Speziallager

Der Begriff Speziallager bezeichnet sowjetische Internierungslager, die Ende des Zweiten Weltkriegs mit dem Vorrücken der Roten Armee in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ, ab 1949 DDR) errichtet wurden. Die  Lager unterstanden ebenso wie die Straflager (GULAG) und die Kriegsgefangenen- und Interniertenlager (GUPWI) auf dem Territorium der Sowjetunion der Verwaltung des sowjetischen Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD). Die Bezeichnung Speziallager stammt vom NKWD selbst. Die letzten Lager wurden 1950 aufgelöst.

In der SBZ gab es von 1945 bis 1950 insgesamt zehn Speziallager, drei allein in Brandenburg: Nr. 5 in Ketschendorf bei Fürstenwalde, Nr. 6 in Jamlitz bei Lieberose, Nr. 7 in Weesow bei Werneuchen. Letzteres wurde im August 1945 in das KZ Sachsenhausen verlegt. Die sowjetischen Besatzer betrieben das KZ mit neuem Personal einfach weiter.

Lesetipp

Jörg Morré

Speziallager des NKWD

Offiziell galt die Einrichtung von Internierungslagern als Maßnahme der Siegermächte, um Funktionäre des nationalsozialistischen Machtapparats zur Verantwortung zu ziehen und sich vor ihrer möglichen Betätigung im Untergrund zu schützen. In der Sowjetischen Besatzungszone erfolgten die Verhaftungen und der Betrieb der Lager jedoch auf eine Art und Weise, die Zweifel an der offiziellen Funktionsbestimmung aufkommen ließen. Zur Klärung dieser Fragen bedurfte es des einfühlsamen Umgangs mit Zeitzeugenberichten und der kritischen Auswertung von Archivdokumenten.

Diese Publikation ist zur Zeit nicht lieferbar.


Lange wurden die sowjetischen Speziallager als „sowjetische Konzentrationslager“ wahrgenommen. Aber Vernichtungslager wie es sie im Nationalsozialismus gab, waren die Speziallager nicht. Wesentliche Merkmale des nationalsozialistischen Vernichtungsapparates gab es bei den Speziallagern nicht: Es gab keine Einrichtungen zur Massentötung, und auch keine „Vernichtung durch Arbeit“, denn Speziallager waren nach NKWD-Vorschrift ausdrücklich keine Arbeitslager. Systematische Folterungen und sonstige Repressalien sind von der sowjetischen Lagerleitung, die sich weitgehend aus dem Lageralltag heraushielt, nicht ausgegangen.

Mitunter werden die sowjetischen Internierungslager auch als „Schweigelager“ bezeichnet. Denn die Einweisungen in ein Speziallager erfolgten ohne Benachrichtigung der Angehörigen, so dass die Verhafteten für Jahre verschwanden, ohne dass über sowjetische oder deutsche Dienststellen etwas über ihr weiteres Schicksal zu erfahren war. Bis heute wissen viele nichts über das Schicksal ihrer Verwandten und Freunde.

Fakten und Zahlen: Zwischen 1945 und 1950 wurden nach sowjetischen Angaben in der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ) 122.671 Deutsche interniert, die sich als NS- oder Kriegsverbrecher schuldig gemacht oder gegen die sowjetische Besatzungsordnung verstoßen hätten. Lediglich 45.262 (37%) von ihnen wurden bis 1950 wieder entlassen. In den Lagern starben 42.889 Häftlinge, und an 756 Personen wurden Todesurteile vollstreckt (insgesamt 35,5%). Die übrigen Lagerhäftlinge wurden entweder in die Sowjetunion deportiert (19.450 Häftlinge - 16%) oder 1950 bei Auflösung der Lager weiterhin in DDR-Gefängnissen festgehalten (14.202 Häftlinge - 11,5%).

BLPB, Oktober 2013
Quelle: Morré, Jörg: Speziallager des NKWD. Sowjetische Internierungslager in Brandenburg 1945 - 1950

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