Journalistin Kristina v. Klot trifft in Brandenburg Menschen, die sich für Vielfalt und Demokratie engagieren. In Cottbus erzählt ihr Lukas Pellio, wie die Initiative „Sichere Orte Südbrandenburg“ alternative Kulturprojekte und Jugendclubs vernetzt, die im Ernstfall füreinander einstehen.
„Wenn wir als Gemeinschaft zusammenstehen, können wir Angst und Ohnmacht in Stärke umwandeln“.
„Bei einer spontanen Demo mit über 700 Leuten den Sprechgesang ‚Du bist nicht allein‘ zu hören, hat mich sehr berührt und gestärkt“, erzählt Lukas Pellio. Er ist Studierendenpfarrer in Cottbus und einer der ehrenamtlichen Sprecher der Initiative „Sichere Orte Südbrandenburg“, die im April zur Kundgebung aufgerufen hatte.
Anlass war eine Serie rechtsextremistischer Angriffe, die auf linke Aktivisten und alternative Wohnprojekte und Kulturorte abzielten: Da wurden in kurzen Abständen Haustüren aufgebrochen, Böller und Brandbomben geworfen und Fassaden mit Nazi-Parolen und Hakenkreuzen beschmiert, auch die der Synagoge. Trotz solcher massiven Einschüchterungsversuche ist Pellio überzeugt: „Nur wenn wir als Gemeinschaft zusammenstehen, können wir Angst und Ohnmacht in Stärke umwandeln.“
Für Lukas Pellio sorgen Demos auch für ein besseres Sicherheitsgefühl
„Wenn ich am Tag nach einer Demo beim Einkaufen zufällig Leuten sehe, die mit dabei waren, weiß ich: „Ok, auf Dich kann ich mich verlassen, Dich kann ich ansprechen, wenn ich Probleme habe.“
Den Einwand, dass wenige hundert Menschen doch nichts ausrichten könnten, bekommt er oft zu hören. „Aber für mich machen Demos tatsächlich einen Unterschied, sie verändern das Sicherheitsgefühl in der Stadt“, betont der 40-Jährige. „Wenn ich am Tag nach einer Demo beim Einkaufen zufällig Leute sehe, die mit dabei waren, weiß ich: „Ok, auf Dich kann ich mich verlassen, Dich kann ich ansprechen, wenn ich ein Problem habe.“
Auf einem Dorf in Rheinland-Pfalz geboren und aufgewachsen, führte sein Theologiestudium Lukas Pellio über Marburg und Groningen nach Berlin. Seit 2023 lebt der Pfarrer und Aktivist, der sich seit jeher für gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzt, in Cottbus. Hier hat er zur Stärkung der Zivilgesellschaft den Verein ‚Losmachen‘ mitgegründet; und 2025 – unter demselben Dach – ‚Sichere Orte Südbrandenburg‘: Ein Netzwerk von 15 regionalen Jugendclubs, subkulturellen Projekten und sozialpolitischen Einrichtungen, die immer häufiger zur Zielscheibe der extremen Rechten werden.
Die Strategie: Eine „Solidaritäts-Maschine“, auf die sich alle verlassen können
„Wir bringen Kuchen mit, sitzen gemeinsam am Küchentisch, hören zu, wie es ihnen nach dem Überfall geht, und überlegen, was sie entlasten könnte.“
Ein Beispiel ist der alternative Jugendclub „Jamm“ in Senftenberg: Dort hatten im März 2025 über 30 maskierte Neonazis versucht, den Club zu stürmen. Zum Glück ohne Erfolg, sagt Pellio und berichtet von fast einem Dutzend ähnlicher Angriffe seit Anfang 2026. Die Strategie der Initiative für den Ernstfall skizziert der 40-Jährige so: Unabhängig davon, wer betroffen ist, komme eine Art „Solidaritäts-Maschine“ in Gang: „Alle unterstützen sich gegenseitig, sammeln Spenden, machen erste Reparaturen und sind füreinander da.“ Und wie sieht das konkret aus? „Wir bringen Kuchen mit, sitzen zusammen am Küchentisch, hören zu, wie es ihnen nach dem Überfall geht, und überlegen gemeinsam, wie wir sie entlasten können.“
Rechtsextreme Angriffe gefährden Menschen – und Treffpunkte in der Region
„Jugendclubs sind ja nicht einfach nette Orte. Dort lernt man, gemeinsam Entscheidungen zu treffen – das Grundhandwerkszeug von Demokratie. Wenn die wegfallen, sieht es echt düster aus.“
Der nächste wichtige Schritt sei, die Presse zu informieren. Schließlich gefährde jeder Angriff nicht nur Leib und Leben der Betroffenen, sondern auch den Fortbestand des Ortes. Denn in der Regel engagierten sich nur einige Wenige. Sollten die wegen eines Burn-outs ausfallen, stünde womöglich ein wichtiger lokaler Treffpunkt vor dem Aus, mahnt Pellio: „Jugendclubs sind ja nicht einfach nette Orte. Dort lernt man, gemeinsam Entscheidungen zu treffen – das Grundhandwerkszeug von Demokratie. Wenn die wegfallen, sieht es echt düster aus. Zumal die rechte Jugendkultur massiv auf dem Vormarsch ist!“
Wie Postkarten zum Weitermachen motivieren
„Wir posten dann zum Beispiel: ‚Hey Leute, selbst wenn Ihr den bedrohten Ort nicht kennt, ist der für uns total wichtig. Schickt doch mal eine Karte dorthin!‘“
Umso wichtiger sei es, für Aufmerksamkeit und Solidarität zu sorgen, zum Beispiel durch Postkarten-Aufrufe in den sozialen Medien. „Wir posten dann zum Beispiel: ‚Hey Leute, selbst wenn Ihr den bedrohten Ort nicht kennt, ist der für uns total wichtig. Schickt doch mal eine Karte dorthin!‘“ Selbst wenige tröstliche Worte könnten beitragen, Ohnmachtsgefühle zu lindern, die Opferrolle hinter sich zu lassen und weiterzumachen.
So geschehen auch im November 2025, als das gemeinsame Gelände des Jugendtreffs SüdClub und des Vereins Bunt-Rock in Lauchhammer angegriffen wurde. „Plötzlich kam Post aus Irland von Leuten, die sie nicht mal kannten, aber ihnen die Botschaft sandten: ‚Wir haben erfahren, was passiert ist, und denken an Euch. Haltet durch!‘“ Nicht nur den Adressaten in Lauchhammer, die zu den Gründungsmitgliedern von ‚Sichere Orte‘ zählen, bedeuteten solche Gesten viel.
Auch die lokale Kultur und Politik setzt sich inzwischen für ‚Sichere Orte‘ ein.
„Es macht viel aus, wenn das Staatstheater, die Polizei, der Bürgermeister und der Vertreter der Landesregierung mit uns an unseren Runden Tischen sitzen.“
Wie wichtig es ist, füreinander einzustehen, hat Pellio selbst schmerzlich erfahren müssen. In Spremberg verübten unbekannte Täter 2021 einen Brandanschlag auf den Glockenturm des Pfarrhauses, in dem er zwei Jahre lang als Gemeindepfarrer gelebt hat. Ihm selbst sei zwar nichts passiert, aber der Schock über den fehlenden Beistand saß tief. „Selbst Menschen, bei denen ich mir sicher schien, dass sie zu mir halten, hatten sich weggeduckt.“ Im Nachhinein könne er zwar die Angst, selbst ins Visier zu geraten, verstehen.
Kein Verständnis aber habe er für den Vorwurf, Opfer rechtsextremer Übergriffe, seien „selbst schuld“. „Auch ich musste mir damals anhören: ‚Hättest Du die Regenbogenfahne nicht aufgehängt, wäre das nicht passiert.‘“ Diese „Nestbeschmutzer“-Logik finde jedoch angesichts der breiten Unterstützung für „Sichere Orte“ immer weniger Anklang. „Es macht viel aus, wenn das Staatstheater, die Polizei, der Bürgermeister und Vertreter der Landesregierung mit an unseren runden Tischen sitzen.“
Positiv stimmten ihn auch Begegnungen wie diese: Ein Nachbar, der bislang vor allem über Ausländer geschimpft hatte, empörte sich plötzlich selbst über Alltagsrassismus. „Weil wir im selben Viertel wohnen, suchte er nach Verbindung. Dass alle Menschen Teil einer Gemeinschaft sein und dazugehören wollen, macht mir Hoffnung.“
Lange suchte er nach großen Lösungen für große Probleme
„Meistens ist es das Naheliegende und Menschliche, das uns weiterbringt: (..) Das Prinzip kleine Handlung, große Wirkung beeindruckt mich immer wieder!“
Was letztlich zählt, seien die kleinen Schritte, schließt Pellio. „Früher dachte ich: Wir haben Riesenprobleme, also brauchen wir große Lösungen. Und weil mir nichts einfiel, war ich wie gelähmt.“ Inzwischen habe er gelernt: „Meistens ist es das Naheliegende und Menschliche, das uns weiterbringt.“ Auch wenn seine Initiative nicht viel gegen die Welle rechter Gewalt ausrichten könne, bleibe einiges möglich: „Wir können einander besuchen, helfen und den Zusammenhalt organisieren.“
Jüngste Anfragen aus Chemnitz, Hamburg und Leipzig, wo Gleichgesinnte von der Cottbuser Initiative lernen wollen, bestärkten ihn in seiner Haltung: „Das Prinzip kleine Handlung, große Wirkung beeindruckt mich immer wieder!“
Kleine Gesten, große Wirkung
Stell Dir vor, du hast mitbekommen, dass ein Jugendclub, Kulturort oder -projekt bedroht angegriffen oder bedroht wurde. Wie reagierst du? Klar, findest du es schlimm, aber vielleicht ist dein erster Gedanke: Was kann ich da schon tun? Vielleicht mehr, als du denkst. Denn erstens freuen sich die Initiatoren generell über Unterstützung. Und zweitens zeigt die Erfahrung: Im Ernstfall machen schon kleine solidarische Gesten für die Menschen vor Ort einen Unterschied.
So kannst du aktiv werden und die Subkultur stärken:
- Schau dich in deiner Umgebung um, lerne die Menschen und Orte kennen, die sich für Vielfalt und Zusammenhalt einsetzen und frage Dich: Wer könnte deine Hilfe brauchen?
- Folge Jugendclubs, Kulturorten und Subkultur-Projekten auf Instagram und zeige, dass du ihre Arbeit wichtig findest, indem du kommentierst und wichtige Infos mit anderen teilst.
- Trau dich, nachzuhaken, wenn du dich auch einbringen und helfen möchtest. Vielleicht werden gerade Leute für eine Veranstaltung, eine Reparaturaktion oder etwas anderes gebraucht.
- Schreib eine Postkarte oder Nachricht, wenn ein Ort angegriffen wurde und signalisiere den Betroffenen, dass Du auf ihrer Seite bist.
- Geh zu Kundgebungen, Soli-Konzerten oder anderen Aktionen und nimm Freundinnen und Freunde mit.
- Und wenn es den einen Ort oder die eine Gruppe, die du dir vielleicht wünschst, noch nicht gibt: Warum nicht ein eigenes kleines Projekt auf die Beine stellen?
Was du brauchst:
- Ein bisschen Zeit, spannende Projekte lokal und im Netz zu recherchieren
- Die Offenheit und Lust, sich auf neue Begegnungen und Orte einzulassen
- Mut, Leute, die du nicht kennst, zu kontaktieren und zu fragen, was du tun kannst
- und vielleicht eine Briefmarke für eine tröstlichen Gruß per Post(-Karte)
Was du nicht brauchst:
- ein politisches Amt
- Erfahrung im Ehrenamt
- viel Geld oder viel Zeit
- eine fertige Lösung für die großen Probleme unserer Zeit
Das hast du davon:
- Du findest vielleicht einen Ort, an dem du selbst gerne mitmachen möchtest.
- Du lernst Gleichgesinnte kennen, die wissen, was es heißt, sich zu engagieren
- Du kannst viel von ihnen lernen und dich von ihrem Enthusiasmus anstecken lassen.
- Du kannst dazu beitragen, dass Menschen nach einem Angriff nicht das Gefühl haben, ganz allein dazustehen.
- Du merkst, dass auch kleine Gesten viel bewirken können.
- Und du wirst Teil eines Netzwerks, das zeigt: Wir stehen füreinander ein.
Mehr erfahren und mitmachen:
Unter anderem auf Instagram kannst du lokale und internationale Projekte entdecken, ihre Arbeit unterstützen und mitbekommen, wo gerade Solidarität gefragt ist. Infos zur Initiative „Sichere Orte Südbrandenburg“ unter: kontakt@losmachen.jetzt
Ehrenamtliche zeigen, dass es sich lohnt, selbst aktiv zu werden. Man überlistet eigene Vorurteile, lässt Ignoranz und Unzufriedenheit hinter sich und erlebt, wie man gemeinsam mit anderen viel bewirken kann. In der Blog-Reihe „Es bewegt sich was in Brandenburg“ stellt die Journalistin Kristina v. Klot einige dieser engagierten Menschen vor.
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