Über Armut wird oft in Zahlen und Statistiken gesprochen. Was sie im Alltag bedeutet, gerät dabei leicht aus dem Blick. Miriam Davoudvandi erzählt von ihrer Kindheit, ihrer Familie und einem Alltag, der häufig von dem Satz geprägt war: „Das können wir uns nicht leisten.“
Was bedeutet es, in einem wohlhabenden Land arm zu sein? Darüber sprachen wir am 20. Mai 2026 mit Miriam Davoudvandi. Sie wurde 1992 in Bukarest geboren, wuchs ab ihrem sechsten Lebensjahr in Bad Säckingen in Baden-Württemberg auf und arbeitet heute als Journalistin, Moderatorin und Autorin. Im Frühjahr 2026 erschien ihr Buch „Das können wir uns nicht leisten. Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein.“
Im Mittelpunkt des Abends standen persönliche Erfahrungen mit Armut, gesellschaftliche Vorurteile gegenüber armen Menschen sowie die psychischen Folgen sozialer Ungleichheit. Miriam Davoudvandi las aus ihrem Buch. Darin ging es unter anderem um ihre erste bewusste Erfahrung von Armut am Tag ihrer Einschulung, den Wunsch nach modernen Schuhen und den Umgang mit der Spielsucht ihres Onkels. Anhand ihrer eigenen Biografie schilderte sie, wie Armut bereits in der Kindheit das Selbstbild, den Alltag und die Zukunftschancen prägt. Sie sprach über Scham, Ausgrenzung, Bildungsungleichheit und die ständige Sorge um finanzielle Sicherheit.
Im anschließenden Gespräch mit dem Publikum ging es unter anderem um sozialen Aufstieg, die Selbstorganisation armutsbetroffener Menschen und die Frage, wie Umverteilung finanziert werden kann.
„Scham an sich, das war ein sehr langjähriger Prozess. […] Ich glaube, die hat sich abgelegt, als ich verstanden habe, dass Armut ein Systemfehler ist und nicht mein Individualversagen und auch nicht das Individualversagen meiner Eltern.“
Miriam Davoudvandi
„Ich möchte erzählen, dass wir alles andere als sozial schwach sind, weil wir lernen, uns durch eine Welt zu navigieren, die auf uns herabblickt."
Miriam Davoudvandi
Miriam Davoudvandi erzählt von relativer Armut mitten in einem wohlhabenden Land, verbindet ihre persönliche Geschichte mit gesellschaftlichen Zusammenhängen und spricht sich dafür aus, Armut nicht als individuelles Versagen, sondern als strukturelles Problem zu begreifen.
Zentrale Aussagen der Autorin
- Armut ist immer relativ. Sie steht in Relation zu dem Land, dem Ort und dem Umfeld, in dem man lebt. Armut ist dabei kein individuelles Versagen, sondern ein Systemfehler.
- Die Annahme, dass man durch Bildung aufsteigen kann, stimmt nur bedingt. Auch wenn Schule und Studium in Deutschland kostenlos sind, kommt es stark auf die Bedingungen an. Ein ruhiger Platz für Hausaufgaben, Unterstützung in der Familie sowie Zeit und Kraft der oft erschöpften Eltern.
- Moderne Kleidung und andere Statussymbole spielen beim Thema Armut eine größere Rolle, als es zunächst scheint. Da der große soziale Aufstieg für viele unerreichbar bleibt, geben kleine, erreichbare Anschaffungen das Gefühl von Teilhabe. Zugleich grenzen sich wohlhabende Gruppen immer wieder über neue, schwer erkennbare Symbole ab.
- Armut und psychische Gesundheit bedingen sich gegenseitig. Stress sowie Existenz- und Zukunftsängste belasten die Psyche; vorbeugende Maßnahmen Therapieplätze kosten zugleich Geld und Zeit, die armen Menschen häufig fehlen.
- Eine andere Steuerpolitik, eine stärkere Besteuerung großer Vermögen und Erbschaften sowie die Umverteilung dieser Mittel sind Ansatzpunkte für Lösungen. Die Formulierung politischer Wünsche ist dabei das eine, ihre Umsetzung bleibt Aufgabe der Politik.
Livestream der Veranstaltung
Fragen aus dem Publikum
Verbaut man sich den Aufstieg in eine andere gesellschaftliche Schicht, wenn man im vertrauten Umfeld bleibt und vor allem Kontakt zu Menschen mit ähnlicher Herkunft sucht?
Davoudvandi sieht darin keine Schwäche. An der Universität habe sie selbst gezielt Menschen mit ähnlicher Erfahrung gesucht. Als größeres Problem beschrieb sie das Gegenteil, dass Menschen sich stark von ihrer eigenen Herkunft distanzieren, weil sie sich davon Vorteile versprechen und dabei auf noch Ärmere herabblicken. Der einzige greifbare Nachteil sei, dass im vertrauten Umfeld die Kontakte fehlen könnten, die einen Aufstieg erleichtern.
Wenn man sich auf die Politik nicht verlassen kann und Politik Armut teilweise sogar mitproduziert, welche Perspektiven gibt es dann für arme Menschen, sich selbst zu organisieren und gemeinsam für das zu sorgen, was ihnen gesellschaftlich verwehrt bleibt?
Davoudvandi meint, die Voraussetzungen dafür seien schwierig. Im Alltag bleibe oft wenig Zeit für politisches Engagement. Zugleich würden medial und politisch immer wieder Feindbilder geschaffen, etwa über arme Menschen, Migrantinnen und Migranten, Geflüchtete oder sogenannte Totalverweigerer. Das befördere eher ein Gegeneinander als ein Miteinander. Ein Hoffnungszeichen bleibe das ausgeprägte Ehrenamt in Deutschland.
Wenn eine Umverteilung nötig ist – woher soll das Geld konkret kommen?
Davoudvandi fordert eine andere Steuerpolitik mit einer höheren Besteuerung von Superreichen und großen Erbschaften. Diese Konzepte gebe es schon und seien durch Fachleute durchgerechnet worden. Mit der aktuellen Bundesregierung sei eine solche Umverteilung jedoch nicht umsetzbar.
BLPB, Juli 2026
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