Leichte Sprache

Es kann so einfach sein. Teil 3

Über Gedenken nachdenken
Lette und Tie wollten mit mir eine lustige Wild-East-Tour machen, damit ich sehe, wie schön und hässlich Brandenburg auf einmal sein kann. Gelandet sind wir im Belower Wald und damit mitten im Nachdenken über‘s Gedenken.
Im Belower Wald. Bild: Theresa

Lette, Tie und ich haben die erste Brandenburg-Tour gemacht. Es war warm und der Frühling lag in vollen Zügen. Doch der Tag endete anders als geplant.

Die beiden wollten mit mir eine lustige Wild-East-Tour machen, damit ich sehe, wie schön und hässlich Brandenburg auf einmal sein kann. Wir sind mit der Bahn bis Neustadt (Dosse) und von dort mit den Rädern kreuz und quer durch das Land nach Norden. Tie hat genervt mit seinem Wissen, ich war begeistert von der Landschaft und den extremen guten Fahrradwegen. Auch die kleinen Dörfer mit den kaputten Häusern am Rand und in der Mitte waren irgendwie romantisch. Besonders, wenn auch noch Kühe auf der Weide waren oder gar Schafe. Lette erklärte, dass dies aber keine Romantik, sondern nur die Vorboten des Verfalls seien. Am Ende, so ihre Überzeugung, wird die ganze Gegend hier im Norden nur noch aus hübschen Wäldern, Seen und Pferdegestüten bestehen, wo Berliner und Hamburger am Wochenende ihre teuren Pferde besichtigen, die über die Woche von Brandenburgern gepflegt werden.

Irgendwann waren wir an den Hinweisschildern zum Belower Wald. Der Weg dorthin ist wirklich richtig schön. Ganz viele Blumen und ein wunderbarer Waldweg. Außer drei Menschen auf Pferden sind wir niemanden begegnet. Aber der Weg endet an einem kleinen Waldstück, in dem 1945 hunderte Menschen sterben mussten. Wir waren an der Gedenkstätte Belower Wald.

Fakten im Wald

Tie hatte die Fakten. In dem Wald hier mussten in der vorletzten Kriegswoche Ende April 1945 16.000 Menschen eine Woche lang kampieren. Sie waren umgeben von Stacheldraht, es gab nichts zu essen, zu trinken, auch kein Wasser oder Toiletten. 16.000 Menschen in einem kleinen Stück Wald. Es waren Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen, die von der SS hierhergetrieben wurden. Sachsenhausen ist knapp einhundert Kilometer entfernt. Die Menschen mussten zu Fuß laufen, jeden Tag bis zu 40 Kilometer. Die SS hat jeden erschossen, der nicht mehr laufen konnte. Begraben wurden sie von der Bevölkerung in den Dörfern am Weg, die das alles mit ansah und nur selten half. Im Wald selbst sind mindestens 400 Menschen gestorben, ihre Gräber kennt niemand. Ende April mussten die Menschen weiter, Richtung Schwerin, das sind nochmal 60 Kilometer nach Norden. Es war einer der Todesmärsche, die die SS „Evakuierungen“ nannte.

Die ziegelroten Mahnmale zu diesen Todesmärschen stehen hier oben in fast jedem zweiten Ort. Wir sind beständig an ihnen vorbeigefahren und haben sie trotzdem kaum wahrgenommen. Gedenksteine halt, aus einer anderen Zeit, vergangen irgendwie. Doch jetzt war die Zeit auf einmal da.

Lebenszeichen

Im Wald sind viele rote Winkel. Sie kennzeichnen die Bäume, von denen die Menschen sich Rinde abgeschnitten haben, weil sie nichts zu essen hatten. Oder sie haben an den Bäumen Lebenszeichen hinterlassen. Einer hat seinen Namen in den Baum geritzt, ein anderer ein ganzes Bild. Ein Haus ist darauf, ein Baum und ein Teich. Vielleicht eine Erinnerung an zu Hause. Außen, an den Rändern ist in den Bäumen immer noch die Einkerbung des Stacheldrahtes zu sehen. Im Wald wurden Gegenstände der Häftlinge gefunden, die jetzt in Vitrinen liegen. Auch ein Löffel. Auf den hat ein russischer Häftling geschrieben: “Alles ist gut, aber Du bist nicht da.“ Hat er überlebt? Neben dem Wald ist eine Ausstellung zu diesem Lager. Dort sind auch Fotos einer Kommission des Internationalen Roten Kreuzes zu sehen, die den Marsch begleitet und versucht haben, die Häftlinge mit Lebensmitteln zu versorgen und zu helfen. Sie haben mit angesehen, wie die SS Menschen erschoss, wie Menschen verhungerten. Eingreifen konnten sie nicht.

Und was geht uns das an?

Wir waren lange dort im Wald. Dann sind wir zurück nach Wittstock. Auf den Weg dorthin haben wir gestritten, ob man das mit der Kommission vom Roten Kreuz vergleichen kann mit heutigen Hilfseinsätzen und wenn ja, was das heißt. Lette meinte, es heißt, dass wir heute genauso wegschauen wie die Bauern in den Dörfern damals. Wir müssen nur nicht mehr am Straßenrand stehen, weil es ja nur im Fernsehen kommt. Kann man ja jederzeit ausschalten. Tie hält dagegen, dass man das alles nicht vergleichen kann. Das eine waren die Nazis und der Zweite Weltkrieg, das andere sind die ganzen anderen Probleme heute. Was haben die miteinander zu tun?

Lette erzählte von ihrem alten Geschichtslehrer in Neubrandenburg. Der meinte, Gedenken wird sinnlos, wenn es nur noch aus Formeln besteht. Aufsagen und weitergehen. Am Ende sind nur noch die da, die sagen, man soll doch dieses ganze Gedenken sein lassen. Damit wir vergessen können. Und nicht mehr hinschauen müssen. Das sei dann verantwortungslos. Stimmt! Die Gedenkstätte muss heute mit vielen Kameras bewacht werden, denn in den letzten Jahren wurde sie zweimal von Unbekannten ziemlich erfolgreich zerstört. Das ist wohl so, wenn Menschen in der Gegenwart ihre Verantwortung aus der Vergangenheit nicht ertragen können.

Tie las mittlerweile über Wittstock bei Wikipedia. In der Stadt gab es 1933 auch ein sogenanntes „frühes Konzentrationslager“ der Nazis. Zu DDR-Zeiten wurde daran erinnert. 1990 wurde der Gedenkstein entfernt. Auch daran gibt es also keine Erinnerung mehr. Aber 2019 kommt die brandenburgische Landesgartenschau hierher. Motto: „Rundum schöne Aussichten.“

In Brandenburg gibt es über 200 Gedenkstätten an Orten, wo zwischen 1933 und 1945 Menschen inhaftiert und umgebracht wurden. Einige dieser Gedenkorte sind verfallen oder wieder vergessen, um viele andere kümmern sich Menschen, die nicht vergessen wollen. Im Belower Wald ist vor der Gedenkstätte eine einfache Stele. Darauf stehen am Ende drei Worte: „Menschen seid wachsam!“ Könnte eine leere Formel sein. Muss es aber nicht.

 

Theresa

Theresa Heinewald

Im November letzten Jahres ist Theresa wegen Kunst am Leben und im Beruf nach Berlin gezogen. Dort arbeitet sie, wohnt aber in Brandenburg. Am Anfang hat sie gedacht, das kann nur eine Notlösung sein, denn alle wollen doch nach Berlin, niemand aber nach Brandenburg. Inzwischen sieht sie das anders. Brandenburg ist ganz anders als Berlin, wo jeder sich jeden Tag bloß neu erfindet.

Brandenburg ist einfach und manchmal furchtbar kompliziert. Warum ist das so?
Hier schreibt sie es auf.

 


 

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