Leichte Sprache

Es kann so einfach sein. Teil 2

Weine nicht über verschüttete Milch!
Theresas Herbergsmutter wohnt in Falkensee. Sie mag Eierlikör, Potsdamer findet sie blöd und auch, dass ein Landrat Roger heißen kann. Beim Thema Heimat aber wird sie still und nachdenklich. Theresa hat mit ihr getrunken und gequatscht.
Gläser in einer Vitrine. Foto: Theresa

Glas 3 Bald ist Ostern

„So, Kindchen! Auf geht’s mit Nummer Drei!“
„Frau Ragow! Bitte…“
„Kindchen! Hoch die Tassen! Sorgen lassen! Und jetzt im Sturz… Keinen Tropfen will ich sehen!“

Vor mir in der Küche in Falkensee stehen zwei Literflaschen „BB- Eierlikör mit dem echten Landkost-Ei“. Es ist Sonntag, draußen schneit es. Bald ist Ostern. Ich habe jede Hoffnung auf den Frühling aufgegeben. Frau Ragow nicht. Sie stößt auf ihn an. Die gelben Flaschen sind von einer Armada von Sto-Gramm-Gläsern umringt. Vier der zierlichen Gläser sind schon gelb verschmiert, zwei sind jetzt randvoll mit gelber Tunke gefüllt. Wenn ich recht zähle, warten weitere zwölf auf ihr Schicksal. Es wird ein langer Nachmittag. Neben mir sitzt Frau Ragow und freut sich an meiner anhaltend entsetzten Gesichtsmimik.

Was andere mit Wodka machen, zelebriert Frau Ragow mit Eierlikör: Das Glas mit einem Schluck leeren, auf den Tisch donnern, sich schütteln und einen Spruch schmettern. Zwei hatten wir heute schon:
„Hopp, hopp, hopp, rin in kopp!“ „Rache ist Blutwurst. Er hieß Horst!“
„Frau Ragow, wer ist Horst?“
„Egal! Später. Jetzt der nächste…“

Es wird kein Ende nehmen. Angefangen hat es nach Neujahr im Januar. Als ich vom Elternbesuch aus Süddeutschland wiederkam, war der Enkelbesuch von Frau Ragow abgereist. Wir saßen in der Küche und berichteten uns vom Wechsel in das neue Jahr. Irgendwann stand Eierlikör auf dem Tisch und ich wurde herzlich, aber konsequent, in die harte Form des Eierlikörgenuss eingeführt. Nach drei Gläsern war ich nicht mehr das Fräulein Heinewald, sondern „Kindchen“ und nach dem sechsten Glas musste ich beständig wiederholen, wie wir im Süden von der Kehrwoche reden. „Ach Kindchen, Du redest so wunderbar! Wie kann man nur so eine Sprache haben!“ Die Gläser hat Frau Ragow „vom Russen“, der hat sie 1994 in Rangsdorf in einer Kaserne stehen gelassen. Da wohnte Frau Ragow damals.

Ihr erinnert euch? Frau Ragow ist meine Herbergsmutter in Falkensee. Ich wohne bei ihr im ersten Stock. In der Woche sehen wir uns selten, aber am Wochenende, wenn ich keine Landflucht betreibe, ist die Küche am Sonntag Pflicht. Mal gibt es gebratene Blutwurst mit Kraut, mal Streuselkuchen, mal Rüben mit Bulette. Wenn ich nicht aufesse, wird mit Mietkündigung gedroht. Danach kommt immer Eierlikör. Inzwischen bin ich ab dem zweiten Glas „Kindchen“. Ab dem dritten Glas geht es um das Übel der großen Politik („Blöde Potsdamer, nur Rosinen im Kopf!“), das vierte Glas widmet sich der kleinen Politik („Wie kann ein Landrat Roger heißen? Ist der Schlagersänger?“). Dann schweifen wir mit Glas fünf kurz in die Bundespolitik ab („Ich weeß nich. Hat das alles noch Zweck? Die Merkel guckt ja auch schon so komisch jetzt.“) Glas sechs gilt den Kindern („Alle weg nun, aber na ja, müssen ja gucken, wo sie bleiben.“) Wenn wir die Hälfte der zweiten Flasche schaffen, wird es philosophisch. Meine Hinweise, dass mein Magen Eierlikör nicht so gewohnt ist, wird hart abgewehrt: „Kindchen, die Zukunft liegt nicht in der Quinoa, sondern im Likör! Glaub mir das, ich bin eine erfahrene Frau.“

Glas 4-6 "Hier war nichts mehr"

Heute haben wir die Politik weggelassen und sind gleich nach Glas Drei („Kopf in Nacken, kannst später kacken!“) zu den Kindern gewechselt. Frau Ragow hat mir von ihrer Tochter erzählt, die im Sommer 1989 über Ungarn weg ist, 1992 wieder kam und 1998 wieder weg war. „Hier war nichts mehr.“ Monika ist nach Österreich. Ihren Mann hat sie hier gelassen und ihre Tochter auch, Jana. Die kam 1996 auf die Welt. Frau Ragow, die Großmutter, hat den Mann davongejagt und Jana großgezogen, während Monika in Österreich ein Hotel aufbaute und einen neuen Mann dazu. Jana ist inzwischen auch weg, in Nürnberg. Sie studiert da und will dort auch bleiben. „Weil, dort gibt es Arbeit, die bezahlt wird.“

In Janas ehemaligem Zimmer wohne jetzt ich. Zweimal im Jahr sehen sie sich. Weihnachten und im Juli, wenn Frau Ragow Geburtstag hat. Dann wird berichtet und erzählt und getrunken, aber „irgendwas bleibt immer grau.“
Wir sind inzwischen beim sechsten Glas, die Trinksprüche haben aufgehört. Gott sei Dank!
„Was ist grau?“
„Ach Kindchen, das ist schwer.“

Glas 7-9 Wo ist Heimat?

Frau Ragow denkt nach und öffnet die zweite Flasche. Ich befrage meinen Magen, ob er bereit ist, vom Quinoa-Glauben abzukehren. Die Antwort ist indifferent. Notfalls muss sie später auf der Toilette geklärt werden. Frau Ragow schenkt nach. Wir trinken auf Sturz, schmettern die Gläser auf den Tisch und schütteln den Kopf.
„Also Kindchen, weißt Du… jetzt schmeißen sie doch alle mit der Heimat um sich. Wir müssen sie retten, sie wäre bedroht. Ist das so? Monika und Jana sagen, wenn sie hier sind, dann ist das Heimat. Aber wenn sie zurückfahren, dann sagen sie, sie fahren nach Hause. Also irgendwie auch Heimat. Weißt?“

„Aber dann ist Heimat doch überall. Ist doch schön. Und nicht grau.“
„Na ja. Mag für euch jungen Dinger so sein. Aber für mich ist das grau. Ich bin ja nicht überall. Ich bin hier.“
„Und hier ist grau?“
„Manchmal schon. Ja. Ganz schön grau.“

Jetzt denke ich nach. Und schenke nach. Egal jetzt. Glas acht.
„Frau Ragow! Was soll das mit der Heimat? Das ist doch eben kein Ort. Da wo wir gut sein können, da könnte Heimat sein. Oder?“
„Hmh.“

Frau Ragow hebt die Hand zur Flasche. Es wird ein Massaker. Glas neun. Die zweite Flasche ist halbleer. Sturz. Schmettern. Schütteln.
„Weißt Du, was Heimat ist, Kindchen?“ Frau Ragow schaut mich lange an, wartet nicht auf meine Antwort.
„Zufrieden sein dürfen. Leben. Und keine Sorgen haben.“
„Das stimmt!“

Glas 10 Prost

Nochmal nachschenken. Glas zehn. Wir heben es hoch. Frau Ragow lächelt.
„Und deswegen ist Heimat so selten, weißt Du?“

Darüber muss ich nachdenken. Es ist still in der Küche. Draußen fällt immer noch der Schnee.
„Aber dann ist es umso schöner, wenn wir von ihr träumen können, oder?“
Ich sage es mit großer Geste. Meine linke Hand schleudert im Schwung die noch halbvolle Flasche vom Tisch. Ich bin wohl betrunken. Von Eierlikör. Das muss man erstmal schaffen.
„Oh Gott, das tut mir leid!“

Frau Ragow lächelt, in der anderen Hand haben wir immer noch Glas Nummer zehn!
„Weine nicht über verschüttete Milch, Kindchen! Prost!“

 

Theresa

Theresa Heinewald

Im November letzten Jahres ist Theresa wegen Kunst am Leben und im Beruf nach Berlin gezogen. Dort arbeitet sie, wohnt aber in Brandenburg. Am Anfang hat sie gedacht, das kann nur eine Notlösung sein, denn alle wollen doch nach Berlin, niemand aber nach Brandenburg. Inzwischen sieht sie das anders. Brandenburg ist ganz anders als Berlin, wo jeder sich jeden Tag bloß neu erfindet.

Brandenburg ist einfach und manchmal furchtbar kompliziert. Warum ist das so?
Hier schreibt sie es auf.

 

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.7 (3 Bewertungen)

Kommentare

...„Weißt Du, was Heimat ist,

...„Weißt Du, was Heimat ist, Kindchen?“ Frau Ragow schaut mich lange an, wartet nicht auf meine Antwort. „Zufrieden sein dürfen. Leben. Und keine Sorgen haben.“ „Das stimmt!“ Glas 10 Prost Nochmal nachschenken. Glas zehn. Wir heben es hoch. Frau Ragow lächelt. „Und deswegen ist Heimat so selten, weißt Du?“

... So einfach ist das manchmal - eine kluge Frau, die Frau Ragow!

Eigene Bewertung: Keine

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
Druckversion Send by email