Es lebe die Europäische Republik der Regionen! Und Brandenburg.

Unser Autor fragt sich, warum es eigentlich immer zum Schwure kommen muss. Europa hier, die Nation dort. Es geht auch anders, meint René Lehmann, brandenburgischer Europäer aus Leidenschaft.

Ich bin leidenschaftlicher Brandenburger und Europäer und sehe darin keinen Widerspruch. Ich mag die Vision einer „Europäischen Republik der Regionen“. Die Idee ist noch wenig verbreitet und doch könnte sie die Zukunft der EU sein – und die von Brandenburg.

Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse, ein bekannter Verfechter für ein Europa der Regionen, prägte den Ausspruch „Nation ist Fiktion, Region ist Heimat!“. In dieser Vorstellung ist die eigene Region keine abstrakte Idee, kein unübersichtliches Gebilde mit weit entfernten, den Menschen entrückt scheinenden Verwaltungsebenen. Die Region schafft vielmehr Identität, ist greifbare und gelebte Heimat. Die Nation als Bezugspunkt wird damit überflüssig, denn regionale Identitäten brauchen keine großnationalen Bezüge.

Für viele Menschen hierzulande, so scheint mir, ist aber Brandenburg derzeit nur der Name einer Verwaltungseinheit und nichts, das sie berührt, bewegt und motiviert. Dabei gehört Brandenburg zu den älteren Kulturlandschaften Europas mit einer sehr spannenden, abwechslungsreichen Geschichte.

Brandenburg - Heimat in Europa

Europa besteht aus vielen solcher Kulturlandschaften. Neben vielen Gemeinsamkeiten unterscheiden sie sich aber auch voneinander. Jede für sich ist einzigartig, mit speziellen Besonderheiten, eigenständiger Geschichte und eigener Mentalität. Diese Unterschiede zu erkennen, zu benennen und gemeinsam zu leben und zu feiern, statt sie angleichen zu wollen oder gegeneinander auszuspielen, das bedeutet Vielfalt.

Diese Vielfalt grenzt nicht aus, sie verbindet. Ein Europa, das eine solche Vielfalt fördert und fordert kann man dann sicher auch sehr leicht schätzen, mögen und vielleicht sogar lieben. Brandenburg wäre in einer „Europäischen Republik der Regionen“ unsere Heimat. Für Brandenburg könnte man in diesem Rahmen wirken, ohne sich gegen andere Regionen zu stellen.

Da viele Menschen die derzeitige EU allenfalls als gegeben annehmen und einige sie in dieser Form auch ganz ablehnen, mag sich leider ein europäisches Bewusstsein nicht so recht einstellen.

Dabei scheint es mir doch einfach, die Menschen „da abzuholen, wo sie gerade sind“ und sie, trotz augenscheinlich gegensätzlicher Positionen, über eine gemeinsame Idee zu verbinden. Wir müssen uns nicht entscheiden zwischen einer enger gefassten Identifikation hier und einer größeren europäischen da. Es geht beides.

Lesetipp

Viele Lombarden, Venetier, Kampanier behaupten beispielsweise von sich, keine Italiener zu sein und ein Bretone oder Normanne, der etwas auf sich hält, ist auch kein Franzose. Eine Tatsache, die bei uns vielleicht allenfalls in Bayern nachvollzogen werden kann und vielleicht noch von dem einen oder anderen Rheinländer.

Diese sympathische Art der Identität bedarf aber eines Rahmens, eines europäischen Rahmens. Identität durch Bekenntnis funktioniert auf regionaler Ebene problemlos. Kein Zurück zum Klein-Klein der Vielstaaterei, sondern ein Vorwärts zu einem lebenswerten, handlungsfähigen, regional gegliederten Europa – mit dem sich dann alle Europäer auch wieder identifizieren könnten.

In einer „Europäischen Republik der Regionen“ rückte Politik wieder näher an den Bürger, da Kompetenzen der „großnationalen Konstrukte“ sich auf die europäische, aber eben auch auf die regionale Ebene, also dichter an den Ort ihrer Auswirkungen, verteilen.

In diesem Sinne also: Lasst uns europäischer und regionaler zugleich werden. Für starke Regionen in einem lebenswerten, anderen Europa, unserem Europa!

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René Lehmann Projektleiter aus Brandenburg
© pro agro e. V.

René Lehmann ist Projektleiter im Fachbereich Agrar- und Ernährungswirtschaft bei pro agro - Verband zur Förderung des ländlichen Raumes in der Region Brandenburg-Berlin e.V. - und nicht nur dienstlich leidenschaftlicher Brandenburger und Europäer.

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Kommentare

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Ein sehr interessanter Beitrag, aber eine Frage an den Autor. Was bedeutet ein Europa der Regionen in der Praxis? Deutschland als Nationalstaat samt seinem föderalen Bundessystem löst sich auf? Wie würde das passieren?

Ja, das stünde am Ende des Weges als logische Konsequenz, nicht als grusliger Gedanke. Und es würde nicht nur auf Deutschland sondern alle großen Nationalstaaten zutreffen (zur Orientierung: Staaten auf der stat. Ebene NUTS-0).

In meiner Vorstellung dieser Europäischen Republik der Regionen bliebe uns das föderale, subsidiäre Prinzip erhalten. Für bisher zentralistisch organisierte Staaten wäre das etwas Neues und deren Weg in dieses andere Europa dadurch auch ein etwas längerer. Für "uns" würden sich nur die Ebenen, zwischen denen diese Prinzipien wirken, ändern. Das Wie wäre also relativ einfach zu skizzieren.

Das weitaus größere Problem scheint mir die Akzeptanz für ein regionales, ergo nichtnationales, Europa zu sein. Und genau dafür sollte man die Frage der Identität nicht außer Acht lassen. Salopp gesprochen befinden sich in „meinem“ Europa die Identitäten auf der gleichen Ebene wie die Kompetenzen. Meine Hoffnung ist also, daß Europa durch das fordern und fördern regionaler Identitäten zum einen selbst mehr Zuspruch erhält und die großnationalen Strukturen zum anderen nicht mehr als Ankerpunkt einer Identität verstanden werden, sondern nur noch als Verwaltungsebenen, deren Aufgaben verteilt auf Europa und die Regionen sicherlich besser und nachvollziehbarer bewerkstelligt werden könnten.
Großnationen wären dann – und so sehe ich sie mittlerweile wirklich – lediglich eine Episode in der Historie europäischer Regionen. Tatsächlich bin ich der Meinung, daß großnationale Identitäten quer durch Europa sich hauptsächlich aus gekünstelten Etiketten speisen und die regionale Scholle schon immer der eigentliche, emotionale und tatsächlich (be)greifbare Bezugspunkt war. Dies behutsam ins Bewußtsein zu rufen, könnte helfen, das von mir skizzierte Europa mehrheitsfähig zu machen. Nicht – wie bisher zu oft – das Bisherige vorschnell verteufeln, sondern geduldig entzaubern. Natürlich ein langer Weg, aber ich würde ihn alsbald gern beschreiten. Dies in aller Kürze und sehr verknappt.

Danke, Ihrem neuen Blogger René Lehmann, für dieses wunderbare Statement. Lasst uns regional und europäisch aktiv sein.

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