Von einsam zu gemeinsam: Wie „Lehnitz Connect“ junge Menschen zusammenbringt

Es bewegt sich was in Brandenburg

Was tun gegen Einsamkeit auf dem Land? Sandra Lorenz hat nicht lange gewartet, sondern selbst ein Netzwerk für junge Menschen aufgebaut. Wie aus einer Idee Begegnungen, Engagement und Beteiligung entstanden sind, erzählt diese Geschichte.

Wenn Sandra Lorenz schildert, wie ihr Engagement begann, klingt das – wie so oft bei guten Ideen – naheliegend: Es begann damit, dass ihr 2025 bei einem Spaziergang mit einer Freundin am Lehnitzsee eine Gruppe junger Leute entgegenkam. Und das im nördlichen Berliner Umland, wo man fast nur Familien und Senioren begegnet, sagt Sandra. 

„Und weil die Jugendlichen nett wirkten, fragten wir uns: Wie lernt man eigentlich Leute kennen, ohne sie direkt ansprechen zu müssen?“ Denn auf die Idee käme in ihrer Generation niemand, so die 21-Jährige. Das wäre nicht nur peinlich, sondern könnte auch als Anmache missverstanden werden. 

Sie sorgt dafür, dass mehr los ist am Lehnitzsee: Sandra Lorenz, Initiatorin des Netzwerks 'Lehnitz Connect'
© Kristina v.Klot

Sie sorgt dafür, dass mehr los ist am Lehnitzsee: Sandra Lorenz, Initiatorin des Netzwerks 'Lehnitz Connect'

Was also tun, um auf dem Land unkompliziert mit Gleichaltrigen in Kontakt zu kommen? Mit dieser Frage im Kopf entwickelte die junge Frau, die Lehramt an Grundschulen studiert, `Lehnitz Connect´, das über die Havelniederung hinaus bekannt geworden ist: Ein Netzwerk für 18- bis 27-Jährige, das zum Volleyballspielen, Picknicks, Spieleabenden und Partys animiert; und aus dem auch Angebote zu Workshops und ein Jugendforum erwachsen sind.

Alle genießen es total, Leute kennenzulernen, mit denen sie sonst nie in Kontakt gekommen wären – ohne weit fahren zu müssen!“

Und wie ist sie vorgegangen? „Als Erstes bin ich ganz oldschool mit einer Liste herumgelaufen, damit sich alle, die die Idee gut fanden, eintragen konnten. Ich dachte, das macht man so.“ Mit dieser „Petition“ ging sie dann in die Sitzung des Ortsbeirats. Den kannte sie noch aus Coronazeiten. Damals hatte sie im Namen ihrer Jahrgangsstufe darum gebeten, der Gemeinde kollektiv beim Herbstfeuer helfen zu dürfen – gegen einen kleinen Beitrag für die Abi-Ball-Kasse. 

„Dieses Mal guckten die mich erst ein wenig verdutzt an, haben mir dann aber die Flyer-Produktion für die ersten Treffen bezahlt und beim Aufhängen geholfen.“ Obwohl schnell klar war, dass sie die junge Zielgruppe vor allem über Instagram erreicht, fühlte sie sich über das positive Feedback der Lokalpolitik gestärkt. „Aber was mich am meisten motiviert, ist die Reaktion bei den Treffen: Alle genießen es total, Leute kennenzulernen, mit denen sie sonst nie in Kontakt gekommen wären – ohne weit fahren zu müssen!

„Auf dem Volleyballfeld, beim Strandpicknick oder bei Brettspielen fällt es viel leichter, ein Gespräch anzufangen.“

Denn um auf dem Land Gleichaltrige zu treffen, müsse man normalerweise weite Wege in Kauf nehmen, Fahrgemeinschaften organisieren oder „Glück mit dem Nahverkehr“ haben, weil viele Orte schlecht angebunden sind, so Sandras Erfahrung. Aufgrund extrem hoher Kosten für den Führerschein und gestiegener ÖPNV-Preise „auch für Azubis“ sei selbst die Fahrt ins nur 35 km entfernte Berlin sehr teuer. Umso dankbarer nimmt der harte Kern von 10 bis 20 Leuten die Möglichkeit an, sich über das Netzwerk unkompliziert vor Ort zu verabreden. „Auf dem Volleyballfeld, beim Strandpicknick oder bei Brettspielen fällt es viel leichter, ein Gespräch anzufangen.“ 

Gastfreundschaft gehört für Sandra einfach dazu.

„Eigentlich geht es immer um dasselbe: Jeder möchte gesehen werden und das Gefühl haben, dass man zählt.“

Dass in ihrer Heimatstadt solche Gelegenheiten rar und die Hürden, Fremde anzusprechen, groß sind, wusste Sandra schon vorher. Und wie erklärt sie sich ihre eigene Beobachtung, dass viele Altersgenossen mehr und mehr unter Einsamkeit leiden, sich aber trotzdem nicht trauen, andere anzusprechen? Sandra spricht unter anderem von den Folgen eines zunehmend unverbindlichen Online-Datings. 

„Die Angst vor Zurückweisung hemmt viele, offen aufeinander zuzugehen.“ Auch im engen Freundeskreis sei sie meist die Einzige, die Menschen furchtlos anspricht und zu Hause bei sich versammelt. Sie hat keine Scheu, Kontakte aus der Grundschule neu zu beleben und zusammen mit alten Bekannten aus dem Volleyballverein und Freunden aus ihrem Abi-Jahrgang einzuladen. Hinterher sei die Überraschung häufig groß, weil man sich so viel besser verstanden hat als gedacht. 

„Eigentlich geht es immer um dasselbe“, meint Sandra. „Jeder möchte gesehen werden und das Gefühl haben, dass man zählt.“ Ihre Gabe, die Wertschätzung untereinander anzukurbeln, verdanke sie nicht zuletzt dem „Gastfreundschafts-Gen“ ihrer Eltern. „Bei uns sind alle willkommen, hier steht immer was zu essen auf dem Tisch – in der polnischen Familie meiner Mutter übrigens eine Selbstverständlichkeit!“ 
 

12- bis 18-Jährige haben Jugendclubs. Für Leute zwischen 20 und 30 fehlen Räume und Sichtbarkeit.

Wenn Politiker versichern, sie hätten dafür gesorgt, dass sich junge Menschen beteiligen können, denke ich nur: Wo genau?“

Was als kostenloses Freizeitangebot für Lehnitz gedacht war umfasst mittlerweile Workshops zur Steuererklärung, Koch-Events und Selbstverteidigungskurse. Und es lockt Neugierige aus der Umgebung an. „Als die ersten aus Oberkrämer dazukamen und die Sache größer wurde, habe ich Kontakt zum Kreisjugendring Oberhavel e. V. aufgenommen.“ 

Ihr erster Erfolg: 200 € Förderung fürs Sommerabschlussgrillen. Dass solche Töpfe „viel zu selten“ genutzt würden, führt Sandra auch auf mangelnde Sichtbarkeit ihrer Altersgruppe zurück. „Wenn Politiker versichern, sie hätten dafür gesorgt, dass sich junge Menschen beteiligen können, denke ich nur: Wo genau?“ Offenbar unterscheide die Politik nicht mal zwischen Jugendclubs, die schon um 19 Uhr schließen, und Räumen, die für 20- bis 30-Jährige interessant sind. Außerdem würde häufig an deren Lebensrealität vorbei geplant, meint Sandra. 

„Wenn man den Termin für ein Jugendforum mittwochs um 12 Uhr legt, ist ja klar, dass da nur Schulklassen dran teilnehmen. Das ist für mich eher eine Pseudo-Jugendbeteiligung.“  

Um etwas für Gleichaltrige zu erreichen, knüpft Sandra so viele Kontakte in die Stadt wie möglich.

 „Sobald ich versuche, was zu organisieren (…) überlege ich: Wen in der Behörde muss ich ansprechen, wenn ich dieses oder jenes erreichen will?“

Kurzerhand beschloss die junge Frau, die in ihrem persönlichen Umfeld auch liebevoll „Chefin“ genannt wird, selbst aktiv zu werden. Gemeinsam mit dem Kreisjugendring und dem Kinder- und Jugendbüro Oberhavel gründete sie das „Jugendforum Oberhavel“, das freitagsabends tagt. Zum ersten Treffen im März kamen über zwei Dutzend Gäste, um darüber zu diskutieren, warum Menschen von hier wegziehen wollen. Die nächsten Themen sind schon gesetzt: bezahlbarer Wohnraum, der Ausbau des Nahverkehrs und fehlende Begegnungsorte. Und gibt es Schnittmengen zu denjenigen, die vor allem die Freizeitangebote nutzen?

„Ja schon, aber ich möchte niemanden überzeugen müssen. Ich habe lieber zehn Leute vor Ort, denen es Spaß macht, mitzudiskutieren, als 30, die nur da sind, weil es Snacks gibt.“ Und was motiviert sie selbst, sich so umfassend zu engagieren, dass sie sogar Mitglied im örtlichen Jugendbeirat wurde? Eigentlich ergab sich eins aus dem anderen, resümiert Sandra. „Sobald es etwas zu organisieren gibt – zum Beispiel die Turnhalle für unsere Volleyballtreffen – überlege ich: Wen in der Behörde muss ich ansprechen, um was zu erreichen? Denn das wichtigste Werkzeug dafür ist, die städtischen Strukturen besser kennenzulernen.“ 
 

Neue Leute kennenlernen – leicht gemacht

Kennst du die Situation? Du sitzt zu Hause, hast gerade nichts vor und würdest eigentlich gerne etwas unternehmen, aber dir fehlen nicht nur die Leute, sondern auch die Idee, wo du anfangen kannst? Gerade in Kleinstädten und Dörfern ist es oft gar nicht so leicht, Menschen in deinem Alter kennenzulernen. Aber das kannst du ändern: Starte selbst eine Initiative, auch wenn sie noch so klein ist, die Menschen zusammenbringt – vielleicht genau die, die so wie du auf der Suche nach neuen Kontakten sind.

So kannst du selbst aktiv werden:

Du kannst zum Beispiel eine Sportgruppe gründen, einen Spieleabend organisieren, zu einem Picknick einladen oder gemeinsam mit Freunden und Bekannten andere Ideen entwickeln. Sprich Menschen an, denen es ähnlich geht, und hol dir Unterstützung: Vielleicht helfen dir Familie und Freunde, Vereine, Jugendclubs oder Ansprechpersonen in deiner Gemeinde dabei, die ersten Schritte zu machen.

Was du dafür brauchst:

  • Eine leicht umsetzbare Idee und einen Ort, an dem ihr euch treffen könnt.
     
  • Eine Liste, auf der sich Interessierte eintragen können.
     
  • Einen Picknickkorb, ein Volleyballnetz, einen Fußball oder ein paar Spiele – je nachdem, was ihr gemeinsam unternehmen wollt.
     
  • Menschen, die Lust haben, etwas beizutragen: Das reicht von Ausflugsideen und Hilfe beim Zusammentrommeln der Leute über Snacks und Picknickdecken bis zur Bereitschaft, hinterher aufzuräumen. 

Was du mitbringen solltest:

  • Lust, neue Menschen kennenzulernen und gemeinsam etwas Neues auszuprobieren.
     
  • Offenheit, auf andere zuzugehen und Kontakte zu knüpfen.
  • Mut, einfach anzufangen – auch wenn noch nicht alles perfekt durchorganisiert ist.
     
  • Lust und Zeit, sich neben deiner Ausbildung oder deinem Job in deiner Freizeit damit zu beschäftigen.

Was du nicht brauchst:

  • ein fertiges Konzept 
     
  • Erfahrung im Ehrenamt oder in der Projektplanung
     
  • eine große Gruppe, die schon bereitsteht
     
  • ein eigenes Budget

Das hast du davon:

  • Du lernst Menschen kennen, denen es ähnlich geht wie dir.
     
  • Du hilfst dabei, dass sich Gleichaltrige in deiner Umgebung kennenlernen und sich weniger allein fühlen.
     
  • Du erlebst, dass deine Ideen etwas bewirken können – und lernst, für dich und deine Ideen selbstbewusst einzustehen.
     
  • Du wirst merken, dass es nicht so schwer ist, mit der lokalen Politik und Verwaltung ins Gespräch zu kommen, um vor Ort für eure Interessen als junge Menschen einzutreten.
     
  • Du wächst an neuen Aufgaben, entdeckst deine Stärken und gewinnst mehr (Selbst-)Sicherheit – auch im Umgang mit anderen Menschen.

Mehr erfahren und mitmachen:

Du möchtest wissen, wie aus einer Idee ein Netzwerk entstehen kann? Oder willst dich dazu austauschen, wie man am besten vorgeht? 

Bei „Lehnitz Connect“ findest du weitere Informationen und Menschen, die unterstützen können.  

E-Mail: lehnitzconnect@gmail.com | Instagram

Kategorien

Kristina v.Klot
© Kristina v.Klot

Ehrenamtliche zeigen, dass es sich lohnt, selbst aktiv zu werden. Man überlistet eigene Vorurteile, lässt Ignoranz und Unzufriedenheit hinter sich und erlebt, wie man gemeinsam mit anderen viel bewirken kann. In der Blog-Reihe „Es bewegt sich was in Brandenburg“ stellt die Journalistin Kristina v. Klot einige dieser engagierten Menschen vor.

Schlagworte

Bewertung
Noch keine Bewertungen vorhanden.

Neuen Kommentar hinzufügen

Eingeschränktes HTML

  • Erlaubte HTML-Tags: <a href hreflang> <em> <strong> <cite> <blockquote cite> <code> <ul type> <ol start type> <li> <dl> <dt> <dd> <h2 id> <h3 id> <h4 id> <h5 id> <h6 id>
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.
CAPTCHA
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.
Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.