Vom Kampf um die Gleichberechtigung

Nie zuvor waren Frauen so gut ausgebildet wie heute. Sie sind kreativ, selbstbewusst, mutig und neugierig – und müssen doch immer noch um Gleichberechtigung kämpfen. Von vielen kleinen Schritten auf dem Weg dahin soll in dieser Ausstellung berichtet werden.

Wenn Frau Meyer aufgefordert wird, sich aus ihrer dekorativen Pose wieder zu erheben, um sich und damit auch die Frauenquote vom Konferenz-Tisch zu entfernen, kann der Erfinder und Zeichner dieser Idee nur NEL sein. Als der Karikaturist vor drei Jahren seinen Kommentar auf diese absurde Spitze trieb, war die Diskussion um die Quote noch in vollem Gange.

Heute lässt sich das Thema nicht mehr heiter vom Tisch wischen und aus Tagesordnungen streichen. Von den Regierungsparteien als „Meilenstein im Kampf um die Gleichberechtigung der Frau“ bejubelt aber von der Opposition als „Frauenquötchen“ kritisiert, wurde nach langen Debatten im März 2015 im Deutschen Bundestag das Gesetz verabschiedet, das eine Frauenquote von 30 Prozent in Führungspositionen von Großunternehmen festlegt. Diese verbindliche Quote gilt seit dem 1. Januar 2016. Man könnte also meinen, dass genug Zeit war, sich darauf einzustellen. Doch eine erste Bilanz ist mehr als ernüchternd. Lediglich in acht von 108 Großunternehmen sitzen in den Führungsetagen nun auch Frauen am Tisch. Finden sich nicht genug, dürfen die Plätze nicht mit Männern besetzt werden, so dass die verbindliche Quote bereits als „Leere-Stuhl-Regelung“ bezeichnet wird.

Nie zuvor waren Frauen so gut ausgebildet wie heute. Sie sind kreativ und selbstbewusst, mutig und neugierig – und müssen doch immer noch um ihre Gleichberechtigung kämpfen. Von vielen kleinen und manchmal auch von großen Schritten auf dem Weg dahin soll in dieser Ausstellung berichtet werden. Die hier versammelten sechs Karikaturistinnen und Karikaturisten haben ideenreich, herrlich komisch und in sehr unterschiedlichen Handschriften ihre Meinungen zu Papier gebracht.

Hoglis Figuren, die die Typologie von 40 Jahren Frauenbewegung widerspiegeln, sind unverwechselbar und höchst individuell. Die Damen tragen Ringelstrümpfe und Schals und stecken gerne in Batik oder Gehäkeltem. Die Herren sind noch immer die gut erkennbaren und in die Jahre gekommenen 68er mit den unvermeidlichen Latzhosen und Strickpullovern. Der Kampf um die Gleichberechtigung ist geblieben, die Wortwahl aktualisiert und den heutigen Gegebenheiten angepasst.

NEL, der große Alltagsbeobachter, schafft es, dem Leben manch fantasievolle Arrangements abzulauschen und diese mit einer guten Portion schwarzen Humors anzureichern. Scheinbar mühelos gelingt ihm, selbst komplizierte Themen verständlich zu machen und den Betrachter trotzdem zum Lachen zu bringen. Bei ihm sind eindeutig die Frauen das starke Geschlecht, zu denen sich notwendigerweise die Herren hinzu gesellen: Mal treten diese als Platzhirsche auf oder werden als deutlich überforderte Väter gezeigt. Häufig sind es wortkarge Schlipsträger, die sich auf seinen Blättern tummeln.

Was wie mit leichter Hand skizziert und schnell gezeichnet aussieht, entwickelt sich im Zusammenspiel der rundlichen Figuren bei Miriam Wurster zur politischen Pointe. Ihr gelingt es, in knappen Dialogen und mit viel Witz und Situationskomik alle nur denkbaren Varianten der Benachteiligung von Frauen zu behandeln.

Kittihawks Humor ist schräg und widerborstig, ihr Strich eher derb als nett. Doch lassen sich beim Betrachten sofort Parallelen zum „wahren Leben“ erkennen. Mal ist es die streitsüchtige Nachbarin, dann die schrille Kollegin oder die ewig misslaunige Ehefrau, die sich hier mit wechselnden Partnern zu Wort melden. Dabei gilt: Wenn Kittihawk die Zustände kritisiert, macht sie keinen Unterschied in der drastischen Darstellung der Geschlechter – in ihren Karikaturen ist die Gleichstellung von Mann und Frau bereits erreicht.

Harm Bengen rekrutiert sein Personal gerne aus Politik und öffentlichem Dienst und stellt ihm lebenserfahrene Frauen im fortgeschrittenen Alter gegenüber. Was sich die Kontrahenten dann mit dem lakonischen Humor seiner norddeutschen Heimat zu sagen haben, folgt nicht selten einer bitterbösen Logik, die gleichermaßen aufklärt und belehrt und neben Heiterkeit auch viel Nachdenklichkeit erzeugt.

Frank Hoppmann steuert zu diesem Thema einige ganz vortreffliche Porträts bei. Zu sehen sind ausschließlich erfolgreiche Frauen, die uns im typischen Hoppmann-Stil lächelnd, grinsend, strahlend oder feixend begegnen. Bei ihm triumphiert nicht die Alterslosigkeit, kein Photoshop bügelt Falten glatt und jede Art von Lieblichkeit wird ignoriert. Hier geht es ganz gleichberechtigt zur Sache und an den Charakter. Kaum ein anderer satirischer Zeichner vermag mit so hoher Meisterschaft die Besonderheiten der Erfolgreichen zur Schau und manchmal auch bloß zu stellen. Genau studiert er seine Protagonistinnen, benutzt den Stift dann wie ein Seziermesser, legt den Charakter frei, schält die Eigenheiten heraus und zeigt uns schließlich den Menschen hinter dem Beruf oder der Funktion – im gelungenen Wechselspiel von Privatfrau und öffentlicher Person.

Die satirischen Kommentare der Zeichnerinnen und Zeichner beginnen bei der Quote und hören beim Binnen-i nicht auf. In ihren Karikaturen verdeutlichen sie Probleme und fördern den Erkenntnisgewinn – dabei genau auf Hirn, Herz und Zwerchfell zielend.
  

Die Karikaturist_innen

Hogli

Karikatur von Hogli
(Amelie Holtfreter-Glienke) studierte 1969 Malerei, Visuelle Kommunikation und freie Grafik an der Hochschule der Künste Berlin (heute UdK), war 1975 Meisterschülerin. Arbeitet seitdem als freie Grafikerin, Kinderbuchillustratorin und unter dem Namen HOGLI als Karikaturistin für verschiedene Verlage, Magazine und Zeitschriften. Veröffentlichte Bildgeschichten in mehreren Comic-Alben.

War Kinderbuchillustratorin für den Rowohlt-Verlag (z.B. „Der kleine Vampir“ und „Hexen, hexen“), bei Beltz, Elefanten-Press, Dressler, Fischer und Gersteberg. Eigene Buchpublikationen mit Karikaturen und Bildgeschichten sind bei Eichborn und Fackelträger erschienen.

Hogli ist verheiratet, lebt in Berlin, hat zwei Töchter
und vier Enkel.

Nel

NEL
(Ioan Cozacu) wurde 1953 in Klausenburg (Rumänien) geboren. 1972-1975 studierte er an der Hochschule für industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein, Halle. Seit 1984 arbeitet er als freischaffender Cartoonist und Buchillustrator u.a. für den Altberliner Verlag, den Mitteldeutschen Verlag, Weißer Stein, Lappan, Liszt, Weymann-Bauer und Eichborn.

Seit 1990 ist er auch als Karikaturist tätig u.a. für die Thüringer Landeszeitung, WAZ Essen, taz und den Eulenspiegel. Er ist Gründungsmitglied der Cartoonfabrik Köpenick.

Er hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen bekommen, u.a. 1999 den „Goldenen Gothaer“ der Gothaer Karikade, war 2009 Erster Preisträger bei der Rückblende, dem Deutschen Preis für politische Fotografie und Karikatur.

Nel ist verheiratet und lebt mit seiner Familie in Erfurt.

Kittihawk

Kittihawk
wurde 1972 in Recklinghausen geboren, wuchs im Ruhrgebiet auf und studierte Grafik-Design an der Hochschule für Künste in Bremen. Seit 2000 lebt und arbeitet sie in Berlin.

Ihre Cartoons veröffentlicht sie u.a. in Zitty, Titanic, Sächsische Zeitung, auf SPAM/Spiegel-Online und wöchentlich im Spiegel. Buchveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien: „Fiese Bilder“, Lappan Verlag, Oldenburg, „Tierisch komisch“, Residenz Verlag, Wien. Im September 2009 erschien der erste Cartoon-Sammelband: „Lebenslanges Lernen“ im Lappan-Verlag, Oldenburg.

Ausstellungsbeteiligungen: Cartoon Triennale, Greiz, Cartoonair am Meer, Prerow. Im November 2008 erhielt sie den Ersten Preis beim Cartoonwettbewerb der Deutschen Mathematiker-Vereinigung,
2009 gewann sie den Deutschen Karikaturenpreis in Bronze.

Harm Bengen

Harm Bengen
wurde 1955 in Arle geboren. Machte Anfang der 70er-Jahre eine Lehre als Farbenlithograf, studierte bis 1979 Grafik-Design in Bremen. Ist seit 1980 als Zeichner für mehrere Stadtillustrierte tätig, zunächst nebenberuflich, ab 1986 freischwebender Künstler.

Regelmäßige Cartoons u.a. im Eulenspiegel und in diversen Stadtillustrierten und Gewerkschaftspublikationen. Seit 2008 Zeichner tagespolitischer Karikaturen für diverse Tageszeitungen und Onlineportale u.a. für die Sächsischen Zeitung, das Hamburger Abendblatt, die Lübecker Nachrichten, Mainpost, Westdeutsche Zeitung. Ist Zeichner und Autor der Comics und Comicserien „Störtebeker“, „Ulfert“ und „Sandra Bodyshelly“.

Harm Bengen wohnt mit Frau und Kater
nach 35 Wanderjahren wieder in Norden, Ostfriesland.

Miriam Wurster

Miriam Wurster
wurde in Hamburg geboren, wuchs auf der schwäbischen Alb auf, studierte Illustration und Cartoon an der Hochschule für Künste Bremen, lebt und arbeitet in Bremen. Seit 2000 arbeitet sie als freie Cartoonistin u.a. für Spiegel online, Stern, Welt der Frau (Österreich), Nebelspalter, Titanic, taz, Wirtschaft in Bremen, Weser Kurier.

2009 erhielt sie zusammen mit Bettina Bexte den Hauptpreis für Mutterwitz beim internationalen Cartoonfestival in Langnau (Schweiz), 2012 und 2014 Auszeichnungen bei der „Rückblende“, dem Deutschen Preis für politische Fotografie und Karikatur. Im Mai 2015 erhielt sie eine Einladung zum Cartooning for Peace-Projekt in Manila (Philippinen) und im November 2015 nach Straßburg anlässlich der Sacharov-Preisverleihung.

Das Cartoonheft „Gewalt im Alltag“ (Logbuch Verlag) erschien im Mai 2015 und wurde mit dem 1. Preis beim „Cartoonbuch des Jahres 2015“ ausgezeichnet, der vom Club der Komischen Künste in Wien ausgelobt wird. 2015 erhielt sie zusammen mit Bettina Bexte den 2. Preis für Mutterwitz beim Wettbewerb „Schluss mit lustig“ des Bundesministeriums für Familie. Im November 2015 wurde sie mit dem Deutschen Karikaturenpreis „Silberner Bleistift“ in Dresden ausgezeichnet.

Frank Hoppmann

Frank Hoppmann
wurde 1975 in Lingen/Ems geboren. 1994 studierte er Design mit den Schwerpunkten Zeichnen, Illustration und Druckgrafik an der Fachhochschule Münster. Seit 1999 hat er eine feste Seite im Eulenspiegel, zeichnet regelmäßig für das Manager Magazin, zehn Jahre für das Rolling Stone-Magazin und ebenfalls zehn Jahre für Die Welt/Welt am Sonntag. Weitere Veröffentlichungen im Stern und in der Süddeutschen Zeitung.

In der Reihe „Meister der komischen Kunst“ (Kunstmann) wurde er 2012 mit einem Band geehrt. Sein erstes Kinderbuch illustrierte er 2015 nach dem Konzept des in Auschwitz ermordeten jüdischen Malers Felix Nussbaum.

Er erhielt viele Auszeichnungen und Preise, u.a. 2005 in Plauen den e.o.plauen-Förderpreis und 2009 den Deutschen Cartoonpreis. 2011 wurde er bei der 26. Biennale der Internationale des Humors in der Kunst der Stadt Tolentino, Italien ausgezeichnet und hatte eine Shortlist-Platzierung beim internationalen LICC Kunstpreis 2011 in London. Den Award of Excellence des European Newspaper Awards in der Kategorie Illustration bekam er 2012.

Frank Hoppmann lebt und arbeitet in Münster (Westfalen).

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