Sara Schurmann über den Klimawandel und seinen Platz in den Medien

Die Journalistin Sara Schurmann hat einen offenen Brief an ihre Kolleginnen und Kollegen geschrieben. Was sich im Umgang mit dem Thema Klimaschutz ändern muss, hat sie für uns auf den Punkt gebracht.

Vertrocknetes Gras mit einzelner Blume
© Myriams-Fotos | pixabay CC0 1.0

Welchen Stellenwert hat der Klimawandel in der bundesdeutschen Berichterstattung?

Keinen annähernd ausreichenden. Das ist mir allerdings auch noch gar nicht so lange klar. Die Corona-Pandemie hat die Aufmerksamkeit für das Thema stark geschluckt. Vorher hätte ich die Klimaberichterstattung als weitgehend angemessen verteidigt. Was allerdings nicht an der Berichterstattung lag, sondern an mir. 

Sara Schurmann
© Rebecca Rütten
Sara Schurmann kommt aus Brandenburg und hat Sozialwissenschaften studiert. An der Henri-Nannen-Schule wurde sie zur Journalistin ausgebildet und arbeitete für den Tagesspiegel, Gruner+Jahr, Vice und Zeit Online. Als Redaktionsleiterin von OZON, dem Umwelt- & Klimaformat von funk, beschäftigt sie sich täglich mit dem Klimawandel.

Ihren offenen Brief „Journalist:innen, nehmt die Klimakrise endlich ernst!“ haben seit September 2020 über 200 Medienschaffende mitunterzeichnet.

Mir ist erst im vergangenen Sommer klargeworden, wie akut die Klimakrise wirklich ist und dass sie tatsächlich ernste Auswirkungen auf mein eigenes Leben haben wird. Und dass wir einen Großteil der Transformation hin zu einer klimaneutralen Welt in zehn Jahren geschafft haben müssen, wenn wir das Pariser Klimaabkommen einhalten wollen. Vorher hatte ich immer angenommen, dass die Auswirkungen erst meine Enkel wirklich treffen werden. Und bis 2050 würden wir schon irgendwie klimaneutral werden. 

Dabei fehlte es mir gar nicht an Faktenwissen. Ich hatte mich zu dem Zeitpunkt bereits seit zwei, drei Jahren intensiv mit der Klimakrise beschäftigt, kannte alle grundlegenden Daten, Fakten und Graphen. Ich habe die Jahreszahlen auf der X-Achse nur nicht mit meinem eigenen Leben in Verbindung gebracht. 

Ich denke, das geht vielen Journalist:innen so – sonst wäre die Klimakrise ständig auf den Titelseiten.

Was kritisieren Sie an der bisherigen Berichterstattung über den Klimawandel?

Vieles. Das größte Problem ist wohl: mangelndes Fachwissen zur Klimakrise in vielen Politik- und Wirtschaftsredaktionen. Zur Klimakrise gibt es in Redaktionen derzeit oft nur eine:n Fachredakteur:in, oft in der Wissenschaft. Wenn es sehr gut läuft, gibt es ein kleines eigenes Ressort. Teils gibt es niemanden, der oder die sich wirklich tiefgreifend mit dem Thema auskennt. Dabei betrifft die Klimakrise, die unsere Lebensgrundlagen bedroht, jeden gesellschaftlichen und damit auch journalistischen Bereich. 

Lesetipp

Was schlagen Sie vor, um die Berichterstattung zu verbessern?

In der Corona-Krise mussten sich alle Redaktionen in kürzester Zeit intensiv auch in die wissenschaftlichen Grundlagen der Pandemie einarbeiten. Auch die Sportredakteur:innen wissen, dass und wie die Pandemie ihr Themenfeld betrifft. Das führt dazu, dass Redaktionen informiert über politische Vorstöße debattieren und sie kritisch einordnen können. Und dass man nicht um die Platzierung des Themas auf der Seite streiten muss, weil alle dessen Relevanz beurteilen können.

Um schnell Klimawissen in Redaktionen zu verbreiten, würde ich zum Beispiel übergangsweise die Einführung von Klima-CvDs vorschlagen. Diese „Chefinnen vom Dienst“ (CvD) mit fundiertem Klimawissen wären in allen Konferenzen dabei, würden Redakteur:innen auf Schnittstellen ihres Thema mit der Klimakrise hinweisen, vielleicht Recherchehinweise für diesen Aspekt geben und am Ende einmal schauen, ob die Einordnung so passt. 

Welche positiven Beispiele kennen Sie, vielleicht auch eins aus Brandenburg?

Es gibt viele gute Beiträge zur Klimakrise. Der rbb hat z.B. mit „Auf dem Trocknen“ eine großartige Reportage über die bereits heute spürbare Wasserknappheit in Brandenburg produziert. Absolut sehenswert, nicht nur für Brandenburger:innen!

Vielen Dank für das Gespräch!
 

Anm. der Redaktion: Sara Schurmann verwendet den Doppelpunkt in Personenbezeichnungen und Benennung von Gruppen, um die gesamte Breite der geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt abzubilden.

BLPB, März 2021

Schlagworte

Bewertung

Neuen Kommentar hinzufügen

Eingeschränktes HTML

  • Erlaubte HTML-Tags: <a href hreflang> <em> <strong> <cite> <blockquote cite> <code> <ul type> <ol start type> <li> <dl> <dt> <dd> <h2 id> <h3 id> <h4 id> <h5 id> <h6 id>
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.