Auf Marschbefehl meiner Ahnen

Wie lebt es sich mit dem berühmten Namen? Es gibt kaum eine Zeitung, kein Magazin und keinen TV-Sender, die nicht in den letzten zwanzig Jahren mit Friedrich-Carl von Ribbeck gesprochen und über seine Geschichte berichtet hätten.

Friedrich-Carl und Ute von Ribbeck. Foto: Oliver Mark

Friedrich-Carl und Ute von Ribbeck. Foto: Oliver Mark

Der Streit um das Erbe der bekannten Gutsherren-Familie im brandenburgischen Havelland ist 1999 endlich beigelegt worden. Ein kluger Richter hat es geschafft, die Parteien zu einem Vergleich zu bewegen. Seitdem ist auch Friedrich-Carl ruhiger geworden; älter natürlich auch und inzwischen weißhaarig. Müde noch nicht. Der Blick aus seinen sehr hellblauen Augen ist aufmerksam. Er ist jetzt 73 Jahre alt.

Der Staat ist ein Hehler. Ich darf das sagen, das ist vom Berliner Kammergericht ausdrücklich erlaubt worden.“

Trotzig klingt es, wenn von Ribbeck das Gespräch mit diesem Satz beginnt. Und um nicht missverstanden zu werden, fügt er hinzu: „Hehler nennt man den, der unrechtmäßig erworbenes Eigentum weiter verkauft. In meinem Fall das Bodenreformland.“ Dabei sieht er so aus wie einer, der einen guten Witz erzählt hat und nun auf die Reaktionen seiner Zuhörer wartet. Doch die Geschichte seiner Familie ist nicht komisch, sie ist eher tragisch zu nennen.

Friedrich-Carl von Ribbeck wächst mit den Geschichten über die Heimat seiner Vorfahren auf. An manches erinnert er sich selbst, anderes wird durch die Erzählungen seiner Eltern wach gehalten. Landwirtschaft interessiert ihn nicht, es ist ja auch kein Land da, das er bewirtschaften könnte. Er absolviert ein Studium der Volkswirtschaft, pendelt zwischen West-Berlin, Bayern und Hessen und lebt und arbeitet schließlich in Frankfurt am Main.

Sein Vater hat immer darauf gehofft, dass eines Tages die Mauer fällt und eine Rückkehr ins Havelland möglich wird. „Ich bin mit dem Marschbefehl meiner Familie groß geworden,“ sagt Friedrich-Carl von Ribbeck und er sagt es so, dass an Widerspruch nicht zu denken ist. Sein Leben nach der Wiedervereinigung lässt sich in zwei große Kapitel einteilen: in die Zeit bis 1999 und die Jahre danach. Nach dem Mauerfall sind er und seine Familie sicher, dass sie Anspruch auf Restitution haben. Und zunächst sieht es auch danach aus. Den Bescheid vom Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen (LARoV) mit dem entscheidenden Satz „... beabsichtigt zurückzugeben“ bekommt er, nachdem er den Anspruch angemeldet hat. Doch der Landkreis erhebt Einspruch und erwirkt einen neuen Bescheid, diesmal mit dem Passus „keine Rückgabe“.

Allee im Havelland. Foto: Oliver Mark

Allee im Havelland. Foto: Oliver Mark

Nicht allen ist bewusst, dass der „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ keine literarische Figur ist, sondern einst wirklich hier lebte und Gutes tat. Umso verblüffter reagieren dann Gäste, wenn sich im Gespräch herausstellt, dass sie gerade einem leibhaftigen Ur-Urenkel gegenüberstehen.

Eine Geschichte handelt von so einer Begegnung: Ein älteres Ehepaar kam mit Friedrich-Carl ins Gespräch, als dieser gerade die Grabstellen auf dem Familienfriedhof vom Unkraut befreite. Angesichts der vielen adligen Toten fühlte sich der Reisende aus dem Saarland wohl animiert, dem vermeintlichen Friedhofsgärtner zu erklären, wie gut es doch sei, dass man den Adligen im Osten nichts zurückgegeben habe, denn mit denen würde gewiss die Leibeigenschaft wieder eingeführt werden! Friedrich-Carl stellte sich nach diesen Ausführungen mit seinem vollen Namen vor und erklärte, dass er die Reitpeitsche gerade nicht dabei hätte, um das Gesinde auf dem Feld anzutreiben.

Wenn mir einer vor 25 Jahren gesagt hätte, dass ich jetzt Birnenessig produzieren würde, ich hätte ihn ausgelacht,“

sagt er zum Abschluss. Inzwischen ist er angekommen in Ribbeck, auch wenn es lange gedauert hat, hierher zurückzukehren. Doch wüsste er keine Alternative, denn nirgendwo zuvor habe er sich wirklich zu Hause gefühlt.

Eines ist ihm in dem Fontane-Gedicht noch aufgefallen, als er darüber nachdachte, warum sich einer eine Birne ins Grab legen lässt und darauf vertraut, dass sie keimen und wachsen werde, ganz gegen alle Vernunft. Und deshalb hat er sich wie ein Deutschlehrer vor seinen Schülern die Frage gestellt: „Was wollte uns der Dichter damit sagen?“ Die Antwort, die er vor Jahren fand, ist inzwischen zu seiner Lebensmaxime geworden: „Habt Vertrauen, auch schier unlösbare Probleme lassen sich lösen. Manche Lösungen dauern vielleicht ein wenig, aber habt Vertrauen, denn es gibt immer eine Lösung.“ Und so verknüpft Friedrich-Carl seine eigene Geschichte mit der des alten Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Auszüge aus dem Begleitbuch zur Ausstellung: Heimat verpflichtet

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