wieder an zu regnen. Der Busfahrer demonstriert die verschiedenen Geschwindigkeiten der Scheibenwischer. Mir wird langweilig.

„Sagt mal, wir sind vorhin durch Ribbeck gefahren. Ist das das Ribbeck mit dem Gedicht?“
„Ja, ja. Kannste Dir alles angucken da. Im Schloss ist ein Museum.“
Der Busfahrer mischt sich ein: „Kommt Jungs, sagt mal das Gedicht auf!“
„Busfahrer! Du bist kein Lehrer!“
Ahmed grinst. „Wir können es rappen!“
„Nein?“
„Doch!“
Die beiden stellen sich in die Mitte des Busses:

Ey yo / hey hey / Mister Mister
Der Herr man hey / Der Herr von
Rib – Rib - Ribbeck
Yo man / Der Mister von Ribbeck
in the havel land!
Yeah!
Ein Birnbaum / tell me / Birne, Birne, Birne,
In his garden! / Stand er wie ne Dirne
Und dann / Mister Mister
kam die goldene Herbst-es-zeit
Yeah!

Wir sind begeistert. „Und weiter?“
„Weiter sind wir noch nicht.“
Wir gratulieren zum ersten Ribbeck-Rap.
Basti und Ahmed müssen los. Die Playstation wartet.

Wir fahren zurück zur großen Straße. Friesack entgegen. Plattes Land. Alles ist jetzt ein großes Meer von tausend grauen Farben. Ein graues Feld, ein grauer Himmel und unendlich viele graue Bäume. Und dazwischen keine Zwischenräume. Die Schönheit Brandenburgs. Der Busfahrer fährt noch ein paar Umwege. Brandenburg ist unendlich.

„Sag mal Busfahrer. Wie ist Brandenburg nun eigentlich?“
„Keine Ahnung. Ich glaube, Du kannst nirgendwo finden, wie Brandenburg eigentlich ist. Dazu ist es viel zu verschieden. Du kannst nur Dein Brandenburg finden.“
„Und wie ist Dein Brandenburg?“
„Einfach. Wenn ich hier im Bus bin und die Leute und wir reden, dann ist das mein Brandenburg. Dann ist schön. Verstehst Du? Dann bin ich zu Hause.“
„Das stimmt Busfahrer. So ist das. So einfach kann das sein.“

Inzwischen ist es fast dunkel. Vor Friesack leuchtet ein kleiner Weihnachtsbaum.
Brandenburg. Es kann so einfach sein.

Ich wünsche euch eine schöne Adventszeit und fröhliche Weihnachten und alles Gute für das neue Jahr!
Machts gut!

Eure Theresa
 

Theresa

Theresa Heinewald

Im November letzten Jahres ist Theresa wegen Kunst am Leben und im Beruf nach Berlin gezogen. Dort arbeitet sie, wohnt aber in Brandenburg. Am Anfang hat sie gedacht, das kann nur eine Notlösung sein, denn alle wollen doch nach Berlin, niemand aber nach Brandenburg. Inzwischen sieht sie das anders. Brandenburg ist ganz anders als Berlin, wo jeder sich jeden Tag bloß neu erfindet.

Brandenburg ist einfach und manchmal furchtbar kompliziert. Warum ist das so?
Hier schreibt sie es auf.

 
 

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