„Man kann nicht anordnen, dass alle lieb zueinander sind“

Die Deutschen beklagen fehlenden gesellschaftlichen Zusammenhalt – und doch meinen sie völlig Unterschiedliches. Der Sozialforscher Gert Pickel erklärt, warum Demokratie auf Aushandlung statt Harmonie beruht und weshalb Krisen extremistische Sehnsüchte befördern.

Illustration zum Thema gesellschaftlicher Zusammenhalt. Zwei Gruppen verschiedener Menschen stehen sich über Kopf gegenüber und disktutieren.inander
© BLPB/Großstadtzoo

Herr Pickel, Sie sind Co-Leiter des „Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ in Leipzig. Einer aktuellen Forsa-Umfrage zufolge empfinden zwei Drittel der Deutschen den gesellschaftlichen Zusammenhalt als schlecht. Hat Sie dieses Ergebnis überrascht?

Nein, dazu gibt es zu viele ähnliche Umfrageergebnisse. Interessant ist die Frage, was die Menschen überhaupt unter „Zusammenhalt“ verstehen. Die einen sagen, das soziale Miteinander funktioniere nicht mehr, weil es so viele Rechtsextreme gebe. Die anderen sagen dasselbe, aber weil es angeblich zu viele Ausländer gebe. Hinter demselben Befund stecken also völlig gegensätzliche Begründungen.

Wie definieren Sie es denn?

Zusammenhalt ist eine Beziehung zwischen Menschen, die aufeinander bezogen leben, in der Regel in einer Nation. Er kann über Netzwerke entstehen oder über das Vertrauen, wenn ich mich mit anderen verbunden fühle. Für uns Forscher ist die entscheidende Frage die des demokratischen Zusammenhalts.

Demokratie schließt alle Gruppen mit ein. Und hier liegt der Knackpunkt: Eine völkische, nationalistische Ausprägung sagt, dass Zugezogene nicht dazugehören. Das ist nicht demokratisch, aber eben trotzdem eine Art von Zusammenhalt.

Gert Pickel
© Swen Reichold

Gert Pickel ist Professor für Religions- und Kirchensoziologie an der Universität Leipzig, stellvertretender Sprecher des dortigen Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus-und Demokratieforschung und Co-Leiter des Teilinstituts Leipzig des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt. Er ist regelmäßig an den Leipziger Autoritarismus-Studien beteiligt.

Die Deutschen waren historisch mit verschiedenen Modellen konfrontiert: der Volksgemeinschaft der Nationalsozialisten, die Zugehörigkeit rassistisch über die Abstammung definierte – oder der sozialistischen Gemeinschaft der DDR, die sie über politische Linientreue bestimmte. Hat das ein Misstrauen gegenüber der Idee des Zusammenhalts geprägt?

Wie in anderen modernen Gesellschaften beobachten wir auch in Deutschland eine Individualisierung – es geht stärker um die eigene Person, die eigenen Ziele. Vor diesem Hintergrund wirkt Zusammenhalt erst einmal befremdlich. Aber wir sind nun einmal nicht nur Individualisten, sondern auch soziale Wesen. Ganz ohne andere kommen wir nicht aus.

Die Idee der deutschen Demokratie ist ein Zusammenhalt, in dem ich individuell leben kann, wie ich will, aber trotzdem Mitglied einer Gemeinschaft bin. Vertrauen in meine Mitbürger erleichtert mir das Zusammenleben. Anders gesagt: Ich kann annehmen, dass, wenn jemand vorbeikommt, er mich nicht gleich bestehlen oder gar ermorden will.

Was sind Grundbedingungen für gesellschaftlichen Zusammenhalt in Demokratien?

Der Respekt vor anderen. Und die Akzeptanz, dass andere potenziell anders leben könnten. Nehmen Sie die Meinungsfreiheit. Im Grundgesetz steht nicht nur, dass ich sagen darf, was ich denke. Es gibt dort auch ein „Recht auf Gegenschlag“. Wer eine Aussage tätigt, muss auch eine mögliche scharfe Reaktion hinnehmen können.

Ich kann also meine Meinung äußern, sollte aber davon ausgehen, dass wir, um etwas zu erreichen, dies aushandeln müssen. Die Idealvorstellung, dass Menschen ohne Aggression miteinander ihre Individualität ausleben, funktioniert nicht ohne Aushandlung und Regeln.

Welche gesellschaftlichen Gruppen empfinden den Zusammenhalt in Deutschland als besonders schlecht?

Besonders stechen diejenigen hervor, die einen völkischen, nationalistischen Zusammenhalt wollen. Diese Gruppe ist mit jeder Form pluralen Zusammenhalts zutiefst unzufrieden. Es gibt aber auch das andere Extrem: Menschen, die sagen, dieses ganze Nationalistische sei so fürchterlich, dass sie Zusammenhalt im Sinne eines Kollektivs generell ablehnen.

Wenn der Bundespräsident vom gesellschaftlichen Zusammenhalt spricht, steht schnell der Verdacht einer hohlen Phrase im Raum… Lange galt, dass Zusammenhalt vor allem von Politikern eingefordert wird. Die wissenschaftliche Erkenntnis war dagegen ernüchternd: Einen von allen geteilten Begriff von Zusammenhalt gibt es nicht. Trotzdem braucht jedes politische System ein Mindestmaß davon unter seinen Bürgern.

Das heißt nicht, dass sich alle mögen müssen. Wenn der Bundespräsident davon redet, hat er wohl Vereine und zivilgesellschaftliche Gruppen vor Augen. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Putnam würde sagen: Das ist der eigentliche Kern, ohne den eine Gesellschaft gar nicht funktioniert.

Seit Jahren beobachten wir einen sich auflösenden demokratischen Zusammenhalt – welche Faktoren spielen da hinein?

Der vielleicht stärkste Treiber für eine Abwendung vom demokratischen Zusammenhalt ist das Gefühl, benachteiligt zu werden – und zwar im Kollektiv: 

„Wir Ostdeutschen werden benachteiligt.“ 

Das führt dazu, dass man sich neue Gruppen sucht, die einem Selbstwert geben. Zumindest in meinen Studien ist das Sozioökonomische gar nicht so zentral. Entscheidender ist, was die Leute denken.

„Die Vermögensungleichheit ist heute eine der größten Bedrohungen unserer Demokratie“, sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Sie aber sagen, dieser Faktor spielt kaum eine Rolle?

Da bin ich vorsichtig. Wäre es allein der Kapitalismus, sähe das Bild anders aus. Lesen Sie die Programme rechter Parteien – die AfD in Deutschland, ihr Pendant in Frankreich, die Rassemblement National: Das sind keine antikapitalistischen Programme. Im Gegenteil, sie sind libertär-kapitalistisch.

Treibend ist vielmehr das Gefühl einer glückseligen Heimeligkeit, in der alle gleich sind, alle dasselbe denken und niemand stört. Ein Wunsch nach „früher“, einem imaginären Damals, in dem jeder wusste, was normal ist. Und dann entsteht die Idee, es werde alles gut, wenn wir nur noch „unter uns“ sind und alle anderen rauswerfen.

Es geht also weniger um die eigene Situation als um die kollektive?

Genau, das ist eines unserer beständigsten Ergebnisse: Fragt man die Menschen nach ihrer persönlichen Lage, sagen die meisten, es gehe ihnen wirtschaftlich gut. Aber „in Deutschland“ oder „bei uns Ostdeutschen“ gehe alles den Bach runter. Nicht ich werde benachteiligt – sondern wir. Diese kollektive Wahrnehmung spielt eine enorme Rolle und ist meist negativ gefärbt.

”Es reicht nicht, einfach viel Geld in eine Region zu transferieren – die Einstellungen ändern sich dadurch nicht zwangsläufig."
Gert Pickel, Soziologe

Das muss Sie als Wissenschaftler doch hilflos zurücklassen, wenn Menschen sich nicht mehr nach Fakten richten, sondern nach einer gefühlten Bedrohung.

Das ist tatsächlich schwierig. Wir leben in einer Zeit, in der massenhaft Faktenchecks produziert werden, die aber von vielen schlicht ignoriert werden. Es geht um Identität, um Zugehörigkeit, aus der man Selbstbewusstsein zieht.

Heute sind Verschwörungserzählungen weit verbreitet und haben eine große Sichtbarkeit. Sie stützen den Eindruck, das vermeintlich Objektive sei gar nicht objektiv. Wir sehen das beim Klimawandel, bei der Migration: Jeder interpretiert durch seine eigene Brille. Das bedeutet auch: Es reicht nicht, einfach viel Geld in eine Region zu transferieren – die Einstellungen ändern sich dadurch nicht zwangsläufig.

Aber was hilft denn dann noch?

Untätig sein ist keine Lösung. Man muss versuchen, die Menschen mitzunehmen, diese Erzählungen aufzubrechen – distanziert, aber zugewandt: „Ich verstehe, dass ihr das problematisch findet, aber gab es nicht auch gute Seiten?“ Das ist ein zäher Prozess, der in vielen Gesprächen, in kleinen Gruppen stattfindet und sich nicht von oben steuern lässt.

Man muss Strukturen stärken, die sich demokratisch organisieren. Wenn Bundesfamilienministerin Karin Prien Programme wie „Demokratie leben!“ kürzt, ist das kontraproduktiv. Wer in Vereinen aktiv ist, lernt, wie Demokratie funktioniert – und ist eher bereit, sie auch zu verteidigen.

Wir erleben seit der Pandemie eine Krise nach der anderen – Kriege, Inflation, Einbruch der Wirtschaft. Welche Rolle spielt das für den Zusammenhalt?

Krisen sind Treibstoff für die Untergrabung des demokratischen Zusammenhalts. Sie verstärken den Drang nach Sicherheit, nach Klarheit, nach Eindeutigkeit. Und Demokratien sind nun einmal alles andere als eindeutig. Das erklärt, warum gerade jetzt der Wunsch nach einem völkischen Zusammenhalt so stark ist, bei dem am besten ein Anführer allein entscheiden soll. Der US-Soziologe Seymour Martin Lipset schrieb schon in den sechziger Jahren: In guten Zeiten halten Demokratien ihre Stabilität ohnehin – aber in der Krise müssen sie sich beweisen.

Wie nutzt die AfD das Thema strategisch?

Indem sie ein Angebot macht: den völkischen Zusammenhalt, eine Idee, die aus der extremen Rechten kommt. Ohne Migranten, Homosexuelle, transgeschlechtliche Personen, und manche sagen: auch ohne Juden. Eine homogene Gruppe von Menschen, die aus vermeintlich natürlichen Gründen zusammengehören.

Das ist einfach, klar, und erfolgversprechend – zumal die Partei es praktisch umsetzt, indem sie gerade im ländlichen Raum Gemeinschaft stiftet und Begriffe wie „Heimat“ ins Zentrum rückt. Das ist aber kein rein deutsches Phänomen. Schauen Sie nach Frankreich, in die Niederlande – überall gibt es starke rechte Parteien.

Also zerbröselt der Zusammenhalt auch in anderen Ländern?

Es ist ein breiter, weltweiter Trend – von den USA bis nach Indien, von Brasilien bis nach Ungarn. In einer komplexen Welt, in der die Globalisierung schnelle und massive Veränderungen gebracht hat, entsteht Überforderung. Mein Kollege, der Berliner Soziologe Steffen Mau, spricht von einer „Veränderungsmüdigkeit“: Ich habe schon so viel mitgemacht, ich will nicht mehr. Ich suche mir lieber etwas, das Sicherheit verspricht.

Besteht nicht auf der Gegenseite die Gefahr, dass Menschen es als verordnete Harmonie empfinden, wenn die Politik Gemeinschaft stiften will?

Man kann natürlich nicht sagen: „Wir sind jetzt alle Gemeinschaft.“ Aber an anderen Stellen funktioniert es ganz von selbst. Schauen Sie sich die Fußball-Nationalmannschaft an. Plötzlich tragen wieder viele Deutschlandfahnen herum, was sich angesichts unserer Geschichte den Rest des Jahres über kaum jemand traut.

Es gibt also Bereiche, in denen Gemeinschaft mühelos entsteht. Demokratischer Zusammenhalt muss aus den Menschen selbst kommen. Das kann auch ein Strickverein sein, der sich darüber einigen muss, was er als Nächstes strickt. Es geht darum, zu verstehen, wie ich meine Interessen mit anderen aushandle. Aber ich kann nicht anordnen, dass jetzt alle lieb zueinander sind.

"Viele, die heute dem Völkischen zuneigen, gehen davon aus, dass ihre eigene Freiheit nicht angetastet wird. Sie dürften böse überrascht werden."
Gert Pickel, Soziologe

Gibt es Beispiele, in denen Polarisierung erfolgreich überwunden wurde?

Man sieht es immer wieder in Ländern, die in Demokratisierungsprozessen einen neuen Zusammenhalt entwickeln – von den Maidanprotesten in der Ukraine bis zum arabischen Frühling. Ich bin sicher, dass es auch hierzulande zu Gegenbewegungen kommt.

Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt irgendwann die absolute Mehrheit gewinnt, werden sich viele Leute dagegenstellen. Viele, die heute dem Völkischen zuneigen, gehen davon aus, dass ihre eigene Freiheit nicht angetastet wird. Sie dürften böse überrascht werden, wenn zum Beispiel Betriebsräte oder auch ihre Kirchengemeinde als überflüssig angesehen werden und das Recht auf freie Meinungsäußerung eingeschränkt wird. Sichtbar wird eine Reaktion aber oft erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.

Welche Handlungsempfehlung würden Sie der Politik geben?

Authentisch und klar zu demokratischen Werten stehen. Deutlich machen, welche Form des Zusammenhalts man will und welche man nicht akzeptiert. Nicht herumlavieren, nur um Mehrheiten zu sichern. Auch Selbstkritik gehört dazu: 

„Da haben wir einen Fehler gemacht, aber das wollen wir jetzt voranbringen.“ 

Und vor allem: deutlich machen, dass Kompromisse etwas völlig Normales sind. Derzeit erwartet man von jeder Partei, ihr Programm stur durchzusetzen. Aber Demokratie lebt vom Kompromiss. Das ist unabdingbar.

Eine Textkachel, darauf der Titel der aktuellen Podcastfolge der Landeszentrale. Dieser lautet: "Aushandeln statt Durchregieren – Kompromisse in der Demokratie".
© BLPB

Podcast

Aushandeln statt Durchregieren – Kompromisse in der Demokratie

Kompromisse gehören zur Demokratie – doch warum gelten sie so oft als Zeichen von Schwäche oder Prinzipienlosigkeit? Mit der Politikwissenschaftlerin Dr. Julia Reuschenbach sprechen wir über die Bedeutung von Kompromissen und die aktuelle Kompromissfähigkeit der Politik.
 

Sie befassen sich vor allem mit den Schattenseiten der Demokratie. Was gibt Ihnen dennoch Anlass zum Optimismus?

Eine Erkenntnis, die seit Jahrzehnten Bestand hat: Autokraten haben zwei Schwächen. Erstens haben sie kein Vertrauen. Sie brauchen ein gewaltiges Überwachungs- und Sicherheitssystem – man denke an die DDR. Das ist teuer und destabilisiert das System.

Zweitens: Gerade rechte Parteien sind intern massiv zerstritten. Bevor die AfD vieles eingesammelt hat, gab es immer rivalisierende rechte Parteien wie DVU und NPD, die sich nie vereinigen konnten. Diese Zerstrittenheit zeigt sich auf jedem AfD-Parteitag. Und wenn man sichtbarer machen würde, was solche Parteien tatsächlich vorhaben, kämen manche Wähler vielleicht doch noch einmal ins Nachdenken. Darauf sollte man setzen.

Das Interview mit dem Soziologen Gert Pickel führte Hannes Soltau. Es ist zuerst erschienen im Tagesspiegel vom 18. Juni 2026.

Veröffentlicht von BLPB im September 2026

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