Jessica Heesen über künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz (KI) finden wir inzwischen überall in unserem Alltag – sie filtert unsere Social Media-Beiträge, gibt Empfehlungen beim Online-Shopping und wird in der Corona-Pandemie bei Wärmebildkameras auf Flughäfen eingesetzt. Können wir also auf KI überhaupt noch verzichten? Was ist ihr Nutzen und was die Gefahren? Die Wissenschaftlerin Jessica Heesen forscht dazu.

Künstliche Intelligenz
© Gerd Altmann auf Pixabay CC0 1.0

Sie beschäftigen sich in Ihrer Arbeit intensiv mit KI. Wie stehen Sie dazu – sind Sie Fan oder Kritikerin?

Um KI richtig gut zu finden, muss man sie erstmal einer kritischen Betrachtung unterziehen. Ich bin also Fan von KI-Anwendungen, die einem kritischen Blick standhalten. Kritik macht KI besser und hilft, die gesellschaftlichen Potenziale der Technologie fruchtbar zu machen. KI kann uns in vielen Bereichen helfen, zu besseren Entscheidungen zu kommen. KI-Anwendungen tragen dazu bei, die immensen Mengen an Daten, die durch die Digitalisierung erhoben werden, in wertvolles Wissen über Zusammenhänge in unübersichtlichen Handlungsfeldern und in Verbesserungsmöglichkeiten für Prozesse zu übertragen. Diesen Weg vom Datum zu relevantem Wissen leistet KI aber nicht automatisch. Hier ist kritisches Denken gefragt, das alle Stufen der Nutzung von KI betrifft: die Erhebung der Daten, die Programmierung für das maschinelle Lernen, die Bewertung der Ergebnisse bis hin zur Anwendung von KI in konkreten Kontexten wie zum Beispiel Kriminalitätsvorhersage oder der medizinischen Diagnostik.

Jessica Heesen
© S. Icks

Jessica Heesen ist Leiterin des Forschungsschwerpunkts Medienethik und Informationstechnik am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften an der
Universität Tübingen.

 

Was ist für Sie der größte Nutzen von KI?

KI identifiziert Muster in Daten und trifft Vorhersagen. Ihr größter Nutzen liegt in den grundsätzlichen Funktionsweisen von KI. KI kann Menschen von Routineaufgaben entlasten und natürlich generell wesentlich schneller rechnen. Diese Eigenschaften lassen sich zu verschiedenen Zwecken einsetzen. KI ist beispielsweise nützlich für autonome Waffensysteme und eine umweltfreundliche Landwirtschaft. Aber wie der Zweck bewertet wird, zu dem wir KI einsetzen, ist häufig umstritten. Für mich liegt der größte Nutzen von KI in der potenziellen Unterstützung von Zwecken, die dem Wertekanon einer demokratischen und liberalen Gesellschaft entsprechen, also zum Beispiel allgemein Anwendungen zur Unterstützung der globalen Nachhaltigkeitsziele (AI for Good) oder ganz konkret solche zum Aufspüren von Falschinformationen.

Können wir auf KI überhaupt noch verzichten?

Viele Technologien haben die Eigenschaft, dass sie sich so stark mit unserem Alltag verbinden, dass wir denken, wir können nicht mehr auf sie verzichten. Wenn wir uns den Nutzungsstandard vorstellen, den wir vom Internet gewohnt sind, dann will die übergroße Mehrheit sicher nicht auf KI verzichten. Genauso verhält es sich zum Beispiel mit KI in der Industrierobotik und erst recht wollen die großen Digitalkonzerne nicht auf KI verzichten, weil ansonsten ihr Geschäftsmodell bedroht wäre. Die Einnahmen der Plattformbetreiber fußen auf personalisierten und anpassungsfähigen Anwendungen insbesondere im Bereich der Werbung, die ohne KI kaum funktionieren würden. Aber aufs Ganze gesehen, können Gesellschaften natürlich auf KI verzichten. Die Nutzung einer Technologie sollte nie zwangsläufig sein, sondern aktiv gewollt werden.

Wo sehen Sie die größten Gefahren?

Die größte Gefahr sehe ich darin, dass KI negative gesellschaftliche Tendenzen, die bereits vorliegen, noch weiter verstärkt. Die Fortentwicklung von KI ist ein wichtiger Wettbewerbsvorteil, der insbesondere die Akteure stärkt, die ohnehin schon beinahe allein das Digitalisierungsgeschehen beherrschen. Dazu zählen Apple, Facebook und Google. Zu dieser Verstärkung negativer Tendenzen gehört außerdem ein Kernelement von KI: KI erkennt Muster, die in Bildern, dem Verkehr oder allgemein in gesellschaftlichen Praktiken vorliegen. Diese Muster sind nicht immer gerecht. Denken Sie zum Beispiel an die Diskriminierung von Frauen am Arbeitsmarkt. Wenn eine KI lernt, dass Männer am Arbeitsmarkt erfolgreicher sind als Frauen, dann wird die KI zur Unterstützung der Personalabteilung vor allem Männer zur Einstellung empfehlen – wenn man nicht aktiv dagegen ansteuert.

Lesetipp

Gibt es Bereiche, in denen wir auf KI verzichten sollten?

Ja, die gibt es in großen Mengen. KI muss zu den Zwecken passen und häufig sind einfache Lösungen kostensparender, effektiver und sicherer. Aus meiner Perspektive sollte die Frage nicht lauten: „Wo können wir auf KI verzichten?“, denn mit dieser Frage wird nahegelegt, dass KI eine so mächtige Technologie ist, dass wir sie jetzt auf alles anwenden müssen. Umgekehrt ist es viel sinnvoller zu fragen: Wie soll die KI aussehen, die zu meinen Bedürfnissen passt? Oder: Wo kann KI der Gesellschaft helfen, das Gemeinwohl zu fördern?

Brauchen wir Regeln für den Einsatz künstlicher Intelligenz?

Regeln für den Einsatz von künstlicher Intelligenz sind notwendig, damit Gefahren abgewendet werden und ihre Potenziale zum größtmöglichen Nutzen aller umgesetzt werden können. Wenn es hier keine allgemeinen Regeln gibt, die durch die politischen Repräsentantinnen und Repräsentanten der Gesellschaft eingefordert werden, dann setzen die großen Tech-Konzerne die Regeln zu ihren Konditionen und für ihren Vorteil. Die Diskussion zu diesen Regeln läuft schon länger auf nationaler und internationaler Ebene. Der KI-Regulierungsvorschlag der EU vom April dieses Jahres führt die Debatte zusammen und setzt Standards für die weitere Debatte. Nun geht es vor allem um den Sinn und die Form der Festlegung von Risikoklassen für KI und die Umsetzung des abstrakten Rahmenwerks für die vielfältigen konkreten Anwendungsarten von KI. Auf nationaler Ebene beschäftigen sich zum Beispiel die Plattform Lernende Systeme, die KI-Normungsroadmap oder die AI Ethics Impact Group mit diesen Fragestellungen und der Weiterentwicklung der ethischen und rechtlichen Regulierung von KI.

BLPB, 2021

Linktipps

Schlagworte

Bewertung
Noch keine Bewertungen vorhanden.

Neuen Kommentar hinzufügen

Eingeschränktes HTML

  • Erlaubte HTML-Tags: <a href hreflang> <em> <strong> <cite> <blockquote cite> <code> <ul type> <ol start type> <li> <dl> <dt> <dd> <h2 id> <h3 id> <h4 id> <h5 id> <h6 id>
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.