Journalistin Kristina v.Klot trifft in Brandenburg Menschen, die für Demokratie, Vielfalt und für mehr Chancengerechtigkeit eintreten. Im Büro Kinderarmut in Potsdam begegnet sie Christine Lubs, die als Bildungsbegleiterin ein elfjähriges Mädchen aus einer syrischen Familie im Schulalltag unterstützt – und sich faire Chancen trotz unterschiedlicher Startbedingungen wünscht.
Auf der Suche nach Sinn statt Optimierung
„Am Anfang dachte ich, es geht vor allem darum, dass die Kinder bessere Noten auf dem Zeugnis bekommen.“
Wenn Christine Lubs daran zurückdenkt, was sie sich vor einem Dreivierteljahr unter Bildungsbegleitung vorgestellt hat, muss sie lachen. „Am Anfang dachte ich, es geht darum, dass die Kinder bessere Noten auf dem Zeugnis bekommen.“ Ein Missverständnis, wie sich herausstellen sollte. Und die 34-jährige Bauingenieurin ergänzt: „Zudem hatte ich ja bewusst nach einem Gegenpol gesucht zu meinem technischen Beruf, der in meinem damaligen Unternehmen stark auf Effizienz und Optimierung ausgerichtet war.“ Aus dieser „Mühle“, sagt Lubs, wollte sie ausbrechen „und etwas sozial Sinnvolles tun.“
Sofort überzeugt vom Projekt Bildungsbegleitung
„Weil es letztlich Zufall ist, ob man mit Bildung aufwächst oder nicht, wollte ich Kindern helfen, die nicht so viel Glück hatten wie ich – und etwas zurückgeben.“
Die gebürtige Greifswalderin wuchs in einem akademischen Haushalt auf. Dass es auch anders geht und ein enger Freund erst kürzlich existenzielle Kämpfe ausfechten musste, „nicht zuletzt, weil er nicht die gleichen Möglichkeiten hatte wie ich“, habe sie viel über Chancengleichheit nachdenken lassen. „Weil es letztlich Zufall ist, wie man aufwächst, wollte ich Kindern und Jugendlichen helfen, die nicht so viel Glück hatten wie ich – und etwas zurückgeben.“
Deshalb war sie sofort dabei, als sie vom AWO-Büro KINDER(ar)MUT erfuhr und von dem dort verankerten Projekt Bildungsbegleitung, das in Potsdam armutsgefährdeten Kindern und Jugendlichen kostenlose Hilfe im Schulalltag anbietet. Es richtet sich an Familien, die beispielsweise wegen ihres geringen Einkommens keine Nachhilfe zahlen können. Momentan kümmern sich dort 40 Ehrenamtliche um 70 Heranwachsende.
„Das Wichtigste, was ich für Amira tun kann, ist, ihr einen Raum für sich zu geben.“
Christine Lubs trifft das Kind, das sie begleitet, einmal pro Woche für eineinhalb Stunden. Besser als nichts, versichert sie, und erzählt von der syrischstämmigen Amira, mit der sie jeden Mittwochnachmittag in den Räumen der Potsdamer AWO verabredet ist. Beim Kennenlernen der Zehnjährigen, die in Deutschland geboren ist, sei ihr erst nach und nach bewusst geworden, wofür sie gebraucht wird. „Das Wichtigste, was ich für sie tun kann, ist, ihr einen Raum für sich zu geben.“
Wenn es an Rückzugsraum fehlt
„Offenbar hatte sie noch nie jemand gefragt, wofür sie sich interessiert.“
Amira lebt mit fünf Geschwistern und ihren Eltern auf engem Raum. Sie sei in großen Teilen verantwortlich für ihren siebenjährigen Bruder, müsse ihn überallhin mitnehmen, Rückzugsmöglichkeiten gebe es kaum. Wie schwer sie an diesen „Mutteraufgaben“ trägt, zeigte sich beim ersten gemeinsamen Besuch der Stadtbibliothek. Amira hatte sie um Hilfe für eine Buchvorstellung in der Schule gebeten. Als es darum ging, was sie gerne lesen würde, stellte sich heraus, dass sie keine Lieblingsbücher hat. „Offenbar kam die Frage, wofür sie selbst sich interessiert, bisher noch nicht auf.“ Sie hätten drei Bibliotheksbesuche gebraucht, um eine bebilderte Dino-Geschichte zu finden und die Buchvorstellung fertigzustellen.
Wenn Lesen und Schreiben schwerfällt
„Sich für eine halbe Stunde in eine Bastelarbeit zu versenken, ist für sie super schwer. Sie kann sich nicht so lange konzentrieren.“
Weil Amira gut Deutsch spricht und zu den Besten ihrer Schule gehört, ahnte Lubs nicht, wie schwer ihr Lesen und Schreiben fällt: „Dass sie in der vierten Klasse ist, ohne gelernt zu haben, wie bei der Schreibschrift die Buchstaben auf die Linien gehören, fand ich ein bisschen erschreckend.“ Zugleich wolle sie stets vermeiden, das Mädchen bloßzustellen. „Weil sie auch vom Lesen schnell genervt war, dachte ich: Okay, ich muss sie ja nicht zu etwas zwingen, dann basteln wir eben.“ Aber auch das wurde zur Herausforderung. „Sich für eine halbe Stunde in eine Bastelarbeit zu versenken, ist für sie super schwer. Sie kann sich nicht so lange konzentrieren.“
Das zu akzeptieren und den Druck herauszunehmen, sei ihr nicht leichtgefallen, erinnert sich Lubs. „Mir wurde als Kind viel Disziplin abgefordert und vermittelt, dass Frustration dazugehört, um sich Wissen zu erarbeiten.“
Bildungsbegleitung wirkt für viele
Über Strategien, wie sie Amira helfen kann, sich diesem Prozess zu stellen, tauscht sie sich in der Supervision aus. Diese Sitzungen, die von der AWO allen Bildungsbegleitern angeboten wird, seien wichtig, um sich abgrenzen zu lernen. Auch wenn sie in Selbstreflexion geschult sei, fühle sie sich manchmal herausgefordert: Nicht selten stehe ihr „eine gewisse Härte“, mit der sie selbst groß wurde, im Weg.
„Neulich habe ich mich dabei ertappt, wie ich ihr gegenüber einen Satz brachte, der mich selbst schon als Kind frustriert hat: ‚Das war gar nicht so schlecht‘. Ich hätte sagen sollen: ‚Das hast du richtig gut gemacht!‘“ Offenbar sei Amira nicht die Einzige, die von der Bildungsbegleitung profitiere, sagt Lubs schmunzelnd.
„Fragen, auf die sie selbst noch keine Antwort hat, würde ich ihr nie stellen, um sie nicht zu beschämen.“
Inzwischen findet sie immer öfter den Dreh raus, sie zum Lernen zu motivieren. „Weil sie so hibbelig ist und die Hälfte der Zeit am Tanzen ist, braucht sie mehr Raum für Bewegung. Neulich bei den Mathehausaufgaben habe ich mir überlegt: Sie rechnet alles aus, aber die Ergebnisse notiere ich. Das fand sie total toll!“ Ohnehin sei spürbar, wie Amira ihre Treffen genießt und an sich arbeitet. Was ihr weiter schwerfällt, sei, eigene Vorstellungen zu entwickeln, wie sie sich ihre Zukunft erträumt. Selbstermächtigung vollziehe sich eben in kleinen Schritten und brauche Zeit und Einfühlungsvermögen, räumt Lubs ein. „Fragen, auf die sie selbst noch keine Antwort hat, würde ich ihr nie stellen, um sie nicht zu beschämen.“
„Was zählt, ist, dass sie überhaupt an den Punkt kommt, sich entscheiden zu können.“
Für Redebedarf sorgt zurzeit die Entscheidung über die weiterführende Schule. Die Bildungsbegleiterin sieht das gelassen. „Was zählt, ist, dass sie überhaupt an den Punkt kommt, sich über die Vor- und Nachteile ihrer Entscheidung bewusst zu werden.“ Das sei auch der Grund für ihr Engagement. „Durch die Zeit, die wir eins zu eins miteinander verbringen, entsteht ein Raum, in dem sich Amira persönlich weiterentwickeln kann – und ich sie dabei begleiten darf.“
Bildungstandem für mehr Chancengleichheit
So kannst du Heranwachsende unterstützen, die in Armut aufwachsen und Unterstützung im (Schul-)Alltag brauchen – zum Beispiel als ehrenamtliche Bildungsbegleitung bei der AWO Potsdam.
Was Du mitbringen solltest:
- Neugier, Offenheit und die Bereitschaft, Zeit zu schenken und zuverlässig da zu sein, idealerweise über ein Schuljahr hinweg, etwa eine Stunde pro Woche.
- Eigene Stärken kennen: Manche Kinder haben Schwierigkeiten, dem Unterricht zu folgen, weil zu Hause kein Deutsch gesprochen wird. Ihnen kannst du helfen, Lesen und Schreiben zu lernen. Andere brauchen Unterstützung bei den Hausaufgaben oder dabei, ihren Schulalltag besser zu strukturieren.
- Die Bereitschaft, sich mit den Bedürfnissen anderer auseinanderzusetzen. Wichtig ist, gemeinsam Strategien für konkrete Probleme zu entwickeln und neue Perspektiven zu eröffnen.
Was du nicht brauchst:
- Abschlusszeugnisse, pädagogische Erfahrung oder besondere Vorkenntnisse
Das hast Du davon:
- Du kannst wichtige Erfahrungen machen und viel dazulernen – auch über dich selbst. Und du profitierst vom Austausch mit anderen Ehrenamtlichen und von Weiterbildungsangeboten, die freie Träger anbieten.
Mehr erfahren und mitmachen:
- Büro KINDER(ar)MUT der AWO Potsdam
Informationen zum Projekt Bildungsbegleitung und Möglichkeiten zum Mitmachen - Kontakt: bildungsbegleitung@awo-potsdam.de
Ehrenamtliche zeigen, dass es sich lohnt, selbst aktiv zu werden. Man überlistet eigene Vorurteile, lässt Ignoranz und Unzufriedenheit hinter sich und erlebt, wie man gemeinsam mit anderen viel bewirken kann. In der Blog-Reihe „Es bewegt sich was in Brandenburg“ stellt die Journalistin Kristina v. Klot einige dieser engagierten Menschen vor.
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