Macht Platz!

Die Jungen müssen endlich gehört werden und über die Zukunft der Gesellschaft mitbestimmen, fordert  die Journalistin Madeleine Hofmann in ihrem Buch „Macht Platz!“. Im Gespräch mit der Landeszentrale erklärt sie, warum.

Buchcover. Campus-Verlag
© Campus-Verlag

Seit gut fünf Jahren schreiben Sie über die Jugend von heute und Generationengerechtigkeit. Warum?

Ich habe mich damals wahnsinnig geärgert, weil sich vor allem ältere Herren in verschiedenen Medien immer wieder über die sogenannte Generation Y aufgeregt haben. Die hatten viele Vorurteile. Fast immer ging es zum Beispiel um das Thema Arbeit und, dass die jungen Leute alle faul sind. Ich gehöre auch zu dieser Generation und habe in meinem Freundes- und Bekanntenkreis ganz andere Erfahrungen gemacht. Die meisten haben sich abgekämpft, um den Einstieg in den Job hinzubekommen und hatten furchtbare Arbeitsbedingungen. Das hat mich alles so wahnsinnig geärgert, dass ich etwas dazu geschrieben und mich auch danach immer weiter mit dem Thema beschäftigt habe.

Wer zählt eigentlich zu den Jungen und ab wann gilt man als alt?

Das kann man nicht so pauschal sagen. Ich finde, Alter ist auch immer so ein bisschen, wie man sich fühlt. In den meisten Jugendverbänden und auch in vielen Statistiken zählt man aber bis 35 Jahre noch als jung und wenn man so langsam Richtung Rente blickt, also ab Anfang/ Mitte 50, ist man eher alt. Das ist die Abgrenzung, die ich auch in meinem Buch verwendet habe.

Sie fordern, dass die Jungen endlich gehört werden und die Zukunft der Gesellschaft mitbestimmen müssen. Inwiefern ist denn der Einfluss von jungen Leuten begrenzt?

Wir haben sehr wenig junge im Vergleich zu sehr vielen älteren Leuten. Das liegt an der großen Generation der Babyboomer, die selbst nicht so viele Kinder bekommen hat. Von den wenigen Jungen dürfen dann noch nicht mal alle wählen. Diejenigen von ihnen, die wählen dürfen, sind so wenige, dass sie allein mit ihrer Stimme nicht viel verändern und kaum Druck ausüben können. Sie sind daher auf die Unterstützung von den älteren Generationen angewiesen.

Zudem wird es jungen Leuten wahnsinnig schwer gemacht, sich aktiv in der Politik zu beteiligen. Beispielsweise ist es für jüngere Leute in Parteien ziemlich schwierig, gute Listenplätze zu bekommen, auf denen sie auch eine Chance haben, ins Parlament einzuziehen. Gleiches gilt für wichtige Posten innerhalb der Parteien. Hier ist vor allem das Problem, dass man für die Ausbildung und den Einstiegsjob heute viel öfter umziehen muss, als das früher der Fall war. Damit wird es immer schwerer, sich an einem Ort langfristig zu engagieren. Genau das ist aber gewünscht, bevor man ein Amt antritt.

Madeleine Hofmann
© Jennifer Fey
Madeleine Hofmann ist Journalistin. Schon in ihrer Kolumne „Die Jugend von heute“ für das Debatten-Magazin „The European“ hat sie die Werte und Interessen der jungen Generationen thematisiert und auch mit ihrem Online-Generationenmagazin „Knowing wh(Y)“ will sie dem Thema Generationengerechtigkeit mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Ihr Buch „Macht Platz!“ ist 2018 erschienen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass junge Leute oft nicht ernst genommen werden. Können Sie hier Beispiele nennen?

Da war zum Beispiel die relativ bekannte Debatte um Kevin Kühnert. Als er frisch Chef der Jusos war, wurde er in verschiedene Talkshows eingeladen und wurde da als einziger Gast oft geduzt. Teilweise wurde über ihn anstatt mit ihm gesprochen. Ihm wurden Fragen gestellt, die sehr privat, man möchte sagen, eigentlich ein bisschen unverschämt waren, und die man älteren Politikern nie stellen würde. Er hat das öffentlich gemacht und daraufhin haben sich ganz viele junge Politiker/-innen gemeldet, denen es genauso geht. Ein anderes Beispiel sind die Fridays for Future Proteste, wo sogar Politiker/-innen in Spitzenpositionen meinten, dass die jungen Leute es mal wieder gut sein lassen und das Thema den Spezialisten überlassen sollen.

Wie haben Sie die Reaktion der Politiker/-innen in Deutschland auf die Proteste junger Menschen, wie zum Beispiel bei den Fridays for Future, wahrgenommen?

Furchtbar. Klar, inzwischen ist es ein Thema und die Politik fühlt sich langsam doch ein bisschen unter Druck gesetzt. Aber man muss bedenken, dass die Proteste jetzt schon sehr lange anhalten. Die ersten Reaktionen waren schlimm: Man hat sie teilweise ignoriert, belächelt und wollte sich nicht ernsthaft mit den jungen Leuten und ihren Forderungen auseinandersetzen. Indem man das einfach so abgetan hat, prägt man natürlich auch das demokratische Verständnis dieser ganzen jungen Leute, die sich da hinstellen und nicht nur Schule schwänzen, wie es am Anfang ja auch hieß, sondern denen wirklich etwas an dem Thema liegt und die seit Monaten dafür auf die Straße gehen. Die sind dann natürlich auch irgendwann enttäuscht und frustriert, wenn sie merken, dass das überhaupt nichts bringt und, dass sie in dieser Demokratie überhaupt nicht richtig gehört werden. Deswegen fand ich die Reaktion wirklich fatal.

Wie hätte sie Ihrer Meinung nach aussehen müssen?

Ich finde, man hätte sich ernsthaft mit den Forderungen auseinandersetzen müssen. Es gab lange den Vorwurf, die jungen Leute würden sich nur beschweren und hätten gar keine Lösungen. Dabei haben sie relativ schnell einen Forderungskatalog veröffentlicht. Da hätte man die jungen Leute in die entsprechenden Kommissionen, die entscheiden, wie es weitergeht, einladen können.

Kinder- und Jugendbeteiligung in Brandenburg
Im Juni 2018 wurde die Brandenburgische Kommunalverfassung um § 18a „Beteiligung und Mitwirkung von Kindern und Jugendlichen“ erweitert. Die Gemeinden in Brandenburg sind damit verpflichtet, Kinder und Jugendliche an allen Entscheidungen zu beteiligen, die ihre Interessen berühren

Warum ist es wichtig, dass junge Menschen gehört werden?

Jeder in einer Gesellschaft sollte gehört werden. Da die jungen Leute momentan aber im Vergleich zu den Älteren viel weniger sind, werden sie schnell vergessen und übergangen. Gerade sie sind es aber, die noch am längsten mit den Konsequenzen der heutigen Politik leben müssen. Deswegen sollten sie auch mitgestalten können.

Wie können wir ihnen mehr Gehör verschaffen?

Wir müssen uns gegenseitig wieder mehr zuhören und wieder mehr ins Gespräch miteinander kommen. Dabei sollte man die jungen Leute dann aber auch ernst nehmen und bemüht sein, sie in die politischen Prozesse mit einzubinden. Nehmen wir zum Beispiel die Rentenkommission oder die Kohlekommission, junge Menschen sind da überhaupt nicht vertreten. Hier könnte man darauf achten, dass es ausgeglichener ist und die jungen Leute mitdiskutieren lassen.

Außerdem gibt es natürlich auch noch die Möglichkeit, das Wahlalter abzusenken. Dafür plädieren viele auch schon länger. Das wäre auf jeden Fall wichtig. Allein schon um zu zeigen, dass man die jungen Leute auch als Wähler/-innen-Gruppe ernst nimmt. Das allein reicht aber nicht aus, denn selbst wenn alle jungen Leute wählen dürften, wären es immer noch zu wenige.

Bedeutet das, dass die Altersbegrenzung komplett gestrichen werden soll?

Genau. Ich halte nicht so wahnsinnig viel davon, dass man sich dann wieder willkürlich ein neues Alter aussucht. Wenn man 16 Jahre nimmt, ist dann wieder die Frage, warum 16 und nicht 15. Also eigentlich könnte man ein Kinderwahlrecht einführen. Das heißt, man hat ab Geburt ein Wahlrecht und sobald man selbst in der Lage ist, sich seine Wahlunterlagen abzuholen und zu sagen, ich möchte wählen, kann man die erhalten. Die Sorge, dass ein zweijähriges Kind in die Wahlkabine robbt, ist damit total unbegründet.

Wählen ab 16
2011 wurde das Wahlalter in Brandenburg von 18 auf 16 Jahre gesenkt. Seitdem können Jugendliche an Volksabstimmungen, Kommunalwahlen und der Landtagswahl in Brandenburg teilnehmen.

Der Titel Ihres Buchs lautet „Macht Platz“. Heißt das, dass alle Alten abtreten und das Feld den Jungen überlassen sollen?

Nein, das heißt es gar nicht. Es soll eher ein Miteinander sein. Aber diejenigen, das ist ja auch im Untertitel noch mal genauer beschrieben, die es verweigern, auch mit jungen Leuten zu diskutieren, die keine Lust haben auf eine Zukunft, die für alle gut ist, sondern die immer nur den Status quo verwalten, die sollen Platz machen. Da geht es auch gar nicht darum, dass das jetzt ein biologisch alter Mensch ist, der seinen Platz räumen soll, sondern da geht es vielmehr um ein Alter der Ideen. Es sollen diejenigen mehr Platz bekommen, die Lust haben, die Zukunft zu gestalten.

BLPB, Juli 2019

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