"Systemfeindschaft"

Ablehnung der Bundesrepublik

Demnach sei die Bundesrepublik Bestandteil des Herrschaftsapparates der Alliierten, v. a. der USA (und Großbritanniens), durch die sie ihre imperialistische "Fremdherrschaft" über die Deutschen ausüben würden. Wenn die Rede auf das Kriegsende 1945 kommt, spricht die NPD-Propaganda von "Befreiungslüge", von "Schuldkult" und "Umerziehung".

In der Rede des NPD-Vorsitzenden Udo Voigt zum 60ten Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 2005 machte der Parteivorsitzende keinen Hehl aus seiner grundsätzlichen Ablehnung der Bundesrepublik und kam auch auf ihre historische Begründung zu sprechen: 

Der 8. Mai 2005 dient heute als gigantisches Ablenkungsmanöver, um von den Regierenden nicht mehr lösbaren sozialen Problemen abzulenken. Am Brandenburger Tor wird derzeit eine absurde 'Schuldtkult-Show' aufgeführt, um den Prozess der von den Siegern eingeleiteten 'reeducation' (Umerziehung) mit Macht fortzusetzen. Der psychologische Krieg gegen das deutsche Volk wird heute von denen fortgesetzt, die mit den Besatzern gemeinsame Sache machten. In jedem Volk nennt man solche 'Herrschaften' Kollaborateure.
[...]
Warum diese Verdrehungen der Wahrheit noch 60 Jahre nach Kriegsende? Weil man immer noch Angst davor hat, daß das Deutsche Volk sich wieder auf seine Werte und Tugenden besinnen könnte. Die Pläne von Multikulti und der damit verbundenen Beherrschung und Ausbeutung des deutschen Arbeiters und der Industrie müßten endgültig zu den Akten gelegt werden.

Wir von der NPD und der gesamten neuen deutschen Volksfront werden diesen Herrschaften die "Umerziehungs-Suppe" gründlich versalzen und eines Tages ungenießbar machen.
Udo Voigt: Ansprache des Parteivorsitzenden Udo Voigt zur Demonstration in Berlin zum 8. Mai 2005 (8-mai.de/aktuell/08_05_05_03.htm; eingesehen am 25.6.05).

Deutlich wird hier der antiimperialistische Grundton dieser Argumentation, die in der Bundesrepublik ein Mittel zur "Ausbeutung und Beherrschung des deutschen Arbeiters und der Industrie" sehen möchte. "Umerziehung" und "Schuldkult" seien Bestandteil des "psychologischen Krieges gegen das deutsche Volk", das, so heißt es weiter, "mit der Vergangenheit erpreßt und gemolken" werde. Solche Wahnvorstellungen leugnen zumindest implizit den Holocaust. Die Shoa nämlich habe nicht oder nicht in dem behaupteten Ausmaße statt gefunden. Sie und das Gedenken an die Opfer des deutschen Verbrechens dienten der Zurichtung der Deutschen auf die Fremdherrschaft, und schließlich sei das deutsche Volk das eigentliche Opfer des Krieges:

Wir senken unsere Fahnen und Transparente.
Wir nehmen unsere Kopfbedeckung ab.
Wir verneigen uns in tiefer Trauer vor den Millionen Opfern von Flucht und Vertreibung.
Wir gedenken den Opfern des alliierten Bombenterrors, den Soldaten der Wehrmacht, Luftwaffe, Marine und Waffen-SS, die den Heldentod starben oder nach dem Krieg in alliierten Gefangenenlagern gefoltert und umgebracht wurden.

Udo Voigt: Ansprache des Parteivorsitzenden. A. a. O.

Auslassungen wie diese werden in der Forschung als sekundärer Antisemitismus bezeichnet, als "Antisemitismus der Schuldabwehr". Das antisemitische Ressentiment, das sich in ihm Bahn bricht, liegt in der Darstellung der Opfer der Shoa als eigentliche Gewinner und Täter, indem sie die Deutschen mit angeblich falschen Schuldzuweisungen erpressen, und in der Darstellung der deutschen Täter als eigentliche Opfer.

Auf der von den Jungen Nationaldemokraten / JN betriebenen Homepage www.8-mai.de ist die Rede von "Schuldknechtschaft" - der Ausdruck behält zugleich seine ursprüngliche sozioökonomische und juristische Bedeutung ("jemand wird durch finanzielle Schulden in die Schuldknechtschaft getrieben") und gewinnt im Gebrauch der Nationaldemokraten zugleich eine moralische Ebene:

Wer immer kollektive Diffamierung betreibt, um Verbrechen und Unrecht gegen ein Volk zu legitimieren - wer seinen Namen in den Schmutz zieht, um es zu beherrschen -, wer sein Bußrituale und einseitiges Gedenken instrumentalisiert, um ein Volk in Verwirrung zu halten, zu entmündigen oder auf einen Weg der bedingungslosen Unterwerfung - bis hin zur Selbstaufgabe - zu zwingen, macht sich schuldig. Wer ein Volk in Schuldknechtschaft hält, zerstört es. Wer ein Volk zerstört, ist ein Verbrecher.
8-mai.de/8mai.htm#02; eingesehen am 25.06.05.

In diesem Text hat sich die Schuldabwehr als Schuldumkehrung vollzogen: das "deutsche Volk" erscheint als Opfer, die "Besatzer" als "Verbrecher" und "Täter". Die NPD-Broschüre "Argumente für Kandidaten" scheut auch nicht davor zurück, ausdrücklich auf Juden als treibende Kraft hinter "60 Jahre Schuldkult" zu verweisen. Die Rede ist von "jüdischer Opfertümelei", von "psychologischen Kriegsführung jüdischer Machtgruppen gegen unser Volk" und von der Erpressung durch die "Holocaust-Industrie".[1]

Als "Täter" von weltgeschichtlichem Format macht die NPD die USA bzw. den "US-Imperialismus" aus. Die USA, heißt es im Aktionsprogramm der Partei, würden "seit ihrer Gründung Imperialismus" betreiben.[2] Sie bedienen sie dabei aller genannten Mittel. Das Ziel sei die "One World": "Die Interessen der USA liegen somit in einer weltweiten Durchsetzung der Globalisierung."[3] Und:

Ein derart universalistischer Anspruch hat in der Geschichte viele Kriege und viel Elend hervorgebracht. [...] Dieser Universalismus ist somit die Wurzel des Übels.
NPD-Parteivorstand (Hrsg.): Aktionsprogramm. A. a. O. S. 51f.

Das Wesen des "US-Imperialismus" wird in der Argumentationshilfe unter Rückgriff auf nationalsozialistischen Sprachgebrauch als "jüdisch-nomadisch und ortlos" beschrieben, sein Standort wird an der Ostküste der USA verortet (vgl Rosenbergs Ausführungen).

Dieses Geschichts- und Weltbild, das nur imstande ist, die Bundesrepublik als besetzten und kolonialisierten Staat - hier im Gegensatz zum Begriff Nation - zu begreifen, mündet zwangsläufig in grundlegende "Systemfeindschaft", wie es im Jargon heißt. So drohte Udo Voigt am 8. Mai 2005 unverhohlen, "Der Tag der Befreiung wird kommen, aber er ist ganz sicher nicht der 8. Mai 1945!". Die Zeit sei "in Deutschland jetzt reif ist für revolutionäre Veränderungen."[4]



Jan Buschbom / Violence Prevention Network e.V.
2007

 


 


[1] NPD-Parteivorstand (Hrsg.): Argumente. A. a. O. S. 10.

[2] NPD-Parteivorstand (Hrsg.): Aktionsprogramm. A. a. O. S. 50.

[3] NPD-Parteivorstand (Hrsg.): Aktionsprogramm. A. a. O. S. 51.

[4] 8-mai.de/aktuell/08_05_05_03.htm; eingesehen am 25.06.05. Diese Bemerkung stand im Zusammenhang mit den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg 2004. Jedoch meinte Voigt offenkundig nicht Wahlen als Mittel oder Weg "revolutionärer Veränderungen", die Wahlergebnisse, so Voigt, seien vielmehr nur Ausdruck und "Zeichen", dass die Zeit jetzt reif sei.

 

 

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