Dieser Text widerlegt Mythen über die Parlamentsvielfalt und zeigt, warum eine realistische gesellschaftliche Repräsentation unsere Demokratie stärkt. Er beleuchtet unsichtbare Hürden für Kandidierende und macht deutlich, wie Vielfalt politische Entscheidungen verbessert.
Fünf populäre Mythen
- Frauen und Männer haben die gleichen Chancen auf eine Karriere in der Politik
- Man braucht Erfahrung, um Politiker oder Politikerin zu sein
- Abgeordnete mit Migrationshintergrund konzentrieren sich nur auf Wahlberechtigte mit ähnlicher Herkunft
- Frauen, junge Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund sind nicht daran interessiert, zu kandidieren
- Soziale Merkmale der Abgeordneten haben keinen Einfluss auf die Qualität der Demokratie
Nach jeder Bundestagswahl werden Informationen über die soziale Zusammensetzung des neuen Bundestags (d. h. die Verteilung nach sozialen Merkmalen so wie Alter, Beruf, Geschlecht...) veröffentlicht.
So ist bekannt, dass der 2025 gewählte 21. Bundestag einen Frauenanteil von 32,4 Prozent hat. 11,6 Prozent der Abgeordneten haben einen Migrationshintergrund. 5 Prozent sind unter 30 Jahre alt. Das verrät uns jedoch noch nicht viel über das Verhalten der Abgeordneten bei Entscheidungen im Bundestag. Die meisten Entscheidungen hängen von der Parteizugehörigkeit und nicht von den sozialen Merkmalen der Abgeordneten ab.
Ist also die soziale Zusammensetzung des Parlaments überhaupt von Bedeutung, und warum sollte uns das interessieren? Im Folgenden werden fünf gängige Mythen zu diesem Thema vorgestellt und aus wissenschaftlicher Sicht eingeordnet.
Mythos 1: In Deutschland haben Frauen und Männer die gleichen Chancen auf eine Karriere in der Politik
Zwar werden in Deutschland viele Frauen in verantwortungsvolle Positionen gewählt, doch das bedeutet nicht, dass sie die gleichen Chancen haben. Einer der wichtigsten Faktoren um Mitglied im Parlament zu werden, ist, bereits Abgeordneter oder Abgeordnete zu sein: Es ist einfacher, wiedergewählt zu werden, als erstmals gewählt zu werden.
Parteien neigen dazu, Personen, die bereits ein Amt oder Mandat haben in sicheren Wahlkreisen und/oder auf den vorderen Plätzen der Parteiliste zu platzieren. Wer neu kandidiert, wird dagegen eher in wenig aussichtsreichen Wahlkreisen oder weiter unten auf der Liste platziert. Da historisch gesehen mehr Amtsinhaber Männer waren, müssen Frauen somit oft in weniger günstigen Wahlkreisen antreten, was es für sie schwieriger macht, gewählt zu werden.
Frauen in der Politik – insbesondere junge Frauen und/oder Frauen mit Migrationshintergrund – sind zudem häufiger Ziel von Anfeindungen und Gewalt, sei es in den sozialen Medien oder im echten Leben. Dies kann ihre Bereitschaft für ein Amt zu kandidieren oder es auszuüben, beeinträchtigen. Ein weiteres Hindernis ist die Vereinbarkeit von Familie und Mandat: Die Kinderbetreuung obliegt nach wie vor überwiegend den Frauen, und Mütter bleiben seltener als Väter über mehrere Legislaturperioden hinweg im Parlament.
Mythos 2: Man braucht Erfahrung, um Politiker oder Politikerin zu sein
Dieses Argument, das häufig gegen junge Menschen vorgebracht wird, die für ein Amt kandidieren möchten, beruht teilweise auf Vorurteilen. Zwar verfügen junge Kandidierende seltener über jahrelange Erfahrung in der Partei oder mit kommunalen Mandaten (zum Beispiel in der Gemeindevertretung). Dies gilt jedoch auch für etwa 20 Prozent der Erstgewählten und nicht ausschließlich für junge Abgeordnete.
Bei jeder Wahl ziehen viele Abgeordnete zum ersten Mal in den Bundestag ein, unabhängig von ihrem Alter. Die parlamentarische Verwaltung ist darauf vorbereitet, diesen Neulingen die Unterstützung zu geben, die sie benötigen, um ihre Abgeordnetentätigkeit auszufüllen. Im Gegenzug bringen junge Abgeordnete die Perspektive ihrer Generation mit. Forschungsergebnisse zu jüngeren Abgeordneten sowohl im Bundestag als auch auf kommunaler Ebene zeigen, dass sie sich stärker für Themen einsetzen, die junge Menschen betreffen, wie beispielsweise Kindererziehung oder Klimapolitik. Somit vertreten sie die Interessen jüngerer Generationen besser.
Leere Sitzreihen, strenge Parteidisziplin und abgehobene Abgeordnete – über die Arbeit des Bundestags kursieren viele Mythen. Dieser Beitrag klärt über verbreitete Irrtümer auf und zeigt, wie das Parlament tatsächlich funktioniert.
Mythos 3: Abgeordnete mit Migrationshintergrund konzentrieren sich nur auf Wahlberechtigte mit ähnlicher Herkunft
Diese Vorstellung ist genauso falsch wie die Annahme, dass sich Frauen nur auf Frauen oder junge Menschen nur auf junge Menschen konzentrieren. Laut Grundgesetz vertreten Abgeordnete das ganze Volk. Sie befassen sich mit zahlreichen Themen und haben in einigen besondere Fachkenntnisse.
Parteigruppen erwarten jedoch oft, dass sich Abgeordnete mit Migrationshintergrund auf migrationsbezogene Themen konzentrieren. Für manche ist das in Ordnung, denn die Vertretung ihrer oft unterrepräsentierten Gemeinschaft ist ein wichtiger Antrieb, in die Politik zu gehen. Dies ist auch eine wichtige Aufgabe, denn für eine gute Politikgestaltung müssen unterschiedliche Standpunkte, Erfahrungen und Bedürfnisse berücksichtigt werden. Das trifft jedoch bei weitem nicht auf alle zu.
In Studien berichten viele Abgeordnete mit Migrationshintergrund – unabhängig davon, ob sie auf Bundes-, Landes- oder Kommunalebene tätig sind – davon, dass sie darum kämpfen müssen, ein breiteres Themenspektrum bearbeiten zu dürfen und nicht auf ihre Herkunft reduziert zu werden.
Mythos 4: Frauen, junge Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund sind nicht daran interessiert, zu kandidieren
Oft heißt es, es sei schwierig, weibliche, junge oder Personen mit Migrationshintergrund zu finden, da sie sich angeblich nicht für Politik interessierten. Untersuchungen zeigen jedoch, dass sich die Bereitschaft, für ein Amt zu kandidieren, unter Parteimitgliedern kaum unterscheidet.
Frauen, junge Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund werden jedoch seltener aktiv ermutigt, zu kandidieren, was oft eine wichtige Motivation für potenzielle Bewerbende darstellt. Wenn zwischen zwei Personen mit gleichen Qualifikationen entschieden werden muss, bevorzugen Delegierte laut Studien häufig diejenigen, die ihnen in Bezug auf soziale Merkmale ähneln. Wenn die Parteiführung in Mehrheit männlich und älter ist, kann dies zu schlechteren Chancen für Frauen, junge Menschen und Migrantinnen und Migranten führen.
Der entscheidende Faktor ist die Bereitschaft der Parteiführung, verschiedene Kandidatinnen und Kandidaten zu unterstützen. Wenn Parteien dies aktiv fördern, sind mehr Frauen, junge Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund gewählt.
Mythos 5: Die sozialen Merkmale der Abgeordneten haben keinen Einfluss auf die Qualität der Demokratie
Das stimmt so nicht. Tatsache ist vielmehr, dass Parlamente, die die Vielfalt der Bevölkerung widerspiegeln, ein Gewinn für die Demokratie sind. Erstens werden Entscheidungen, die von solchen Parlamenten getroffen werden, von der Bevölkerung besser akzeptiert. Mehrere politikwissenschaftliche Studien zeigen, dass Menschen parlamentarische Entscheidungen als fairer empfinden, wenn sie Abgeordnete sehen, die ihnen ähnlich sind. Zweitens fördern sie das politische Engagement in der Bevölkerung.
Frauen, junge Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund nehmen tendenziell seltener an Wahlen teil. Wenn sie sich im Parlament vertreten sehen, gehen sie eher zur Wahl und ihr Interesse an Politik steigt. Langfristig stärkt dies das Vertrauen in die Demokratie und den sozialen Zusammenhalt. Ein Parlament, in dem Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund vertreten sind, ist zudem ein Zeichen dafür, dass die Chancen in der Gesellschaft gleichmäßiger verteilt sind.
Die hier genannten Punkte zu Frauen, jungen Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund könnten auch auf andere unterrepräsentierte Gruppen, wie Menschen mit Behinderungen, queere Menschen oder Personen in manuellen Berufen, zutreffen. Auch wenn die soziale Vertretung die parteipolitische Vertretung weder ersetzen kann noch ersetzen sollte, ist sie dennoch für den Aufbau einer starken und stabilen Demokratie von entscheidender Bedeutung.
Calixte Bloquet, Institut für Parlamentarismusforschung (IParl), April 2026
Teilen auf



Neuen Kommentar hinzufügen