Die Debatte um den Sozialstaat wird oft emotional geführt – dabei geraten die Fakten schnell aus dem Blick. Mit dem früheren Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, Professor Dr. Georg Cremer, haben wir Mythen hinterfragt, Zahlen verständlich gemacht und über notwendige Veränderungen diskutiert.
Wie steht es um unseren Sozialstaat? Darüber sprachen wir am 21. April 2026 mit Prof. Dr. Georg Cremer. Der ehemalige Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes beschäftigt sich seit vielen Jahren mit sozialen Fragen. In seinem Buch „Alles schrecklich ungerecht?“ setzt er sich kritisch mit Vorurteilen und Missverständnissen rund um den Sozialstaat auseinander.
Anhand von Zahlen und Fakten wies er nach, wie stark viele Debatten von Vereinfachungen geprägt sind — etwa bei der Frage, ob der Sozialstaat tatsächlich überlastet sei oder Migration das Sozialbudget überstrapaziere. Der Sozialstaat müsse bürgernäher werden, indem bürokratische Hürden abgebaut werden. Digitale Angebote seien wichtig.
Im anschließenden Austausch mit dem Publikum standen Fragen zu Wohneigentum, Gesundheitsversorgung und die gesellschaftliche Teilhabe im Mittelpunkt.
„Wir verteilen viel um und wir haben einen Sozialstaat, aber es gibt das Gefühl, eigentlich kommt bei mir zu wenig an und das ist natürlich irgendwo ein vergiftetes Gefühl."
Prof. Dr. Georg Cremer
„Ich denke, dass wir oft auch gut sind, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, aber dass es manchmal besser wäre, eben die Brunnendeckel zu finanzieren, [...]."
Prof. Dr. Georg Cremer
Zentrale Aussagen von Prof. Dr. Cremer
- Die Debatte über den Sozialstaat ist stark polarisiert. Während die einen umfassende Kürzungen fordern, sehen andere bereits in jeder Effizienzprüfung einen Angriff auf die soziale Sicherung. In einem solchen Klima lassen sich jedoch kaum tragfähige Lösungen entwickeln.
- Viele Menschen überschätzen das Ausmaß von Armut und Reichtum und nehmen die gesellschaftliche Mitte als zunehmend schrumpfend wahr. Solche verzerrten Wahrnehmungen entsprechen nicht den Daten, verstärken aber Abstiegsängste und das Gefühl, dass die Politik keine Lösungen findet.
- Die Aussage „Der Sozialstaat explodiert“ ist irreführend, da die Sozialausgaben zwar steigen, aber im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung nicht sprunghaft zunehmen. Gleichzeitig ist auch die Behauptung eines „Kaputtsparens“ nicht zutreffend, da der Sozialstaat heute in vielen Bereichen wie Gesundheit, Pflege, Kinderbetreuung oder Familienleistungen deutlich ausgebaute und verbesserte Leistungen bietet.
- Die Behauptung, Migration sprenge das Sozialbudget, hält einer genaueren Betrachtung nicht stand. Zwar entstehen Kosten für Asylverfahren und Leistungen an Migrantinnen und Migranten von rund 40 Milliarden Euro. Gemessen an den gesamten Sozialausgaben von etwa 1.350 Milliarden Euro entspricht das jedoch nur rund 3 Prozent und damit einem vergleichsweise kleinen Anteil am Sozialstaat.
- Menschen beantragen Sozialleistungen nicht, obwohl sie Anspruch darauf hätten. Gründe dafür sind unter anderem komplizierte Antragsverfahren, fehlende Informationen, Unsicherheit über mögliche Rückforderungen sowie Scham. Nötig sind echte Bürgerberatung, weniger Bürokratie sowie eine stärkere Digitalisierung der Verwaltung.
- Ein Sozialstaat soll seine Potenziale nutzen, Menschen befähigen und dabei besonders auf die Verzahnung von Bildungs- und Sozialsystem achten, um Kinder aus prekären Milieus durch verlässliche soziale Unterstützung aufzufangen.
Livestream der Veranstaltung
Fragen und Anmerkungen aus dem Publikum
Wie kann der Sozialstaat sicherstellen, dass ältere Menschen nicht nur finanziell versorgt sind, sondern auch weiterhin am gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Leben teilnehmen können?
Antwort von Prof. Cremer: Es braucht ausreichend kulturelle und soziale Angebote, die gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und möglichst kostengünstig oder kostenfrei zugänglich sind. Das kann nicht allein Aufgabe des Staates sein, sondern muss auch von zivilgesellschaftlichen Strukturen getragen werden, etwa von Organisationen wie der Volkssolidarität. Vereinsamung ist dabei ein zentrales Problem, dem sowohl durch passende Angebote und Strukturen als auch durch aktive Teilhabe der Menschen selbst begegnet werden muss.
Zu den Zahlen zur Einkommensverteilung und zur Bemerkung im Vortrag, dass es eine "schrumpfende Mitte" eigentlich nicht gibt:
Antwort von Prof. Cremer: Das ist natürlich eine Einkommensstatistik. Bei einer Vermögensstatistik sähe das wahrscheinlich anders aus. Allerdings gibt es in Deutschland keine wirklich zuverlässige Vermögensstatistik. Zudem ist fraglich, inwieweit Vermögenszuwächse, etwa durch Aktienbesitz, überhaupt einfließen, da sie kein aktuelles Einkommen darstellen.
Zur Verringerung von Ungleichheit sind sowohl Umverteilung als auch öffentliche Güter notwendig, zum Beispiel Sozialleistungen sowie Infrastruktur in den Bereichen Bildung, Kitas, Kultur und öffentlicher Nahverkehr. Zivilgesellschaftliches Engagement ist ebenso wichtig, da staatliche Maßnahmen allein nicht ausreichen, um Teilhabe sicherzustellen.
Gibt es im Gesundheitssystem einen Graubereich, in dem gerade in der letzten Lebensphase durch ökonomisch motivierte Übertherapie unnötig hohe Kosten entstehen? Und hängt das auch damit zusammen, dass Patientenverfügungen häufig unklar geregelt oder problematisch ausgestaltet sind?
Antwort von Prof. Cremer: Im Gesundheitssystem gibt es tatsächlich Anreize zu Über- und Fehlversorgung, etwa durch wirtschaftlichen Druck in Krankenhäusern und Vergütungssysteme, die umfangreiche Diagnostik und Behandlungen begünstigen. Verschärft wird dies durch strukturelle Probleme, etwa unzureichend finanzierte Krankenhausinvestitionen der Länder, die wirtschaftliche Zwänge zusätzlich erhöhen. Deshalb sollte stärker über Fehlanreize im System gesprochen werden, ohne medizinische Versorgung ausschließlich unter Kostengesichtspunkten zu bewerten oder notwendige Behandlungen aus Spargründen einzuschränken.
BLPB, Juli 2026
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