Wer war Albrecht Schönherr?

Joachim Heise
© Stefan Gloede

Joachim Heise führt in die Ausstellung ein.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde! 

Wer war Albrecht Schönherr? Diese Frage stellen sich sicher viele hier, die Albrecht Schönherr nicht mehr persönlich gekannt haben. Aber auch die, ein Stück des Wegs gemeinsam mit ihm gegangen sind und auch die Wenigen, die ihm ganz nahe waren, fragen sich: Wer war Albrecht Schönherr.

In seiner Predigt beim Begräbnis von Albrecht Schönherr am 20. März 2009 in Potsdam-Bornim hat sich auch sein langjähriger Freund Jürgen Henkys diese Frage gestellt:

»Wer war Albrecht Schönherr? Der bis zuletzt tief angefochtene Christ? Der selbstbewusste Bischof und gewinnende Diplomat? Der Interpret Bonhoeffers für den Weg der Kirche durch Glaubensfeindschaft und Abkehr von der Religion? Ein Mann, der familiäre Dinge hinter der beruflichen Verantwortung gern zurückstellte? Der unerreichbare Vater? Das stolze Haupt seiner Viergenerationenfamilie? Der blendende Gesellschafter? Der unwirsche, der verletzende Schwerhörige? Der Rechthaber drinnen? Der gesuchte Gesprächspartner draußen? Das immer noch verwöhnte Einzelkind als Promotor einer ›brüderlichen Kirche?‹ Viele Bilder, viele Rollen. …«

Wir haben versucht, mit der Ausstellung und dem Begleitbuch zur Ausstellung eine Antwort auf diese schwierige Frage zu finden. Erarbeitet wurde die Ausstellung vom Berliner Institut für vergleichende Staat-Kirche-Forschung in Kooperation mit dem Evangelischen Zentralarchiv in Berlin. Dabei stand uns Dr. Johannes Schönherr als Vertreter der Familie Schönherr mit Rat und Tat zur Seite. Gefördert wurde das Projekt aus Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. 

Der Öffentlichkeit wurde die Ausstellung das erste Mal am Vorabend des 100. Geburtstages von Albrecht Schönherr am 10. September 2011 im Rahmen eines Symposiums präsentiert, zu dem der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz in die Friedrichstadtkirche in Berlin-Mitte eingeladen hatte.

Ausstellungseröffnung am 10.9.2011 in der Französischen Friedrichstadtkirche zu Berlin

Ausstellungseröffnung am 10.9.2011 in der Französischen Friedrichstadtkirche zu Berlin

Nachdem sie anschließend in der Berliner St.-Thomas-Kirche gezeigt wurde, war sie im Fürstenwalder Dom, in unserem Dokumentationszentrum „Luther in der DDR“ in Wittenberg sowie in Brüssow zu sehen.

Zu der Ausstellung haben wir ein Begleitbuch mit dem gleichen Titel herausgegeben. Einerseits ergänzt und präzisiert es vieles, was in der Ausstellung verständlicherweise nur angedeutet werden konnte. Andererseits ermöglichen die 29 Zeitzeugen, die in diesem Buch zu Wort kommen, einen ganz persönlichen Blick auf das Leben und Wirken Albrecht Schönherrs.

Begleitbuch zur Ausstellung

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Bei einem so langen Leben, wie es Albrecht Schönherr geschenkt war, sind viele seiner Wegbegleiter, seiner Mitstreiter und Widersacher schon vor ihm gegangen. Dennoch ist es uns gelungen, Persönlichkeiten zu Wort kommen zu lassen, die helfen, die Bilder und Rollen von Albrecht Schönherr aus einem ganz persönlichen Blickwinkel genauer zu beleuchten.

So erfüllt das Buch eine doppelte Funktion, es ist Begleitbuch zur Ausstellung und zugleich ein eigenständiger Band mit Erinnerungen an eine herausragende Persönlichkeit des deutschen Protestantismus im 20. Jahrhundert. 

Den Haupttitel der Ausstellung und des Buches „Horizont und Mitte“ verdanken wir Albrecht Schönherr selbst. So lautet nämlich der Titel einer seiner wichtigsten Publikationen mit Aufsätzen, Vorträgen und Reden aus der Zeit zwischen 1953 und 1977. Er sah in der Tat einen weiten Horizont vor sich und seiner Kirche, achtete aber sorgsam darauf, dabei seine Mitte, seinen Glauben an Gott nicht aus den Augen zu verlieren.

Wer war also dieser Albrecht Schönherr? 

Geboren 1911 in einer preußischen bildungsbürgerlichen Beamtenfamilie im Deutschen Kaiserreich, verliert Albrecht Schönherr im Ersten Weltkrieg seinen Vater und wächst als Einzelkind mit seiner Mutter und mehreren Tanten auf. Als Gymnasiast in Neuruppin erlebt er die unruhigen Jahre der Weimarer Republik und beginnt 1929 sein Theologiestudium in Tübingen in einer Zeit, als die Weltwirtschaftskrise Hunderttausende in Not und Elend stürzt und die Feinde der Republik immer mehr an Einfluss gewinnen.

1931 setzt er sein Studium in Berlin fort und lernt den jungen Berliner Theologen Dietrich Bonhoeffer kennen – eine Begegnung, die prägend für das Leben und spätere Wirken Albrecht Schönherrs im Dienst der Kirche werden sollte. Als Kandidat des von Bonhoeffer geleiteten Predigerseminars in Finkenwalde und später als Mitglied des Bruderhauses in Finkenwalde sammelt er Erfahrungen, die für sein Kirchenverständnis von entscheidender Bedeutung werden. »Kirche für andere« sollte sie sein.

Im April 1936 wird er von Otto Dibelius ordiniert. Durch Bonhoeffer findet Schönherr den Weg zur Bekennenden Kirche (BK) und übernimmt 1937 das Theologiestudentenamt der BK in Greifswald. Im gleichen Jahr wird er Hilfsprediger im uckermärkischen Brüssow und im Oktober 1938 dort als Pfarrer eingeführt.

Inzwischen Vater von zwei Kindern wird sein Christ-Sein im Zweiten Weltkrieg auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Als einziger Sohn eines im Ersten Weltkrieg Gefallenen bleibt er anfangs vom Fronteinsatz verschont, gerät später in Italien in Kriegsgefangenschaft und bemüht sich als junger Gefangenenseelsorger, den Offizieren und Soldaten der geschlagenen deutschen Wehrmacht beizustehen.

In der Ausstellung

Foto: Stefan Gloede

Nach Kriegsende kehrt er in seine Gemeinde und zu seiner Familie nach Brüssow zurück. Schon bald erreicht ihn der Ruf nach Brandenburg an der Havel, um dort im Dom St. Peter und Paul, der »Wiege der Mark Brandenburg«, Gemeindepfarrer, Superintendent, Domdechant und schließlich 1951 auch Leiter des dort gegründeten Predigerseminars zu werden. In seinen Brandenburger Jahren (1946 bis 1962) wird er Zeuge der kirchenfeindlichen Attacken der SED und der FDJ sowie des Drucks der staatlichen Behörden.

Die brutale Niederschlagung der Aufstände in der DDR 1953 sowie in Polen und Ungarn 1956 werden prägend für sein politisches Denken und Handeln im »real existierenden Sozialismus«. Trotz dieser belastenden Erfahrungen tritt er offen dafür ein, die DDR nicht länger als »Wölkchen, das vorüberzieht«, oder »weißen Fleck auf der Landkarte Gottes« zu betrachten. Vielmehr ermutigt er dazu, sich den für die Kirche neuen, ungewohnten Herausforderungen zu stellen und das Wort Gottes auch oder gerade in einer atheistisch geprägten Umwelt unverzagt und fröhlich zu verkünden.

Sehr bald warten neue Aufgaben auf den inzwischen über die Grenzen seines Sprengels hinaus bekannten Kirchenmannes. Er wird Generalsuperintendent in Eberswalde. Dem Brandenburger Dom bleibt er dennoch treu und übt die Aufgabe des Domdechanten bis ins hohe Alter weiter aus.

1967 wird er Verwalter des Bischofsamtes der Ostregion der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg und somit Nachfolger des Cottbusser Generalsuperintendenten Günter Jacob.

Als 1968 Truppen des Warschauer Vertrages den Versuch, in der ?SSR einen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« zu schaffen, blutig niederschlagen, ist auch Albrecht Schönherr schwer erschüttert. In einem Brief solidarisiert sich – zum Ärger der DDR-Behörden – die von ihm geführte Berlin-Brandenburgische Kirchenleitung mit ihren Brüdern und Schwestern in der ?SSR und erklärt ihre Verbundenheit im Glauben mit ihnen.

Im gleichen Jahr wird eine neue, »sozialistische Verfassung« der DDR verabschiedet. Sie schafft einen neuen rechtlichen Rahmen für die Kirchen in der DDR. Seit dem Bau der Berliner Mauer 1961 war es zudem immer schwerer geworden, die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen im Rahmen der gesamtdeutschen Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) aufrechtzuerhalten. Albrecht Schönherr steht Ende der 1960er Jahre an der Spitze jener, die sich trotz aller Bedenken und kritischer Stimmen aus den eigenen Reihen für eine organisatorisch-rechtliche Trennung der evangelischen Kirchen in der DDR von der EKD aussprechen.

Sie sind davon überzeugt, dass die Kirchen ihrem Auftrag, das Evangelium unter den Bedingungen eines atheistischen Weltanschauungsstaates zu verkünden, besser gerecht werden und für die Christen in der DDR mehr tun können, wenn sie die politische Realität der Existenz von zwei deutschen Staaten anerkennen und daraus Schlussfolgerungen für ihr Wirken ziehen würden. Das bedeutete einerseits eine klare organisatorisch-rechtliche Trennung von der EKD und andererseits, konsequent an der »besonderen Gemeinschaft«, an der geistlichen Gemeinschaft der evangelischen Christen in ganz Deutschland festzuhalten, wie es in der Grundordnung des neuen Kirchenbundes heißt.

Bei jenen, die auch unter den schwierigen Bedingungen der staatlichen Teilung an der organisatorisch-rechtlichen Einheit festhalten wollen, stößt der Schönherr-Kurs auf heftige Kritik und Ablehnung. Diese Kritik erhält neue Nahrung, als der 1969 gegründete Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR beginnt, seinen politischen Standort und sein theologisches Profil genauer zu bestimmen und die Formel von der »Kirche im Sozialismus« in Umlauf kommt. Auch die Schönherrsche Verhandlungsstrategie stößt in kirchlichen Kreisen auf Widerspruch und Misstrauen und wird verschiedentlich als »Geheimdiplomatie« kritisiert.

Albrecht Schönherr wird 1972 zum Bischof für den östlichen Teil der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg gewählt, ein Schritt, der nicht unumstritten ist und von manchen in der Kirche als Kotau vor den Mächtigen der DDR und ihrer Drei-Staaten-Theorie betrachtet wird. Schönherr selbst bezweifelt zunächst, dass er für dieses schwierige Amt, das in besonderer Weise im Fokus der Politik steht, geeignet ist.

Die Kritik an seinem Kurs und an der Leitung des Kirchenbundes wächst insbesondere nach der Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz im August 1976 in Zeitz. In seinem Amt als Vorsitzender der Konferenz der Kirchenleitungen setzt Albrecht Schönherr in dieser spannungsgeladenen Situation auf das geduldige Gespräch mit den Verantwortungsträgern der DDR. Seine vordringlichste kirchenpolitische Aufgabe sieht er darin, dass Verhältnis zwischen Kirche und Staat so zu gestalten, dass die Christen in der DDR vor Ort nicht länger als Bürger zweiter Klasse behandelt und die Kirchen als »Fünfte Kolonne des Westens« verdächtigt werden können.

Das Spitzengespräch am 6. März 1978 mit dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker wird zu einem Höhepunkt in diesem Bemühen. Es leitet einen moderateren Kurs des DDR-Staates gegenüber der Kirche ein. Dennoch ist auch Albrecht Schönherr bewusst, dass jede mühsam erstrittene Verbesserung der Lage der Kirchen und der Christen in der DDR nicht auf einer einklagbaren Rechtsgrundlage fußt, sondern von den staatlichen Organen jederzeit zurückgenommen werden kann und die Gefahr einer neuerlichen Konfrontation mit dem Staat akut bleibt. Die Einführung des Wehrunterrichts nur wenige Monate nach dem Spitzengespräch führt ihm erneut deutlich vor Augen, wie unberechenbar und dogmatisch die Politik der SED ist, insbesondere, wenn es um Fragen der Volksbildung geht.

Ein wichtiges Anliegen ist für Albrecht Schönherr die Mitarbeit in der Ökumene und Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn. Davon zeugen die Pflege vielfältiger ökumenischer Kontakte und sein Engagement für den Bau des Warschauer Kinderkrankenhauses sowie die Teilnahme des Kirchenbundes am umstrittenen Antirassismus-Programm des Weltrats der Kirchen.

In der Ausstellung. Foto: Stefan Gloede

Foto: Stefan Gloede

Nähe und Distanz spürte jeder, der ihm begegnete. Kumpanei war seine Sache nicht, weder mit einzelnen Menschen, noch mit Systemen. Selbst Freundschaften zu schließen, so bekannte er in einem Brief an seine Verlobte Hilde 1935, fiel ihm schon in frühester Jugend schwer. Umso härter traf ihn der Vorwurf, er hätte als Vorsitzender des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR die Distanz zum DDR-Regime vermissen lassen, hätte sich zu kompromisslerisch gezeigt und sich der Kumpanei mit der SED schuldig gemacht.

Als ihm bekannt wurde, dass enge Vertraute auf den verschiedenen kirchenleitenden Ebenen und sogar seine Berliner Sekretärin für das Ministerium für Staatssicherheit Spitzeldienste geleistet hatten, war er zutiefst erschrocken, wies aber den in der Öffentlichkeit alsbald erhobenen pauschalen Vorwurf, die evangelischen Kirchen in der DDR seien von der Stasi unterwandert gewesen, entschieden zurück.

In einer Predigt in der Berliner Marienkirche erinnerte er angesichts der Vorwürfe, die ihm und leitenden Männern und Frauen der evangelischen Kirchen Anfang der 1990er Jahre gemacht wurden, an Propst Heinrich Grüber, der sich in der NS-Zeit mutig für jüdische Mitbürger eingesetzt hatte: »Und er hat sich nicht gescheut, zu den Dienststellen der SS, selbst zu Eichmann, in die Höhle des Löwen also, zu gehen. Er hat keine Angst gehabt, dass ihm das die Besserwisser und Saubermänner einmal vorwerfen würden. Wer wirklich verantwortlich dient, darf es nicht scheuen, sich die Finger schmutzig zu machen. Wer meint, durch solche Zeiten mit blütenweißer Weste durchzukommen, muss sich fragen lassen, ob er wirklich im Weinberg Gottes gearbeitet hat.«1 

Am Ende seiner Amtszeit beginnen sich unter dem Dach der Kirche Umwelt-, Friedens- und Bürgerrechtsgruppen zu formieren und – zunehmend öffentlichkeitswirksam – längst fällige Reformen einzufordern. Albrecht Schönherr und mit ihm viele kirchliche Amtsträger seiner Generation halten die von den überwiegend jungen Leuten vorgebrachte Kritik an den politischen Verhältnissen zumeist für berechtigt. Sie fürchten aber, durch die Art und Weise, wie diese Kritik in die Öffentlichkeit getragen wird, könne der kalkulierte Interessenausgleich mit dem Staat zum Schaden der Kirche und der Christen in der DDR in Gefahr geraten und die SED dazu veranlassen, zu Mitteln der Auseinandersetzung zu greifen, wie sie aus den 1950er Jahren in Erinnerung waren.

Dieser Zwiespalt bestimmt auch das spätere Nachdenken über die Rolle der evangelischen Kirche in der DDR. In den Monaten der friedlichen Revolution 1989/1990 wird sie als »Heldenkirche« gepriesen, wenige Zeit später als »Stasi-Kirche« an den Pranger gestellt. Albrecht Schönherr selbst wird »Kumpanei« mit dem SED-Regime und Verrat an der Sache des Evangeliums vorgeworfen.Diese Vorwürfe treffen Albrecht Schönherr hart. Geduldig versucht er in seinen »Erinnerungen«2, in Aufsätzen, Rundfunk- und Fernsehbeiträgen und einer Vielzahl öffentlicher Auftritte, Verständnis für den von ihm verfolgten kirchenpolitischen Kurs zu wecken. Ganz entschieden weist er aber Kritik vonseiten jener zurück, die aus seiner Sicht nicht bereit waren, sich mit den inneren und äußeren Bedingungen des Wirkens der Kirchen in der DDR sachkundig und sachlich auseinanderzusetzen und ein kirchliches Buß- und Schuldbekenntnis erwarteten, so wie es die evangelischen Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg abgelegt hatten.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Bischofsamt 1981 nimmt Albrecht Schönherr sich Zeit für all das, wozu er in den Jahrzehnten zuvor nicht oder zu selten gekommen war: Reisen, Wandern, Rudern, Fotografieren, Malen und Zeit mit seiner Frau und seiner weitverzweigten Familie zu verbringen. Er hält Vorträge im In- und Ausland. Ein besonderes Anliegen bleibt ihm, das Erbe Dietrich Bonhoeffers nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Er sucht die Nähe zu den Gemeinden sowie zu seinen älteren und jüngeren Amtsbrüdern. Sorgfältig bereitet er sich auf die »Gespräche über den Glauben« vor, die er von 1982 bis 2003 mit leitet.

Albrecht Schönherr ist Zeuge des 20. Jahrhunderts. Er hat vier Systembrüche und vier Neuanfängen,  1918, 1933, 1945 und 1989, ein Jahrhundert mit zwei verheerenden Weltkriegen, unvorstellbaren Verbrechen, Hoffnungen und Enttäuschungen, Irrungen und Wirrungen miterlebt. Und war immer mitten drin. Er ist in seinem langen Leben unzähligen Menschen überall auf der Welt begegnet: hohen geistlichen Würdenträgern und engagierten Gemeindegliedern, Mitgliedern verschiedenster Religionsgemeinschaften wie auch Nicht-Gläubigen, Politikern aus Ost und West, Mächtigen und Ohnmächtigen, Bedrängten und Beladenen.

Sie alle haben sich ein eigenes Bild von Albrecht Schönherr gemacht und ihn in verschiedensten Rollen erlebt: als Seelsorger, als Freund, als Gleichgesinnten, als Mitstreiter, als Brückenbauer zwischen Ost und West und Versöhner mit den östlichen Nachbarn. Sie haben ihn aber auch als in der Sache harten, aber im Ton verbindlichen Verhandlungs- und Gesprächspartner kennengelernt. 

Wir hoffen, die Besucher der Ausstellung und die Leser des Begleitbuches anzuregen, sich mit Albrecht Schönherr auf den Weg durch ein Jahrhundert Geschichte der Deutschen und des deutschen Protestantismus zu machen und sich mit einem Christen auseinanderzusetzen, der sich den Herausforderungen seiner Zeit gestellt hat und sich als Christ, Pfarrer und Bischof in zwei Diktaturen zu bewähren hatte. Sein Weg, wie der der Kirche, war ein Lernweg und glich einer Gratwanderung.

Noch nie zuvor in der Geschichte stand eine evangelische Mehrheitskirche vor der Aufgabe, sich in einem politischen System bewähren zu müssen, das vorgab, das Paradies auf Erden und eine Welt ohne Gott schaffen zu wollen. »Gratwanderungen«, so schrieb Albrecht Schönherr rückblickend, »sind gefährlich. Gratwanderungen sind anstrengend. Es gibt Strecken, bei denen man zweifelt, ob man noch auf dem richtigen Pfad ist. Aber Gratwanderungen vermitteln auch unerwartete Ausblicke.« 

Albrecht Schönherr starb am 9. März 2009 in Potsdam. 
 
 
Joachim Heise




1  Zit. nach: Zwischen Anpassung und Opposition – Albrecht Schönherr und der Weg der Ev. Kirche in der DDR, Dokumentarfilm von Horst Edler und Axel Noack, Deutschland 1991.

2  Albrecht Schönherr: … aber die Zeit war nicht verloren. Erinnerungen eines Altbischofs, Berlin 1993.

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