Fundamentalismus

Fundamentalismus ist eine Denkform. Der Begriff leitet sich vom lateinischen „fundamentum“ ab, was in etwa Unterbau bedeutet. Verbreitung fand der Begriff zunächst in den USA in einem christlich-religiösen Zusammenhang. Zwischen 1910 und 1915 erschienen dort zahlreiche religiöse Schriften mit dem Obertitel The Fundamentals. 1919 fanden Konferenzen der sogenannten World’s Christian Fundamentals Association statt. Der Begriff meinte damals das Zurückgehen auf die Texte der Bibel, die wörtlich zu verstehen seien.

Für Fundamentalisten sind die Fundamente das fertige Haus.“ Ernst Reinhardt, schweizerischer Publizist

Im weiteren Gebrauch wurde der Begriff aus seinem ursprünglichen christlich-religiösen Zusammenhang herausgelöst. Der weltbekannte deutsche Philosoph Martin Heidegger nutzte beispielsweise den Begriff Fundamentalontologie in seinen Überlegungen zu den Seinszustände des Menschen. In der Wirtschaft bezeichnet Marktfundamentalismus – meist im abwertenden Sinn – neoliberales Wirtschaftsdenken, das einzig und allein auf die unverfälschten Marktkräfte setzt.

Umgangssprachlich zeigte sich der Begriff auch in der politischen Landschaft, etwa wenn in den 1980er-Jahren von den Flügeln der westdeutschen Partei „Die Grünen“ als den „Fundis“ und den „Realos“ gesprochen wurde, wobei den einen kompromissloses Denken und Handeln und den anderen realpolitisches Verständnis zugeschrieben wurde.

Merkmale fundamentaler Ideologien

  • Absoluter Anspruch auf eine Glaubenslehre oder eine politische Überzeugung
  • Kompromissloser Ausschluss und Abwertung Andersdenkender
  • Absolute Erhöhung der eigenen Auffassung und Identität
  • Tradition bildet den Kern der Idelogie.
  • Die eigene Religion und/oder Weltanschauung ist keine Privatangelegenheit. Sie gilt als einzige gesellschaftliche Norm.

Erstarken des Fundamentalismus

Besonders seit den 1990er-Jahren ist der Begriff wieder verstärkt im öffentlichen Bewusstsein präsent. Fundamentalistische Weltbilder verschiedenster Spielarten breiteten sich aus. Sie können religiöser und/oder politischer Natur sein. Die einen beziehen sich auf Gott, auf überlieferte Schriften, auf den Ursprung eines Glaubens. Die anderen beziehen sich auf Wesenheiten wie das „Volk“, auf „wahre Interessen“, auf „Rasse“, auf „historische Gesetzmäßigkeiten“. Insofern sind nicht nur religiöse Absolutheitslehren, sondern auch politische Diktaturen wie der Kommunismus/Stalinismus oder der Nationalsozialismus in ihrem Wesen fundamentalistisch geprägt. In ihrem absoluten Anspruch auf die totale Geltung sind Fundamentalismus und Totalitarismus verwandte Phänomene.

Fundamentalismus als Ideologie dient der Abgrenzung von politisch oder religiös unerwünschten Auffassungen in der Gesellschaft und zur Sicherung und Befestigung der eigenen Identität. Diese Eigenschaft ist typisch für alle Formen des Fundamentalismus. Sie gilt etwa für evangelikale Christen, islamistische Fundamentalisten und Gruppierungen wie die Identitäre Bewegung, die völkischem Denken nahestehen.

Traditioneller Kern in moderner Hülle

Der Fundamentalismus will die Gesellschaft nicht reformieren, sondern sie auf das eigene religiöse oder völkische oder politische Fundament stellen. Der Kern fundamentaler Ideologien ist dabei die Tradition. Das bedeutet jedoch nicht, dass Fundamentalisten die Ideen der Moderne wie Partizipation, totalistisches und egalitäres, anti-elitäres Denken ablehnen würden. Im Gegenteil, sie deuten diese für die eigenen Ziele um. So werden die modernsten Mittel der Kommunikation genutzt, um möglichst die Masse der Menschen zu erreichen und zu beeinflussen. Die Videos des so genannten Islamischen Staates für die Rektrutierung von Gefolgschaft auch in Deutschland sind ebenso ein Beispiel wie die öffentlichkeitswirksam inszenierten Auftritte der Identitären Bewegung in den Sozialen Medien.

BLPB, Juni 2021

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