Leichte Sprache

Es kann so einfach sein. Teil 8

Beziehungen unterm Apfelbaum
Die Apfelernte war gigantisch in Brandenburg in diesem Jahr. Frau Ragow, Frau Dagelow, Theresa und ein Busfahrer aus Spandau trinken auf den Sommer, den Ost-West-Konflikt und weise Großmütter.
Falläpfel. Bild: pixabay, CCO

So. Viel ist geschehen seit dem Sommer. In Brandenburg hat der Wald gebrannt. In Chemnitz der Hass in den Menschen. In Potsdam traten Minister zurück und neue an. Für manchen Bauern geht es um die Existenz. Man muss umdenken in der Landwirtschaft... Als die Ferien vorbei waren, wurden die kleinen roten Züge rund um Berlin noch voller und die Busse auch.

Wir sitzen bei Frau Ragow im Garten. Es gibt Kaffee und Apfelkuchen mit Streusel. Frau Ragow macht gerade viel mit Äpfeln. Im Gegensatz zu allen anderen Ernten war die Apfelernte gigantisch. Frau Dagelow hat Schnaps mitgebracht, wo auch was mit Äpfeln drin sein soll.

Frau Ragow meint, 2018 wird in die Annalen der Geschichtsschreibung der Borkenkäfer eingehen. „Ich glaube, die sind jetzt im Paradies.“ Frau Dagelow erwidert: „Wie die Kartoffelkäfer 1949. In der Zone. Die wurden aber von den Amis geschickt. Vom Flugzeug abgeschmissen.“

„Stimmt nicht.“ Wendet der Busfahrer ein. Der Busfahrer und ich haben uns ein bisschen besser kennengelernt, deshalb darf er jetzt mit zu Frau Ragow. „Das ist Propaganda aus dem Osten.“ Ich kenne nicht mal Kartoffelkäfer. Borkenkäfer jetzt schon. Der Busfahrer hat mir letzte Woche welche im Wald bei Teltow gezeigt. Die sind jetzt wirklich überall.

Gottes Gemetzel

Wir nehmen einen ersten Schnaps. Er schmeckt sehr selbstgemacht. Frau Dagelow bringt einen Trinkspruch auf den „69. Geburtstag unserer Republik“ aus. Nachträglich. Die beiden alten Damen lachen und rufen: „Sie lebe hoch, hoch, hoch!“ Der Busfahrer lacht jetzt auch. „Ach sie lebt noch? Ich habe gedacht, sie wäre an ihrem 40. Geburtstag nach langer, schwerer Krankheit verstorben?“ Ich verstehe nicht. „Republikgeburtstag war doch am 3. Oktober. Einheit und so.“ Frau Ragow lacht weiter: „Nee Kindchen, am dritten Oktober war Heiratstag.“ Frau Dagelow schenkt nach: „Wohl eher Zwangsheirat!“ Der Busfahrer widerspricht: „Na, na, na! Wer wollte denn immer rüber? Das war keine Zwangsheirat, das war die Übernahme eines Pflegefalls!“ Man muss wissen, der Busfahrer ist gebürtiger Spandauer.

Frau Dagelow: „Ach kommt jetzt die Nummer? Ihr habt nur für uns bezahlt? Dann frag ich Dich mal, junger Mann: Wer sorgt denn für die billige Arbeit? Hmh?“ Frau Ragow fällt Frau Dagelow ins Wort: „Und dann sag auch mal, Spandauer, warum darfsten Du hier Busfahren in Brandenburg und die unseren wurden entlassen?“ Der Busfahrer wehrt sich: „Könnt ja mal nachzählen, wieviele Leute aus Falkensee jetzt in Westberlin arbeiten!“ Frau Dagelow prustet empört: „Dann bau doch die Mauer wieder! Und außerdem sind das alles Zugezogene! Wer kauft denn die Häuser hier?“

Der Busfahrer erhebt sich wütend: „Die Mauer habt immer noch ihr gebaut. Und ich geh jetzt pinkeln!“ Auf dem Apfelbaum sitzt eine Krähe und schaut interessiert zu.

Darf ich jetzt mal?

Ich melde mich: „Ich bin ja noch jung, aber darf ich jetzt mal? Also… ich glaube, bei der Heirat am 3. Oktober wussten beide, dass es keine reale Alternative gab. Richtig?“ Die Damen nicken. „Das macht Beziehungen immer schwierig. Man ist von Beginn an aufeinander angewiesen. Und muss Kompromisse machen. Gut geht das nur, wenn man ehrlich zueinander ist.“ Frau Dagelow ruft sofort: „Oh ja, belogen haben sie uns!“ Der Busfahrer ruft sofort: „Hatten ja keine andere Wahl. Sonst wärt ihr alle zu uns gekommen.“

Ich fahre fachlich fort: „Nächstes Problem: Wie soll eine Beziehung gut werden, wenn man sich von Anfang an misstraut?“
Frau Dagelow hebt die Hände: "Meine Großmutter hat immer gesagt: Bis zur silbernen Hochzeit streitest du. Im Guten. Danach kannst du leben. Oder du schweigst nur noch in falschen Kompromissen.“ Frau Ragow denkt nach. „Hast ne schlaue Großmutter. Aber kann das für ein ganzes Land gelten?“

"Na ja, ein ganzes Land kann sich doch wenigstens mehr Zeit geben", entgegne ich. Also mehr Gelassenheit haben und aus seinen Fehlern lernen. Und wir sind jetzt gerade mal vier Jahre über der Silberhochzeit." Frau Ragow lenkt ein: „Hast recht, Kindchen. Das wäre mal ein guter Anfang. Auch nach 28 Jahren. Ist nie zu spät“ Darauf nehmen wir uns einen Schnaps und trinken auf den Sommer im Oktober.

Der Busfahrer denkt nach: „Wisst ihr, worüber wir aber wirklich froh sein sollten?“
Hmh?
„Dass die Borken- und Kartoffelkäfer noch nicht geheiratet haben. Das wäre krass.“
Jetzt lachen wir wieder alle. Die Krähe fliegt erschrocken davon.
 

Theresa

Theresa Heinewald

Im November letzten Jahres ist Theresa wegen Kunst am Leben und im Beruf nach Berlin gezogen. Dort arbeitet sie, wohnt aber in Brandenburg. Am Anfang hat sie gedacht, das kann nur eine Notlösung sein, denn alle wollen doch nach Berlin, niemand aber nach Brandenburg. Inzwischen sieht sie das anders. Brandenburg ist ganz anders als Berlin, wo jeder sich jeden Tag bloß neu erfindet.

Brandenburg ist einfach und manchmal furchtbar kompliziert. Warum ist das so?
Hier schreibt sie es auf.

 

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