Die Journalistin Kristina v.Klot reist durch Brandenburg und spricht mit Menschen, die sich vor Ort engagieren. Ihre Ideen eröffnen Möglichkeiten zum Mit- und Nachmachen. In Klein-Leppin trifft sie die 18-Jährige Helene Berndt, die Kinder und Jugendliche fürs Musiktheater und mehr Toleranz im Zusammenleben begeistern will.
Schauspiel, Musik, selbstgemachte Kostüme und eine humorvolle Inszenierung
„Es geht um tolle Geschichten, die uns bis heute viel zu sagen haben.“
Ende Mai in Klein-Leppin, einem 40-Seelen-Dorf in der östlichen Prignitz. Helene Berndt aus dem Nachbarort Zichtow sitzt im Café- und Veranstaltungsraum des Vereins „FestLand“. Dieser hat 2005 einen alten Schweinestall zu einem Opernhaus samt selbst gezimmerter Freilichtbühne umgebaut hat.
Jedes Jahr im Sommer lädt das Projekt „Dorf macht Oper“ zu einer neuen Inszenierung ein. An den dicken gemauerten Wänden, die die Hitze des Frühsommers draußen lassen, erinnern Dutzende Fotocollagen an Musiktheaterproduktionen aus über 20 Jahren. Hier liefen unter anderem moderne Adaptionen von Haydns Oratorium „Die Schöpfung“, die Märchenoper „Rotkäppchen“, Händels Hirtenoper „Acis und Galatea“ – und 2023 „Wie werde ich reich und glücklich?“ Bei dieser Revue von 1930, deren Handlung wie immer ins Hier und Jetzt versetzt wurde, war die 18-jährige Helene zum ersten Mal dabei. Was sie an der Satire über Erfolgs- und Optimierungswahn gefesselt hat, war die „Mischung aus Schauspiel, Musik und selbstgemachten Kostümen“ und die Komik der Inszenierung.
Mitgesungen habe sie damals zwar noch nicht, aber Texttafeln mit Slogans wie „Glück ist nicht alles!“ hochgehalten. „Und ich durfte auf der Bühne Rasentraktor fahren, um ein Autohaus-Szenario zu simulieren.“ Das Publikum solle schließlich erleben, wie modern und volksnah Opern sein können, betont Helene. „Es geht um tolle Geschichten, die uns bis heute viel zu sagen haben.“
In diesem Jahr hat die Mozartoper Idomeneo Anfang Juli Premiere, bei der der Blick auf dem Umgang mit höheren Mächten – den Naturgewalten – liegt.
Die Aufführungen und die intensive Zeit mit den Kindern und Jugendlichen sind ihr mindestens so wichtig wie der Ort selbst
„Das Opernhaus ist wie ein zweites Zuhause für mich, ein persönlicher Schutzraum. Hier kann ich sein, wer ich will.“
Die ländlichen Inszenierungen, bei denen umliegende Schulen, die Gemeinde Plattenburg, die Kreismusikschule und viele andere Opernfans aus der Region mitmachen, sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Beeindruckend ist, dass auch junge Leute viel Zeit und Energie in das Projekt stecken und sich im Chor und Orchester, bei der Bühnencrew und im Catering engagieren.
Was treibt Helene an, die schon seit vielen Jahren mitmacht, auch nach ihrem Abitur einen großen Teil ihrer Freizeit in Klein-Leppin zu verbringen? Da sei zum einen der „tolle Moment“, wenn der Laienchor erstmals auf die Solistinnen und Solisten von Musikhochschulen trifft, die jedes Jahr zusätzlich angeheuert werden. „Obwohl sie Profis sind, freuen sie sich darüber, diese irre Musik mit uns zusammen auf die Bühne zu bringen!“
Aber mindestens so wichtig sei die Zeit, die sie mit Kindern und Jugendlichen vor und nach den Aufführungen verbringt; an diesem „einzigartigen Ort“, der es Groß und Klein ermögliche, sich frei und kreativ zu entfalten, schwärmt die junge Frau, die Kinderärztin werden möchte. „Das Opernhaus ist wie ein zweites Zuhause für mich, ein persönlicher Schutzraum. Hier kann ich sein, wer ich will.“
Opernworkshop und SommerKunstCamp laden ein, sich spielerisch mit großen Fragen von heute auseinanderzusetzen
„Weil in (…) Mozarts „Idomeneo“ Feuer, Wasser, Erde und Luft eine zentrale Rolle spielen, durften wir eine kleine Mehlstaubexplosion nachstellen. Die Wucht war echt eindrucksvoll"
Worauf sie anspielt, sind die Opernwerkstatt und das SommerKunstCamp – zwei Mitmach-Angebote, eines rund um Ostern, das andere in den großen Ferien, bei denen Helene Teil des Mentoren-Teams ist. „In beiden Formaten geht es darum, Sechs- bis 15-Jährige zu ermuntern, das übergeordnete Thema der Oper in eigene Bilder, Worte oder Aktionen zu übersetzen“, sagt Helene. Sie erlebe die Kinder als offen für Kultur, Wissen und Kooperation „Sie lernen Zusammenarbeit, Rücksichtnahme und leben hier richtig auf.“ „Weil es in der Oper „Idomeneo“ um den Einfluss mächtiger Naturgewalten geht, haben wir eine Mehlstaubexplosion nachgestellt. Die Wucht war echt eindrucksvoll!“
Hier hat das Recht des Stärkeren keine Geltung
„Bei uns werden Schwächere gestärkt. Wir fördern ein faires Miteinander, bei dem alle zu Wort kommen, ohne befürchten zu müssen, ausgegrenzt zu werden.“
Inspiriert von der antiken Legende um den kretischen König Idomeneo, der nach einem Sturm dem Meeresgott Poseidon ein Opfer verspricht, aber feststellen muss, dass sein Sohn davon betroffen ist, verweise das Stück auf große Fragen unserer Zeit, meint Helene. „Wie weit würde ich gehen, um meine Liebsten zu schützen? Oder: Worauf wäre ich bereit, zu verzichten, wenn es um gemeinsame Herausforderungen wie den Klimawandel geht?“
Heranwachsenden die Chance zu geben, ihre Sorgen und Ängste auszudrücken, sei viel wert. Häufig fehlten geschützte Räume und ein Austausch auf Augenhöhe, so Helenes Erfahrung. „Während an meiner Schule das Recht des Stärkeren herrschte, werden bei ‚Dorf macht Oper‘ Schwächere gestärkt. Wir fördern ein faires Miteinander, bei dem alle zu Wort kommen, ohne befürchten zu müssen, ausgegrenzt zu werden.“
Sie kann sich noch gut an einen schüchternen Zwölfjährigen aus einem Schreibworkshop beim SommerKunstCamp 2025 erinnern. „Der hatte einen tollen Poetry-Slam-Text über Tierrechte verfasst, traute sich aber nicht, ihn laut vorzutragen.“ Sie habe viel mit ihm geübt und ihn ermutigen können, seine Angst zu überwinden. „Am Ende hat er es geschafft und war sehr stolz auf sich!“
Im Opernhaus gilt die Verpflichtung, immer wieder aufeinander zuzugehen
„Für mich ist das, was ich hier tue, keine Arbeit. Es ist Erholung für den Geist, und ich liebe es!“
Anderen vermitteln zu können, dass es sich lohnt, über sich hinauszuwachsen, sei eine großartige Erfahrung, sagt Helene. „Für mich ist das, was ich hier tue, keine Arbeit. Im Gegenteil, es ist Erholung für den Geist, und ich liebe es!“ Und wie meint sie das? Mit ihrer Antwort zögert Helene etwas. So eng sie mit der Region und den Menschen hier verwurzelt sei, stoße sie nicht selten auf „eine etwas eingeschränkte, dörfliche Sichtweise“, die sich zum Teil auch mit Unwissenheit erklären lasse.
Kein Verständnis dagegen hat sie für menschenverachtende und rassistische Kommentare, die ihr auf dem Land auch vielfach begegneten. „Dann bin ich froh, mich hierhin zurückziehen zu können, umgeben von Leuten, denen ich vertraue.“ Zugleich verbietet es sich in ihren Augen, Mauern zu errichten und in der Position ‚Die anderen sind so schrecklich‘ zu verharren. Vielmehr gebe es die wechselseitige Verpflichtung, immer wieder aufeinander zuzugehen. „Auch unser kleines Opernhaus soll so durchlässig wie möglich bleiben. Hier sind alle willkommen!“
Gemeinsam Oper machen – und Gemeinschaft erleben
So kannst du bei „Dorf macht Oper“ mitwirken und Teil eines außergewöhnlichen Kulturprojekts werden, das Menschen aller Generationen zusammenbringt.
Gerne kannst du als Sängerin oder Sänger mitmachen. Wer sich lieber hinter den Kulissen engagieren möchte, ist beim Bühnenbau, im Bereich Kostüme und Requisiten, im Küchen- und Cateringbereich, in der Organisation, im technischen Team, in der Öffentlichkeitsarbeit oder bei der Betreuung von Kindern und Jugendlichen ebenso willkommen.
Was du mitbringen solltest:
- Lust, dich mit deinen Ideen, Talenten und deiner Zeit einzubringen – unabhängig von deinem Alter, Beruf oder deiner Vorerfahrung.
- Als Sängerin oder Sänger die Bereitschaft, von Ende Januar bis zur Premiere Anfang Juli regelmäßig zu proben und sich viele Wochenenden freizuhalten.
- Offenheit für die Zusammenarbeit mit Menschen unterschiedlicher Herkunft, Generationen und Erfahrungswelten.
- Freude daran, gemeinsam kreative Lösungen zu finden und an einem Projekt mitzuwirken, das von gegenseitiger Unterstützung lebt.
Was du nicht brauchst:
- eine professionelle Gesangs- oder Schauspielausbildung
- Perfektion oder Bühnenerfahrung
- Vorkenntnisse im Kulturbereich
Das hast du davon:
- Die Möglichkeit, Teil einer Opernproduktion zu werden, die weit über die Region hinaus bekannt ist.
- Begegnungen mit engagierten Menschen, die Kunst, Gemeinschaft und gesellschaftlichen Zusammenhalt verbinden möchten.
- Neue Erfahrungen auf oder hinter der Bühne und die Chance, eigene Fähigkeiten zu entdecken und weiterzuentwickeln.
- Du lernst einen Ort kennen, an dem Kreativität, Mitbestimmung und gegenseitiger Respekt gelebt werden.
- Die Erfahrung, gemeinsam etwas zu schaffen, das keiner allein auf die Beine stellen könnte.
Mehr erfahren und mitmachen:
FestLand e. V. / Dorf macht Oper
Informationen zu aktuellen Produktionen, Mitwirkungsmöglichkeiten, Opernwerkstatt und SommerKunstCamp:
www.festland-prignitz.de
www.instagram.com/festland_ev
Ehrenamtliche zeigen, dass es sich lohnt, selbst aktiv zu werden. Man überlistet eigene Vorurteile, lässt Ignoranz und Unzufriedenheit hinter sich und erlebt, wie man gemeinsam mit anderen viel bewirken kann. In der Blog-Reihe „Es bewegt sich was in Brandenburg“ stellt die Journalistin Kristina v. Klot einige dieser engagierten Menschen vor.
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