Leichte Sprache

Sprache und Gewalt

Marschieren, verjagen, zuschlagen: Die nationalistische Bewegung setzt bewusst auf eine kriegerische Sprache. Angesichts dieser Rhetorik stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang von Gewalt und Sprache.
Screenshot von Hass-Seiten im Netz

„Merkel muss weg“ – so schallte es am Tag der deutschen Einheit durch Dresden. Die Parole gehört längst zur rhetorischen Grundausstattung der nationalistischen Bewegung. Dazu kommen Begriffe wie „Volksverräter“ für Politiker, „Lügenpresse“ für Medien, „Invasoren“ für Flüchtlinge sowie „Flut“ für Zuwanderung. Machtvolle Metaphern einer aggressiven Bewegung. 

Man stehe "Schulter an Schulter", marschiere getrennt, aber schlage vereint zu - so brachte AfD-Rechtsaußen Björn Höcke bei einer Demonstration im September die Strategie der wichtigen ostdeutschen Landesverbände seiner Partei auf den Punkt. Seine Anhänger antworteten umgehend: „Widerstand“ skandierten sie in der Erfurter Dunkelheit. Höckes Ausführungen über einen „Putsch“ in der Flüchtlingspolitik gegen die Verfassung und Politiker, die den Staat kaputt machen wollten, begleiteten seine Gefolgschaft mit den Schlachtrufen „Volksverräter!“ sowie „Merkel muss weg!“

Merkel soll nicht weg, sie muss weg! So formulieren Personen, die keine Kompromisse zulassen, die keine Verhandlungen anstreben, keinen politischen Wandel durch Reformen, sondern durch eine „parteipolitische Revolution“, wie Höcke sie an diesem Abend ankündigte. Und irgendwann werde man Merkel aus dem Kanzleramt verjagen, versprach er dazu. Das klingt nach Fackeln und Forken, nach Aufstand und Kampf. 

AfD-Funktionär Markus Frohnmaier brachte seine Fantasien so zum Ausdruck: „Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht - denn wir sind das Volk, liebe Freunde.“ Man könnte wohl auch sagen: Wenn man die Macht an sich reiße, dann würden die politischen Gegner ausgeschaltet. 

Und der Brandenburger AfD-Funktionär Alexander Gauland, ein absolutes Schwergewicht in der Partei und eine Art Schutzpatron des völkischen Flügels, nannte Merkel bei einer Rede in Elsterwerda eine „Kanzler-Diktatorin“. Eine Vorlage. Denn ist es etwa nicht legitim, wenn nicht die Pflicht, eine Diktatorin durch eine Revolution zu stürzen? Gegen „eine Politik der menschlichen Überflutung“? 
 

Nationalrevolutionäres Geraune

Marschieren, zuschlagen, ausmisten - Nichts davon hat mit dem Grundverständnis von demokratischen Aushandlungsprozessen und Debatten zu tun, mit Respekt vor Parlament und gewählten Repräsentanten, sondern es ist nationalrevolutionäres Geraune, das mit Gewalt kokettiert. Ähnliche Beispiele lassen sich Hundertfach finden, insbesondere das Internet versinkt im Sumpf des Hasses – und über Kundgebungen wird dieser Hass auf die Straßen getragen.

Die Stichwortgeber der nationalistischen Bewegung, die sich gerne als besonders kultiviert präsentieren, haben schlagkräftige Sprachcodes entwickelt – und ihre Gefolgschaft schreit diese immer und immer wieder heraus – um sich als „das Volk“ größer zu machen als man tatsächlich ist – und um den politischen Gegner einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Reichen diese Drohungen nicht, folgen „Taten statt Worte“ – wie in Oersdorf in Schleswig-Holstein, wo ein Bürgermeister mehrmals bedroht wurde, weil er geflüchtete Menschen in der Gemeinde aufnehmen wollte. Dann wurde er niedergeschlagen - von hinten mit einem Kantholz. Debatte beendet.
 

Basis aller sozialen Beziehungen

Sprache verfügt über einen immensen Einfluss auf unser Denken – ebenso auf unsere Wahrnehmung und Deutung der Welt. Mit unserer Sprache drücken wir aus, wie wir Denken – und auch wie wir Handeln. Sprache ist mehr als Kommunikation, sie ist die Basis aller sozialen Beziehungen. Aber was für eine Gesellschaft soll auf einem Fundament erwachsen, das zunehmend durch gewalttätige Sprache und Hass geprägt wird?

Die Sprache sei kein Gefängnis für das Denken, betont der israelische Linguist Guy Deutscher. Allerdings trainiere sie die Aufmerksamkeit für gewisse Dinge und lenke das Denken in bestimmte Bahnen. 

Genau das ist das Ziel der nationalistischen Stichwortgeber – sie hetzen ihre Anhänger auf. Dass sie damit verbale oder sogar physische Gewalt mindestens begünstigen, würden sie stets empört von sich weisen. 
 

Sprachliche und physische Gewalt bedingen sich 

Bildet die gewalttätige Sprache die derzeitigen Zustände ab – oder hat sie diese geschaffen? Was war zuerst da: Die gewalttätige Sprache oder die Gewalt auf den Straßen? Eine Henne-Ei-Frage – sprachliche und physische Gewalt bedingen sich, sie gehören zusammen. 

Oft wird Sprache angepriesen, um Konflikte zu entschärfen. Redet miteinander – dann wird es auch eine Einigung geben, so heißt es gerne. Doch Sprache kann ebenfalls ein wirksames Instrument sein, um jede Kommunikation im Keim zu ersticken – durch Totschlagargumente und Killerphrasen. Die Sprache des Hasses will kein Gespräch auf Augenhöhe eröffnen, sondern jeden Austausch beenden und das Objekt des Hasses degradieren. Der Gegenüber wird nicht zum Reden, sondern zum Schweigen gebracht. 

Es lässt sich nicht ansatzweise abschätzen, wie viele Menschen in Deutschland bereits durch gewalttätige Sprache, durch Beleidigungen sowie Drohungen, psychisch verletzt wurden – und mittlerweile lieber schweigen als ihre Meinung zu äußern, aus Angst vor weiteren Attacken - ob nun verbal oder sogar physisch.
 

Sprache des Faschismus

Es ist kein Zufall, dass die neue nationalistische Bewegung an Begriffe aus der Nazi-Zeit anknüpft – „Lügenpresse“, „Volksverräter“, völkisch - denn die rhetorischen Methoden zur Schaffung einer emotionalen Zusammengehörigkeit, Formierung einer Bewegung sowie Ausgrenzung und Einschüchterung des Gegners ähneln sich. 

Faschismus sei „eine Form rechtsextremer Ideologie, die die Nation oder Rasse als organische Gemeinschaft, die alle anderen Loyalitäten übersteigt, verherrlicht“, schreibt der US-Politikwissenschaftler Matthew Lyons. Der Faschismus betone „einen Mythos von nationaler oder rassischer Wiedergeburt nach einer Periode des Niedergangs und Zerfalls. Zu diesem Zweck ruft Faschismus nach einer ‚spirituellen Revolution‘ gegen Zeichen des moralischen Niedergangs wie Individualismus und Materialismus und zielt darauf, die organische Gemeinschaft von 'andersartigen' Kräften und Gruppen, die sie bedrohen, zu reinigen. Faschismus tendiert dazu, Männlichkeit, Jugend, mystische Einheit und die regenerative Kraft von Gewalt zu verherrlichen.“

All das findet sich beim Hass im Netz und auf den Straßen wieder; die Hetze, die Drohungen, die Selbsterhöhung. Es ist die Sprache des Faschismus. 
 

Patrick GensingPatrick Gensing ist Blogger, Journalist und Nachrichtenredakteur. Für die Netzinitiative publikative.org – eine Seite, die zunächst als NPD-Watchblog bekannt wurde, wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er schreibt zu Fachthemen wie Antisemitismus, Medien, Rechtspopulismus und -extremismus.

 

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 2.5 (24 Bewertungen)

Kommentare

Leider wieder sehr selektiv

Wie bei vielen anderen Sachen lohnt es sich, die Dinge im Gesamtkontext zu betrachten und nicht nur selektiv. Ein nicht ganz unbekannter deutscher Sozialwissenschaftler gefällt sich dabei, bei öffentlichen Diskussionen im Hinblick auf die AfD nur noch die Vokabel "Arschlöcher" zu gebrauchen (siehe u.a. www.taz.de/!162879/), eine differenzierende Bezeichnung, die im Handbuch für die Politikwissenschaft momentan zwar noch nicht erhalten ist, aber künftig wohl auch dort zu finden sein wird. Herr Frank Henkel sprach vor der Berlin-Wahl mehrfach von "Pöbel", Bezeichnungen wie "Mob", "Pack" und "Idioten" haben mittlerweile auch in der Berichterstattung (nicht etwa nur in den Kommentaren) allgemein als seriös angesehener Presseorgane ihren Platz gefunden. (konkrete Belege können jederzeit nachgereicht werden) Auch hier bleibt es indes ja nicht bei der Sprache. Nicht nur die Autos einiger führender AfD-Mitglieder brannten in diesem Jahr, sondern mittlerweile auch die Büros von CDU-Parlamentariern. (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bettina-kudla-unbekannte-verueben-anschlag-auf-ihr-buero-a-1115023.html). Oder sind solche Anschläge in diesen Fällen letztlich nur als Zivilcourage gegen "Arschlöcher" und "Idioten" zu werten? Ein Engagement gegen die Verrohung der Sprache und die folgende (mögliche) physische Gewalt wird nur dann Früchte tragen, wenn sich keine Seite davon ausnimmt.
Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 1.8 (5 Bewertungen)

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.