Die Journalistin Kristina v.Klot reist durch Brandenburg und spricht mit Menschen, die sich in ihrer Region für mehr Zusammenhalt einsetzen. Ihre Projekte ermutigen dazu, mitzumachen und sich einzubringen. In Nauen trifft sie Antje Schulze vom Landfrauenverband Brandenburg.
Erntekränze binden bei Kaffee und Kuchen – und schon scheinen alle Klischees erfüllt.
„Auch im Kleinen geht es um das große Ganze: die Interessen von Frauen und Familien im ländlichen Raum – und um Chancengleichheit.“
Nauen im Landkreis Havelland. Inmitten von Feldern, Wiesen und Weiden, „irgendwo im Nirgendwo“, wie Antje Schulze es beschreibt, lebt die Vorsitzende des Brandenburger Landfrauenverbands auf einem ehemaligen Bauernhof. Hier kommen im Sommer zweimal pro Woche mehrere Dutzend Frauen zusammen. „Aber sobald ich sage, dass wir bei Kaffee und Kuchen unterm Carport Getreide schneiden, um die Erntekrone zu binden, ploppen bei vielen sofort die Klischees auf, nach dem Motto: ‚Ja klar, bei Euch geht’s ja vor allem ums Backen und Handwerken!‘“, sagt die herzliche, zupackende Frau mit einem Kopfschütteln.
Tatsächlich sei diese ländliche Tradition nur ein Anlass unter vielen, zu denen sich die über 1.200 Landfrauen seit der Gründung 1992 auf Kreis- und Landesebene überall in Brandenburg treffen: bei Wanderungen, Kanu- und Radtouren, Festivals und Lesungen. „Auch im Kleinen geht es um das große Ganze: die Interessen von Frauen und Familien auf dem Land – und um Chancengleichheit!“, erklärt die dreifache Mutter und Verwaltungsangestellte.
Solange es in fast jedem Dorf Gaststätten und einen Konsum gab, wäre man sich noch zufällig begegnet. Heute seien Räume, an denen Frauen auf dem Land zusammenkommen und sich austauschen können, rar.
Ob männliche Ignoranz oder gestrichene Busverbindungen: bei Landfrauen kommt alles auf den Tisch.
Dabei werde alles besprochen, was die Menschen vor Ort beschäftigt, so Schulze: „Zum Beispiel: ‚Was machen wir, damit sich Zugezogene bei uns wohlfühlen?‘ Oder: ‚Wie schaffen wir es, das Dorfleben zu aktivieren?‘“ Mal geht es um Frauen bei der Freiwilligen Feuerwehr, die einen Sichtschutz in der Umkleide fordern und auf männliche Ignoranz („Stellt Euch nicht so an!“) stoßen; mal um „Dauerbrenner-Themen“ wie Internet und Mobilität. „Wenn Buslinien plötzlich gestrichen werden oder der Mobilfunkausbau stagniert, kann ich die Kritik direkt zum Landrat tragen“, sagt Schulze, die auch stellvertretende Vorsitzende im Kreisverband ist. „Unser Vorteil ist unser guter Ruf".
Know-how, das über den Austausch zwischen den Generationen weitergegeben wird
„Herausfinden, wo es den Menschen wehtut und gezielt Nadelstiche stechen, das macht unser Engagement so wertvoll. Und der Dialog zwischen Alt und Jung!“
„Herausfinden, wo es den Menschen wehtut, und gezielt Nadelstiche setzen, das macht unser Engagement so wertvoll“, meint die 41-Jährige. „Und der Dialog zwischen Alt und Jung sei auch bei privaten Konflikten hilfreich", sagt sie. Etwa wenn Großeltern über Enkel in „bockigen Phasen“ klagten, und nicht wüssten, wie sie den Kontakt halten sollen.
„Oft sind um die 30-Jährige dann die besten Ratgeber, weil sie näher dran sind an den Kindern.“ Umgekehrt holten sich aber auch junge Familien gerne Rat bei erfahrenen Landfrauen, zum Beispiel, wie man Rhabarber so verarbeitet, dass Kinder das Gemüse lieber essen. „Viele entdecken gerade den Nutzgarten für sich und profitieren von einem Know-how, das über Generationen weitergegeben wurde.“
Was man in einem Mehrgenerationenhaus fürs Leben lernt: für einander da sein und nicht alles persönlich nehmen.
„Kurz innehalten, reflektieren und sagen: ‚Ist gut, da gehen wir nicht drauf ein, der oder die hatte vielleicht einen schlechten Tag‘, hilft zu deeskalieren.“
Wie stark ein Erfahrungsaustausch verbinden kann, sei ihr beim Kennenlernen der Landfrauen klar geworden, so Schulze. Während der Versammlung, bei der sie als junge Mutter mit ihrem ersten Kind zu Gast war, hätten alle völlig gelassen reagiert, als ihr Säugling plötzlich Koliken bekam und losschrie. „Ich war total überfordert, aber eine ältere Frau holte einfach Schmalz aus dem Schrank, schmierte den auf den Bauch meiner Tochter und sagte: ‚Kein Problem, das hilft!'“
Tradiertes Wissen großzügig „und ohne zu belehren“ zu teilen, hätten ihr die eigenen Eltern schon vorgelebt: Ihr Vater, ein Landwirt, der sich nach der Wende als Bürgermeister fürs Dorf engagierte, und ihre Mutter, die die hofeigene Gastronomie leitete; in einem Mehrgenerationenhaus, das Antje Schulze gerne übernommen hat. „Man lernt, füreinander da zu sein, aber auch, nicht alles persönlich zu nehmen.“
Diese sozialen Kompetenzen kämen ihr auch im Verein zugute, besonders, wenn die Emotionen mal hochkochten. „Kurz innezuhalten, zu reflektieren und zu sagen: ‚Ist gut, da gehen wir nicht drauf ein, die hatte vielleicht einen schlechten Tag‘, hilft zu deeskalieren.“ Immer häufiger beobachte sie in ihrem Umfeld neben einem Mangel an Gelassenheit auch wachsenden Frust, den sie sich nur schwer erklären könne. „Es gibt kaum eine Familienfeier, bei der nicht schon nach fünf Minuten gemeckert wird.“
Bis heute in Brandenburg unterwegs: 16 Demokratieberaterinnen aus den Reihen der Landfrauen.
„In vielen Vereinen, Gremien und Stadtverwaltungen wirken sie als Multiplikatorinnen, rütteln wach und sensibilisieren für radikale Tendenzen.“
Parallel dazu nehme die Radikalisierung öffentlicher Debatten zu, sagt Schulze, und spricht über ‚PAULA‘, eine Initiative des Vereins von 2022. Das Kürzel steht für ‚politisch aktiv und ländlich aufgestellt‘ und den Anspruch, Frauen für demokratische Vielfalt im ländlichen Raum zu stärken. Zum Glück seien die 16 damals ausgebildeten Demokratieberaterinnen auch nach Projektende noch unterwegs.
„In vielen Vereinen, Gremien und Stadtverwaltungen aktiv, wirken sie als Multiplikatorinnen und sensibilisieren für radikale Tendenzen“, so Schulze. Unter anderem würden sie vom Verfassungsschutz, mit dem der Verein im engen Austausch stehe, darin geschult, Symbole und Codes rechtsextremer Gruppen zu erkennen.
Bildungsarbeit auf dem Land – gegen männliche Dominanz in Politik und Wirtschaft
„Für unser Ziel, gemeinsam voranzukommen, müssen wir alle ländlichen Regionen mit so viel Wissen wie möglich versorgen.“
Obwohl sich die Landfrauen in der politischen Mitte positionierten, falle es vielen Mitgliedern schwer, andere Meinungen zu akzeptieren und sachlich zu bleiben. Dann appelliert sie an ihr „Wir-Gefühl“: „Wenn wir andere zur Selbstermächtigung inspirieren wollen, sollten wir Vorbilder sein und über den eigenen Tellerrand schauen können.“ Schließlich gebe es genug zu tun, sagt sie und lacht versöhnlich.
In der Politik und Wirtschaft auf dem Land hätten meist noch die Männer die Oberhand. Um das zu ändern, sei Bildungsarbeit das A und O: Seminare zur Altersvorsorge und Betriebsnachfolge, zu Patientenverfügungen und Testamenten; zu Gesundheitsinformationen und zum Umgang mit demenzkranken Angehörigen; aber auch Workshops mit dem NABU über den ökologischen Mehrwert insektenfreundlicher Gärten. „Um gemeinsam voranzukommen, müssen wir alle ländlichen Regionen mit so viel Wissen wie möglich versorgen.“
„Frauen müssen Frauen stärken, besonders auf dem Land!“
Als Vorteil des großen Netzwerks bezeichnet sie den direkten Draht zwischen den Mitgliedern, die überwiegend in helfenden Berufen arbeiteten, in Kindergärten, Schulen und der Altenpflege. „Wenn Kita- oder Schulkinder mehr über Pflanzen oder Tiere wissen wollen, können wir auf kurzem Wege den Kontakt zu Höfen, Betrieben und Fachfrauen herstellen.“ Dass sich alle einbringen können, wie und womit sie wollen, zeichne den Verein ebenso aus wie dessen Credo, meint die überzeugte „Brückenbauerin“: „Frauen müssen Frauen stärken, besonders auf dem Land!“
Seite an Seite für mehr Mitbestimmung
So kannst du dich bei den Landfrauen engagieren – und dazu beitragen, dass Dörfer lebendig bleiben, Wissen weitergegeben wird und Frauen auf dem Land eine starke Stimme haben
Was du mitbringen solltest:
- Lust, dich mit anderen auszutauschen und eigene Ideen einzubringen.
- Interesse an Themen, die Dich und andere Frauen auf dem Land bewegen – von Gemeinschaft und Familie bis zu Nachhaltigkeit und Demokratie.
- Offenheit für Begegnungen mit Menschen aus unterschiedlichen Generationen.
Was du nicht brauchst:
- Einen landwirtschaftlichen Hintergrund.
- Bestimmte Vorerfahrungen oder Fachkenntnisse.
- Ein Amt oder eine besondere Rolle im Verein.
Das hast du davon:
- Du lernst Menschen aus deiner Region kennen und knüpfst neue Kontakte.
- Du kannst eigene Interessen und Fähigkeiten einbringen – ob bei Veranstaltungen, Bildungsangeboten oder Projekten.
- Du profitierst vom Wissen und den Erfahrungen anderer Generationen.
- Du gestaltest aktiv mit, wie das Leben und der Zusammenhalt auf dem Land aussehen könnte.
Mehr erfahren und mitmachen:
Brandenburger Landfrauenverband e. V.
Informationen zu Ortsgruppen, Veranstaltungen und Möglichkeiten, sich zu engagieren.
Ehrenamtliche zeigen, dass es sich lohnt, selbst aktiv zu werden. Man überlistet eigene Vorurteile, lässt Ignoranz und Unzufriedenheit hinter sich und erlebt, wie man gemeinsam mit anderen viel bewirken kann. In der Blog-Reihe „Es bewegt sich was in Brandenburg“ stellt die Journalistin Kristina v. Klot einige dieser engagierten Menschen vor.
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