Wie prägen Migration, Familiengeschichte und Krieg die eigene Identität? Der Livestream bietet Einblicke in eine Stadt im Krieg, familiäre Spurensuche und Fragen nach Zugehörigkeit.
Livestream: Ein Aquarium voller Schlüssel
Am 4. März 2026 war Autor und Musiker Yuriy Gurzhy sowie Dr. Olaf Glöckner vom Moses Mendelssohn Zentrum für Europäisch-Jüdische Studien e. V. bei uns zu Gast. Im gemeinsamen Gespräch standen Yuriy Gurzhys Familiengeschichte, seine Migration als jüdischer Flüchtling, seine künstlerische Laufbahn und seine Verbindung zu Charkiw im Mittelpunkt.
Im Anschluss las Yuriy Gurzhy fünf Essays aus seinem Buch „Ein Aquarium voller Schlüssel – Charkiw und die Fotos meines Vaters". Darin verbindet er persönliche Erinnerungen mit Schwarz-Weiß-Fotografien seines Vaters aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Die Bilder zeigen Menschen und Orte und dokumentieren den Wandel Charkiws und das Leben seiner Bewohner.
„Ich weiß nicht, ob es ein günstiges Alter gibt für so einen Umzug. Was mir damals geholfen hat, war, dass ich mich auf dieses Abenteuer damals einfach eingelassen habe."
Yuriy Gurzhy
„Wir haben gefeiert, dass wir trotz allem noch da sind, dass wir noch leben – was unter den gegebenen Umständen im heutigen Charkiw alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist."
Yuriy Gurzhy
Yuriy Gurzhy erzählt von der Migration nach Deutschland und seinen Erlebnissen in Charkiw während des Krieges.
Wichtige Punkte des Gesprächs
Yuriy Gurzhy kam als 20-Jähriger mit seiner Familie aus der ukrainischen Stadt Charkiw nach Potsdam. Die Familie gehörte zu den sogenannten Kontingentflüchtlingen – jüdische Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion, die nach einer Regelung von 1991 nach Deutschland einreisen durften.
Die Anfangszeit im Aufnahmeheim in Potsdam war geprägt von Sprachbarrieren, Einsamkeit und einer gedrückten Stimmung unter den Bewohnern. In Berlin studierte Gurzhy zunächst Amerikanistik an der Humboldt-Universität, entschied sich dann aber für die Musik. Mit der Band RotFront war er in der Berliner Kulturszene aktiv. Daneben stellte er zahlreiche Musikalben zusammen und wurde als DJ bekannt.
Seit Ende Februar 2022 schrieb Yuriy Gurzhy eine Kolumne für den Tagesspiegel über den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die Kolumne, der Krieg und die Eindrücke seiner Besuche in der ukrainischen Heimat bewegten ihn, das Buch „Ein Aquarium voller Schlüssel – Charkiw und die Fotos meines Vaters" zu schreiben.
In den vorgetragenen Geschichten verwebt Gurzhy seine Familiengeschichte, die sowjetische Vergangenheit und die Kriegsgegenwart in Charkiw. Die Texte erzählen von Lenin-Denkmälern und deren Verschwinden, vom jüdischen Großvater und einer Boombox, vom Leben im Keller eines Hotels unter Raketenbeschuss und von alten Freunden, die als Kriegsfreiwillige in der Synagoge von Charkiw Hilfe leisteten.
Fragen aus dem Publikum
Nach welchem Prinzip wurden die Fotos für das Buch ausgewählt?
Die Auswahl entstand in enger Zusammenarbeit mit der Verlegerin des Buches. Es gab Zugang zu einem umfangreichen Archiv mit hunderten Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Gurzhys Vater. Es hieß, wenn ein Bild erklärt werden musste, war es wahrscheinlich nicht stark genug. Am Ende fand man immer einen Kompromiss zwischen persönlicher Bedeutung und künstlerischer Qualität.
Es gibt genug Denkmäler und Straßen mit sowjetischen Namen in der Ukraine. Was könnte man damit machen?
Die Zahl der Helden aus dem aktuellen Krieg sei so groß, dass es naheliegend sei, Straßen nach ihnen zu benennen. Ebenso seien die Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses der Literatur in Charkiw, die in den 1930er-Jahren fast alle ums Leben kamen, würdige Namensgeber.
Sie haben mit sieben Jahren erfahren, dass Sie aus einer jüdischen Familie kommen. Wie hat sich Ihre Identität seitdem entwickelt – als Sie damals nach Deutschland kamen, fühlten Sie sich als Ukrainer, Sowjetmensch, Russe oder Jude?
Ich verstehe mich als ukrainisch, deutsch, Multikulti, „und noch einiges mehr". Ich habe mit dieser mehrfachen Identität kein Problem. Nur „Russe" bin ich auf keinen Fall. Die Antwort auf die Frage nach der eigenen Identität verändert sich ständig.
BLPB, Mai 2026
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