Jugendkriminalität: Vorurteile und Fakten

„Ich verstehe nicht, warum man diese Bilder zeigen muss“, schreibt Frédéric Valin im Spreeblick. In der Tat. Das Video von der brutalen Gewalttat im U-Bahnhof Friedrichstraße am Osterwochenende dürfte kaum einem Fernsehzuschauer entgangen sein. Immer wieder wurden die Aufnahmen der Überwachungskamera in allen Fernsehsendern gezeigt. Längst sind die Täter bekannt, doch noch immer wird das Bildmaterial zur Illustration von „Berichten“ über die „U-Bahn-Gewalt“ verwendet.

Soweit ich sehe, wird das Video dabei in den meisten Fällen zumindest in einer „entschärften“ Version gezeigt, bei der dem Zuschauer die brutalsten Szenen erspart bleiben. Doch manche Medienmacher kennen keine Skrupel: Auf der Homepage einer Boulevardzeitung kann man bis heute eine  komplett unverpixelte Version des Videos anschauen.

Es stellt sich die Frage, warum die Polizei überhaupt den kompletten Film an die Medien weitergegeben hat. Wenn ich es richtig verstehe, soll die Videoüberwachung der Aufklärung von Straftaten dienen. Muss man dazu Bilder veröffentlichen, die unverpixelt zeigen, wie der Täter mehrfach heftig gegen den Kopf des Opfers tritt?

„Bei der Aufklärung der Gesellschaft“ helfe das Video jedenfalls „ganz bestimmt nicht“, meint Frédéric Valin:

„Diese totale Emotionalisierung der Debatte durch Bilder, die einem tatsächlich das kalte Grauen über den Rücken jagen, führt zu nichts außer dem Ruf nach einem härteren Strafrecht. Damit ist niemandem geholfen, vor allem nicht dem Opfer, dessen Hilflosigkeit und Verletztheit in endlosen Wiederholungen immer wieder und wieder reproduziert wird.“

Wie die Bilder auf den Zuschauer wirken, sei mal dahingestellt (bei jemandem, der sie schon vierzig Mal in den Abendnachrichten gesehen hat, wirken sie wahrscheinlich gar nicht mehr). In einer Meinungsumfrage, die kurz nach dem Überfall durchgeführt wurde, sprachen sich bemerkenswerterweise nur neun Prozent der Befragten dafür aus, Gewalttäter härter zu bestrafen. Gleichwohl fühlen sich nach dieser Umfrage 44 Prozent aller Berliner in U- und S-Bahnen unsicher.

Derartige Ängste müssen ernstgenommen werden. Wohl jeder, der gelegentlich nachts mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, kennt das Gefühl der Unsicherheit. Um zu einer realistischen Einschätzung der Gefährdung zu gelangen, ist es allerdings erforderlich, sich von den im Fokus der aktuellen Medienberichterstattung stehenden Einzelfällen zu lösen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang der Blick in die Kriminalstatistik.

„Jugendkriminalität in Deutschland – zwischen Fakten und Dramatisierung“. Dies ist der Titel eines 42-seitigen Working Papers (PDF), das der Soziologe und Kriminologe Gerhard Spiess (Universität Konstanz) vor etwa einem Jahr veröffentlichte. Der Autor widerlegt bzw. relativiert darin viele der gängigen Vorurteile zum Thema Jugendkriminalität. Einige (von mir etwas vereinfacht dargestellte) Beispiele:

Die Kriminalitätsentwicklung in Deutschland verläuft nach Darstellung von Spiess in den letzten Jahren „keineswegs besonders auffallend“. Es gebe keine Hinweise für eine zunehmende Gefährdung der Bevölkerung durch Kapitaldelikte. Die Zahlen „für Mord, Raubmord, Sexualmord“ seien „vielmehr in den letzten 10 bis 15 Jahren rückläufig“ (S. 36). Die Gewaltkriminalität mache nur etwa 3 Prozent der registrierten Fälle aus und spiele damit „eine quantitativ völlig untergeordnete Rolle“ (S. 2).

„Für eine Dämonisierung der Kinder- und Jugendkriminalität besteht … kein Anlass“, schreibt Spiess auf S. 27. Die in einigen Statistiken feststellbaren Zunahmen der Kinder- und Jugendkriminalität müssten differenziert interpretiert werden  (S. 14). Von „einer allgemeinen, erheblichen Steigerung der Schülergewalt“ könne nicht gesprochen werden (S. 4). Gleiches gelte für die „vielfach behauptete Brutalität in den Auseinandersetzungen“ (S. 5). Wichtig scheint mir auch dieser Hinweis des Autors:

„Aus kriminologischer Sicht sind es nicht eine besondere kriminelle Energie oder Professionalität, die für die überproportional häufige Registrierung junger Menschen ursächlich sind, sondern gerade das Fehlen dieser Merkmale - kriminelle Energie und Professionalität. Denn die registrierten Delikte junger Menschen sind überproportional häufig Bagatelldelikte; es sind Delikte, die typischerweise leicht aufzuklären sind, weil sie von unprofessionellen Tätern dilettantisch begangen werden; und es sind Delikte, auf die sich u.a. aus diesem Grund private und polizeiliche Kontrollintensität konzentrieren“ (S. 21).

Und was könnten härtere Strafen bringen? Eher das Gegenteil des Gewünschten, meint Gerhard Spiess: Für die Annahme, man könne durch frühere und härtere Strafen die Jugendkriminalität senken, gebe es keine empirische Grundlage (S. 38). Schlimmer noch: „Je früher und je konsequenter auf einen bestimmten Delikttyp strafend reagiert wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die kriminelle Karriere verlängert wird“ (S. 32).

Zurück zu den Fernsehbildern: Gegen Gewaltszenen in der Endlosschleife kann man sich wehren: durch Wegschauen. Zum Schluss dieses Beitrags ist es mir aber wichtig, noch dies hinzuzufügen: Jedes Opfer von Gewalt ist eines zu viel. Deshalb kommt es im realen Leben sehr wohl auf das Hinschauen an. Und auf das Handeln.


Link:

Susanne Leinemann: Der Überfall. Drei Jugendliche ziehen raubend und prügelnd durch die Großstadt. Die Autorin hat den Ausbruch der Gewalt knapp überlebt (ZEITmagazin vom 02.12.2010)
 

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