Geben und Nehmen: Wie die Tafel-Jugend für Zusammenhalt und Nachhaltigkeit sensibilisiert

Es bewegt sich was in Brandenburg

In Brandenburg trifft Journalistin Kristina v.Klot Menschen, die sich für mehr Teilhabe und Chancengleichheit einsetzen. In Teltow begegnet sie Mattea Wernicke, Mitgründerin einer regionalen Ortsgruppe der Tafel-Jugend. Sie will Gleichaltrige begeistern, beim Verteilen und Retten von Lebensmitteln mitzumachen. 

Wenn Einkommen und Rente nicht mehr zum Leben reichen

„Hier können sich unsere Kunden mit Obst, Gemüse und Brot eindecken. Und ich kann mit Menschen in Kontakt kommen, mit denen ich sonst im Alltag kaum Berührungspunkte habe.“

Samstagnachmittag am August-Mattausch-Park in Teltow. Vor dem kleinen roten Gebäude bildet sich eine lange Schlange aus Alt und Jung: Menschen, die mit Tüten, Taschen und Rucksäcken geduldig für die Registrierung anstehen und sich die Wartezeit mit einem Schwätzchen vertreiben – nicht wenige auf Ukrainisch und Serbisch. 

An diesem Anlaufpunkt der Tafel Potsdam für Teltow, Kleinmachnow und Stahnsdorf kennen sich viele der Kunden, wie sie genannt werden. Schließlich zahlen hier alle, die ihre finanzielle Bedürftigkeit nachweisen und eine Berechtigungskarte erhalten haben, einen symbolischen Beitrag von vier Euro pro Haushalt und Ausgabetermin. 

Mal sind Lohn oder Einkommen zu gering, mal reichen Sozialhilfe oder Rente nicht aus, um notwendige Einkäufe zu stemmen. „Bei uns können sich Menschen ab 18 Jahren einmal pro Woche eine Kiste mit Obst, Gemüse und Brot abholen“, erklärt Mattea, die hier ehrenamtlich aushilft. „Und ich begegne Menschen, mit denen ich im Alltag sonst kaum Berührungspunkte habe“, ergänzt die 24-Jährige.

Beim Auf- und Abbau packen alle mit an

„Wir helfen einander, weil wir doch alle irgendwie zusammengehören und es unser gemeinsames Projekt ist.“

Gemeinsam mit fünf anderen Ehrenamtlichen, unter denen sie mit Abstand die Jüngste ist, steht sie vor einem Kleintransporter und hilft, 50 bereits gepackte Kisten mit unter anderem Kohl, Joghurt, Bananen und Schokoaufstrich auf die Klapptische vor dem Gebäude zu hieven – und zusätzlich rare Produkte wie Honig und Wurst zu verteilen. Dann heißt es: „Mit Schwein oder Geflügel?“ Und: „Heute gibt’s Salatsoße oder einen Smoothie extra.“ Oder: „Wie geht’s der Familie?“ 

Dass beim Auf- und Abbau der Tische alle mit anpacken, stehe für ein Geben und Nehmen, so Mattea: „Es geht nicht darum, sich zu bedanken oder besser dazustehen. Wir helfen einander, weil wir doch alle irgendwie zusammengehören und es unser gemeinsames Projekt ist. So bleibt niemand außen vor oder hat das Gefühl, sich schämen zu müssen.“

Lebensmittel retten statt wegwerfen

„Früher hätte ich alles weggeworfen, was abgelaufen ist. Heute mache ich immer erst den Seh-, Riech- und Geschmackstest, um keine Lebensmittel zu verschwenden.“

An dieser und vier weiteren Tafel-Ausgabestellen in der Region Potsdam-Mittelmark erhalten jede Woche rund 2000 Menschen gespendete Lebensmittel. Diese stammen von Supermärkten, Discountern, Bäckereien und Landwirten, die zwar noch genießbar sind, aber nicht mehr verkauft werden. Weil sie nicht der Handelsnorm entsprechen (wie Gurken, die zu krumm gewachsen sind), weil zu viel produziert wurde oder das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist. 

"Das heißt aber nicht, dass die Lebensmittel schlecht sind oder nicht mehr schmecken“, erklärt Mattea. 2023 begann sie ihr Engagement bei der Potsdamer Tafel – zunächst im Kühlraum. Jeden Dienstag von 10 bis 17 Uhr. Dort habe sie gelernt, Milchprodukte und Gemüse zu prüfen und zu sortieren – und umzudenken: „Früher hätte ich alles weggeworfen, was abgelaufen ist. Heute mache ich immer erst den Seh-, Riech- und Geschmackstest, um keine Lebensmittel zu verschwenden.“

Gemeinschaft erleben: Geben lernen, Hilfe annehmen

„Ich wurde so erzogen, dass es wichtig ist, sich in Gemeinschaft einzubringen und dass man viel davon hat: Man lernt, sich auf andere einzulassen, aber auch besser Hilfe annehmen zu können.“

Inzwischen arbeitet sie überwiegend in der Lebensmittelausgabe. Und steht da vor einer anderen Herausforderung: „Ich bin eher introvertiert, aber dass ich hier eine klar definierte Rolle habe, erleichtert es mir, auf Menschen zuzugehen – was ich sehr genieße und total spannend finde.“ 

Der Wunsch, sich sozial zu engagieren, begleitet Mattea schon lange. Ob als Mitgründerin einer „Better World“-AG in der Schule – die den Erlös gesammelter Pfandflaschen spendete, oder als Jugendliche, die in den Osterferien die Kinderbetreuung in einem Flüchtlingsheim übernahm. „Ich wurde so erzogen, dass es wichtig ist, sich in der Gemeinschaft einzubringen, und dass man viel davon hat: Man lernt, sich auf andere einzulassen, aber auch besser Hilfe annehmen zu können.“ 

Im Studium wurde ihr klar, dass Selbstoptimierung nicht alles ist

„Man rettet nicht die Welt, aber versucht zumindest, irgendetwas zu tun, um irgendwie zu helfen.“

Mattea wuchs in Potsdam auf, in einem Teil, den sie als „gutbürgerlich“ bezeichnet. Als sie nach dem Abitur und einem zweijährigen Auslandsstudium in England zurückkehrte, war es eine Fernsehsendung über die Folgen dramatisch gestiegener Lebenshaltungskosten, die den Impuls gab: „Im Studium ist man die ganze Zeit stark mit sich beschäftigt und überlegt: Wie kann ich mich und meinen Lebenslauf optimieren? 

Irgendwann wurde mir klar: Ich will wieder mehr über andere nachdenken.“ Ende 2023 fing sie bei der Tafel an. „Man rettet nicht die Welt, aber versucht zumindest, irgendetwas zu tun, um irgendwie zu helfen.“ Schon in den ersten Tagen lernte Mattea beim Spendensortieren eine andere junge Frau kennen, die wie sie dort gerade anfing und zu einer Wegbegleiterin und Freundin wurde.

Die junge Generation ist bei der Tafel deutlich unterrepräsentiert

„Kira ist Krankenschwester und sehr cool. Nach der Nachtschicht im Krankenhaus schläft sie nur wenige Stunden und kommt dann zur Tafel – echt beeindruckend!“

„Kira ist Krankenschwester und sehr cool. Nach der Nachtschicht im Krankenhaus schläft sie nur wenige Stunden und kommt dann zur Tafel – echt beeindruckend!“ Im letzten Sommer erfuhren sie über einen Flyer von der Bundesorganisation Tafel Jugend; einer Initiative als Reaktion darauf, dass junge Leute im Dachverband Tafel e.V. stark unterrepräsentiert ist – auch im Vergleich zu anderen gemeinnützigen Einrichtungen deutschlandweit. Und plötzlich kam ihnen die Idee, erinnert sich Mattea: „Auch wenn wir nur zu zweit sind – lass uns doch eine regionale Ortsgruppe der Tafel Jugend gründen!“ 

Dahinter steht ein Netzwerk junger Engagierter bis 35 Jahre, die sich über Armut, soziale Ungleichheit und Lebensmittelverschwendung austauschen; sowohl in regelmäßigen Online-Meetings als auch in Workshops und Trainings. Nach ihrer Beobachtung wird die Tafel von vielen Gleichaltrigen mit einer Suppenküche verwechselt, deren Auftrag und die konkrete Arbeit ist in der jüngeren Generation weitgehend unbekannt. „Auch dass in Deutschland jeder Fünfte von Armut bedroht ist, wissen die wenigsten. Da möchten wir besser aufklären!“

Geplant: eine Spendenaktion in Supermärkten und bessere Aufklärung an Schulen und Unis

„Was spricht eigentlich dagegen, einmal pro Woche Menschen zu helfen und Lebensmittel zu retten?“

Und wie wollen sie Gleichaltrige motivieren? Kommilitonen an der Uni habe sie bisher zwar noch nicht mobilisieren können, räumt die Jurastudentin ein. Aber sobald sie im Frühling ihr erstes Staatsexamen hinter sich hat, sollen Projekte konkret werden: zum Beispiel eine Spendenaktion in Supermärkten – gemeinsam mit Leo, der Jugendorganisation des Lions-Clubs, sowie Info-Seminare für Schulen und Unis. Zwar sei die Chance, 16-Jährige für unbezahlte Arbeitseinsätze zu gewinnen, eher gering. „Aber wir wollen klarmachen, wie man sich einbringen könnte. So nach dem Motto: ‚Vielleicht habt Ihr ja Lust, reinzuschnuppern, oder Ihr behaltet es im Hinterkopf für später!‘“ 

Wenn Mattea über ihr „Herzensprojekt“ spricht, wirkt sie sanftmütig und ruhig, aber bestimmt: „Wenn man bedenkt, wie wenige Menschen sich engagieren, fragt man sich schon, woran es scheitern sollte. Was spricht eigentlich dagegen, einmal pro Woche Menschen zu helfen und Lebensmittel zu retten?“

 

Gemeinsam gegen Lebensmittelverschwendung und Armut

So kannst du dich bei der Tafel oder in der Tafel-Jugend engagieren – und dazu beitragen, dass Lebensmittel nicht im Müll landen, sondern bei Menschen ankommen, die sie brauchen.

Was du mitbringen solltest:

  • Lust, praktisch mit anzupacken – beim Sortieren, Verteilen oder Organisieren von Lebensmitteln.
     
  • Offenheit und Verständnis gegenüber Menschen, die in finanzieller Not leben. 
     
  • Die Bereitschaft, regelmäßig Zeit zu investieren, auch wenn es nur ein paar Stunden pro Woche sind.

Was du nicht brauchst:

  • Vorerfahrung im Ehrenamt
     
  • eine spezielle Ausbildung oder Kenntnisse

Das hast du davon:

  • Einblick in einen Lebensalltag, der dir bisher vermutlich eher fremd war.
     
  • Austausch mit Menschen, denen du sonst womöglich nie begegnet wärst.
     
  • Die Erfahrung, konkrete Not zu lindern – und ganz praktisch einen Unterschied zu machen.

Mehr erfahren und mitmachen:

Linktipps

  • Was macht eine Bildungsbegleiterin?

    Zum Video mit Christine Lubs auf Instagram

  • Videotipp zum Thema: Lebensmittelretten in Brandenburg

    Zu viele Lebensmittel landen in Deutschland im Müll. Christin Duscha will daran etwas ändern. Über die Plattform foodsharing.de rettet sie in Brandenburg an der Havel Lebensmittel und verteilt diese anschließend an Privatleute weiter. Wie das genau funktioniert und vor welchen Herausforderungen sie dabei steht, das erzählt Christin Duscha in dieser Folge unserer Webvideoreihe "Stadt, Land, Klima. Nachhaltigkeit in Brandenburg".

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Kristina Klot
© Kristina Klot

Ehrenamtliche zeigen, dass es sich lohnt, selbst aktiv zu werden. Man überlistet eigene Vorurteile, lässt Ignoranz und Unzufriedenheit hinter sich und erlebt, wie man gemeinsam mit anderen viel bewirken kann. In der Blog-Reihe „Es bewegt sich was in Brandenburg“ stellt die Journalistin Kristina v. Klot einige dieser engagierten Menschen vor.

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