Ausstellungseröffnung

Rede zur Eröffnung der Ausstellung

Erika Stürmer-Alex wurde im Oderbruch, in Wriezen, geboren. Nach ihrem Studium an der Kunsthochschule Berlin Weißensee 1956 -1963, hatte sie ihr Atelier zunächst in Woltersdorf bei Berlin, zog dann aber Anfang der 1980er Jahre auf ein Gehöft in Lietzen und damit wieder zurück in die vertraute Landschaft ihrer Kindheit.

Was wie ein normaler Ortswechsel klingt, war mit einigen Komplikationen verbunden, da die Stasi den Verkauf des Anwesens an sie verhindern wollte. Das Bild Jahresanfang in dieser Ausstellung erzählt von dem glücklichen Moment, als sie erfährt, dass sie das Gehöft nun doch erwerben kann. Man sieht das von der Stasi durchgestrichene Kaufgesuch, das Haus hinter grünen Hügeln, eingerahmt von einer an den Rand gedrängten und einer zinkenbewehrten Figur. Diese gerät unter dem Ansturm eines Vogels, Allegorie der frohen Botschaft, ins Wanken. Die pastellhaften Farben, sanft und warm wie selten in den Bildern der Künstlerin, transportieren ihr Glücksgefühl.

Monika Tschirner, Kunstwissenschaftlerin

Monika Tschirner, Kunstwissenschaftlerin

Persönliches Erleben und Empfinden in einer zeichenhaften Bildsprache auszudrücken, wie in diesem Bild, ist für Erika Stürmer-Alex' Schaffen kennzeichnend. Schon mit ihren ersten künstlerischen Arbeiten, Anfang der 1960er Jahre, überschritt sie den offiziellen Ideen- und Zeichenhorizont der DDR-Kunst. Statt auf verordnete Realismuspositionen, berief sie sich auf Moderne und Postmoderne.

Wie Paul Klee war sie der Überzeugung, dass Kunst nicht das Sichtbare wiedergeben, sondern sichtbar machen soll. Hungrig nach Anregungen und ästhetisch Verwertbarem, mäanderte sie locker vorwärts und rückwärts durch die Kunstgeschichte, betrieb sie – lange bevor es allgemeine Kunstpraxis wurde - ein „permanentes Kunstzapping“: Duchamp mit seinen „Ready-mades“, der Kubismus Picassos, der psychische Automatismus des Action painting, die Ecrituren Cy Twomblys, die Pop-Plastiken Niki de Saint-Phalles oder auch die Kunst der Naturvölker haben Spuren in ihrem Werk hinterlassen und sich mit Eigenem vermischt.

Das mußte natürlich den Argwohn der Behörden wecken, von denen sie als „Agentin des Westens“ eingestuft wurde, wie sie nach dem Mauerfall aus ihren Stasiakten erfuhr. Doch davon ließ sie sich weder einschüchtern noch in ihrem Weg beirren - eine Haltung, zu der damals wohl Charakter und Courage gehörten. Obwohl sie seit 1973 verschiedentlich ausstellen konnte, bekam sie in Frankfurt (Oder), der damaligen Bezirksstadt und Sitz der Behörden, erst 1985 ihre erste Personalausstellung.

Als Zuckerbrot für die Künstler diente auch die Auftragsvergabe. Ausgebildet im Fach Wandmalerei, erhielt sie mehrfach Aufträge für Wandbilder, insbesondere für Sporthallen, aber auch für Grafikfolgen, deren Themen sie teilweise selbst vorgeschlagen hatte wie zu Brechts "Mutter Courage", zu Brigitte Reimanns "Franziska Linkerhand" oder zum Bauernkrieg. Auch für ihre überlebensgroßen bemalten Polyesterfiguren, die ab 1980 entstanden, fanden sich alsbald Auftraggeber. Voraussetzung für die Annahme eines Auftrages allerdings war die Kompatibilität des Themas mit ihren eigenen Intentionen.

Denn nur Authentisches fand und findet Eingang in ihre Werke. Als 1984 sechs Künstler des Bezirksverbandes und enge Freunde von ihr, aus der DDR ausreisten, malte sie als Trauerarbeit das Bild "Abwesende Freunde" - Porträts der Freunde, die in der Handschrift des jeweiligen Künstlers verfasst sind. Obwohl voraussehbar war, dass das Bild wegen seiner politischen Brisanz keine Chance hatte, in die Bezirkskunstausstellung zu kommen, reichte sie es als Sektionsleiterin der Maler und Grafiker des Verbandes dennoch ein und sorgte damit für heftige Debatten.

Um Erinnerungsarbeit, Spurensuche und die Befestigung der eigenen Biografie geht es auch in anderen Arbeiten von E. St-A. Im Triptychon "Meine zwei Mütter" von 1995 setzt sie den Frauen ein Denkmal, die für ihr Leben von entscheidender Bedeutung waren: der leiblichen Mutter, der sie ihre Existenz verdankt und der Musiklehrerin, die ihr beibrachte, Ich zu sagen und zu sein. Gegenüber der Mutter, die an den Rand gedrängt ist und in ihrem Milieu gefangen scheint, füllt die Lehrerin die Mitte und besitzt die größere gestische und mimische Präsenz.

Gegen den Prozess des Verschwindens und Vergessens arbeitet E.St.-A. in vielen ihrer Installationen an, u. a. in "Schrank- Schrein- Totenschrein", eine Arbeit, die vom Museum Junge Kunst in Frankfurt (Oder) erworben wurde, oder auch mit einer Arbeit, die für das Gutshaus in Petersdorf konzipiert war, wo sie von einem Dasein und einer Zeit erzählt, in der die Sicherung der Grundnahrung eine zentrale Kategorie bildete. Indem sie die Artefakte aus eigenem Familienbesitz mit fremder Habe vermischt und in einen neuen Kontext stellt, wird die eigene Familiengeschichte als Teil einer Generationsgeschichte und eines bestimmten sozialen Milieus begreifbar.

Nachdenken über Zeitläufe und Grundmuster menschlicher Existenz hat vielfach Spuren in ihrem Werk hinterlassen. Als ihr 1980 auf der Dorfstraße in Lietzen eine Panzerkolonne entgegenrollte, löste das einen Schock bei ihr aus, den sie in dem Bild „Angst“ von 1980 abzureagieren versuchte. Durch die unerwartete Begegnung mit der sonst meist unsichtbaren militärischen Macht, wurde ihr schlagartig die Fragilität des Friedens bewusst.

Für jemand, der sehen kann, wie sie, sind noch überall in dieser Region, wo 1945 die Schlacht um die Seelower Höhen tobte und 80000 Tote forderte, die Narben des Krieges erkennbar. Diese Allgegenwärtigkeit der Vergangenheit hat E. St.-A. u. a. zu einer Postkartenserie zum 40. Jahrestag des Kriegsendes veranlasst. Historisches Bildmaterial der Sieger konfrontiert sie darin mit Fotografien der Opfer. Das besondere daran: Sie selbst und ihre Freundinnen sind die Opfer, d. h., sie haben sich, zum Zeichen ihrer Identifikation mit den fremden Schicksalen und Leiden, mit dem eigenen Körper in die Rolle der Opfer begeben. 1990/91 beschäftigt sie sich erneut mit den Schatten der Vergangenheit in der Installation Geister, hängend, drei Epitaphien mit eingegipsten Uniformen – Grabmal und magisches Bannungsbild zugleich.

Von Anfang an war E. St.-Alex' künstlerische Strategie auf humanistische Gesittung ausgerichtet, zugleich aber auch auf schöpferisches Verhalten und Wahrnehmungsmechanismen. Für ihre Botschaften nutzt sie den assoziativen Wert von Farben, Formen und Strukturen und die Metaphorik von Zeichen und Symbolen. Figuratives und Abstraktes, Gestisches und Zeichenhaftes, Expressives und Geometrisches, eigene Erfindung und kunstgeschichtliches Zitat bilden ein universelles Sprachsystem, mit dem sich die Vielfalt menschlichen Erlebens ausdrücken lässt und das ihr ermöglicht, mit anderen über ihre Beobachtungen, Gedanken und Empfindungen zu kommunizieren.

Zum Bildvokabular gehören geometrische und figurative Zeichen, die ebenso frühgeschichtliche Kulturen adaptieren wie auch moderne Piktogramme. Pfeile, Kreuze, Plus- und Minus-Zeichen deuten auf Zusammenhänge hin, während figurative Kürzel, wie etwa das des Verschnürten oder Bewehrten auf gängige Verhaltensmuster zwischen Intro- und Extroversion hinweisen. Den Abstraktionsprozeß in der Formgebung versucht sie durch eine expressive Farbgebung wieder wettzumachen.

Ordnung und Chaos, Appolinisches und Dionysisches, - ein Gegensatzpaar, das sie mehrfach auch direkt thematisiert hat - liegen in diesen Kompositionen eng beeinander. Zusammen erzeugen sie ein enormes Spannungsfeld, das die Darstellungen mit gewaltiger Energie versorgt.

Die Vereinfachung des Formvokabulars bietet zugleich gute Voraussetzungen für kollektives Gestalten, eine Kunstpraxis, die Erika Stürmer-Alex immer auf's neue fasziniert. Denn als Künstlerin sieht sie ihre Rolle nicht nur im Produzieren von Kunstwerken, sondern auch im Initiieren von Projekten und in der Beförderung von Kreativität schlechthin. Deshalb leitet sie nach wie vor Mal- und Zeichenkurse und nutzt ihr Gehöft in Lietzen als Begegnungsstätte.

Die schöpferische Atmosphäre dieses Ortes zieht Künstler aus aller Welt an. Hier hat auch die Künstlerinnengruppe „Endmoräne“ ihr Domizil gefunden. Seit fast 20 Jahren arbeitet Erika Stürmer-Alex mit den Frauen zusammen an interdisziplinären Projekten, an Kunstaktionen und Ausstellungen.

Kunst machen war und ist für Erika Stürmer-Alex von existentieller Bedeutung, eine Lebensform schlechthin. Potentiell kann alles, was ihren Weg kreuzt, der Auslöser für ein Kunstwerk sein: eine Beobachtung, eine Empfindung, eine Nachricht, eine Melodie, ein Wort, ein Raum. Die Inspiration kann aber auch von einer Form, irgendeinem Material oder Fundstück ausgehen und natürlich von jeder Art Bild. Ihr kreatives Vermögen kennt keine Grenzen und geht mit einer enormen künstlerischen Wandlungsfähigkeit einher. Sie malt, zeichnet, bildhauert und fotografiert nicht nur, sondern reagiert bzw. interveniert auch mit situativen, kontextbezogenen Aktionen, Installationen oder Performances auf die Aura eines Ortes.

Das Crossover von Gattungen, Stilen und Materialien zielt darauf, die Eigensphäre des Künstlerischen in die Erfahrungsfelder der Alltagswelt zu überführen und umgekehrt, also die Distanz zwischen Kunst und Leben zu minimieren, bzw. die Kunst im Leben zu verorten. Bei dieser Kunstkonzeption steht nicht mehr das einzelne Kunstwerk im Mittelpunkt sondern der Prozess des Kunstmachens selbst. Diese Bedeutungsverlagerung vom fertigen Kunstwerk auf den Prozess des Kunstmachens ist folgenreich. Sie entlastet von dem Zwang, Werke für die Ewigkeit schaffen zu müssen und macht frei für das Spiel, für temporäre Setzungen, für Improvisationen und Experimente, kurzum für ein generelles kreatives Verhalten.

Denkbar und möglich ist diese allumfassende Kunstpraxis nur innerhalb eines extrovertierten psychischen Spannungsfeldes, das auf Multiplikation und Ganzheitlichkeit ausgerichtet ist und sich weder festlegen kann noch will. Denn Festlegen bedeutet notwendigerweise Ausgrenzen. Dadurch aber würde E. St.-A ein Zuviel an Welt verloren gehen – eine Situation, mit der eine Künstlerin, die – folgt man Canettis Einteilung- dem Künstlertyp des Chaotikes zuzurechnen wäre, nicht einverstanden sein kann, denn:


„Der Chaotiker will das lebende Inventar der Welt sein, nichts von ihr darf fehlen. Das muss keineswegs bedeuten, dass ihm die Welt gefällt. Wohl aber muss er sich in dem Übermaß an Lebendigkeit gefallen, ohne das ein Inventar der Welt nicht zu gewinnen wäre.“


Bei aller Universalität, Dynamik und Wandlungsfähigkeit im Schaffen der Künstlerin gibt es dennoch eine Konstante: die Nachdrücklichkeit und Intensität mit der sie ein künstlerisches Problem angeht. Mit nahezu wissenschaftlicher Akribie stellt sie ganze Versuchsreihen auf, egal ob es sich um die Wirkung von Materialien, Farben oder Strukturen handelt. Neugierig und fasziniert beobachtet sie anhand serieller Abfolgen, wie sich bereits durch minimale Eingriffe der assoziative Inhalt der Bilder verändern kann.

Bedingt durch die Vielzahl und Verschiedenartigkeit der künstlerischen Phänomene und Aufgaben, die Erika Stürmer-Alex interessieren, gibt es Brüche und Sprünge in ihrem Schaffen. Statt sich strebend zu vollenden, wartet sie immer wieder mit neuen künstlerischen Überraschungen auf.

Monika Tschirner
Oktober 2007

Bewertung
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