Die Zukunft des Speckgürtels

Die Bezeichnung Speckgürtel assoziiert Wohlstand und Zufriedenheit. Doch ganz so simpel ist die gelebte Wirklichkeit rund um Berlin nicht. Zwar profitieren die Gemeinden vor allem vom Zuzug, jedoch bringt dies auch Probleme mit sich.

Berliner Bär und Brandenburger Adler
© Anne Baier, ByeByeSea.com

"Arbeiten in Berlin – und zum Schlafen in den Speckgürtel" titelt die Berliner Morgenpost. "Wir profitieren schon jetzt vom Flughafen" schreibt die Berliner Zeitung über Königs Wusterhausen. Und Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke stellt im Interview fest, dass das Berliner Umland unter "Wachstumsschmerzen" leide. Dies sind nur einige Facetten des Alltags mehrerer Kommunen in der Nachbarschaft der größten preußischen Stadt, Berlin. Sind die wachsenden Speckgürtel-Gemeinden wirklich nur Schlafstädte? Orte, aus denen die Menschen nicht nur zum Arbeiten nach Berlin fahren, sondern auch permanent zum Einkaufen, für Restaurant-, Theater- oder Opernbesuche?

Sicher hat die Lage im Berliner Umland viele Vorteile: Die Metropolennähe begünstigt nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die Bevölkerungsentwicklung. Nach Schätzungen des Landesamtes für Bauen und Verkehr ist bis zum Jahr 2030 ein Einwohnerzuwachs von über zehn Prozent für den engeren Verflechtungsraum – alias Speckgürtel – zu erwarten. Die  Mischung aus der nahen, pulsierenden Großstadt und einem grünen Umland mit guter Verkehrsanbindung macht ausgewählte Randkommunen zu einer attraktiven Adresse. Nicht nur zum Leben, sondern seit Jahren auch zum Arbeiten.

Wachstumsschmerzen

Die Bezeichnung Speckgürtel assoziiert Wohlstand und Zufriedenheit. Doch ganz so simpel ist die gelebte Wirklichkeit nicht. Zwar profitieren die Umlandgemeinden vor allem vom Zuzug, jedoch bringt dies auch Probleme mit sich. Der Ministerpräsident sprach hier treffend von Wachstumsschmerzen oder auch von Wohlstandsproblemen aus Sicht der Brandenburger Peripherie. Zum Alltag im Speckgürtel gehören zum Beispiel zu wenige Kita-Plätze, Grundschulflächen, bezahlbare Wohnungen, Senioren-WGs, zu seltene Busverbindungen, Pendlerparkplätze und sichere Geh- und Radwege, deren mittelfristige Finanzierung selbst im Speckgürtel einfach illusorisch ist. Wachstum heißt auch spürbar mehr Lärm auf Straße, Schiene sowie unter den Flugkorridoren der Berliner Flughäfen, gegen den die besonders betroffenen Städte und Gemeinden mehr praktische Hilfe von Bund und Land mobilisieren wollen.

Königs Wusterhausen und andere Umlandgemeinden müssen auch im Wachstum gegensteuern, damit sie nicht zu reinen Schlafstätten mutieren. Sie müssen selbst für Attraktivität sorgen und sogenannte "weiche" Standortvorteile stärken, die immer stärker zu »harten« Wohn- und Ansiedlungskriterien werden. Der Speckgürtel tut viel dafür, muss aber zusätzlich die eigene Lobbyarbeit stärken, da sich Landesregierung und die EU-Förderpolitik – bis vor kurzem sicher zu recht – ausgleichend sowohl um berlinnahe als auch um strukturschwache Regionen fernab der Hauptstadt gekümmert haben. Königs Wusterhausen ist zum Beispiel nicht nur Endstation der S-Bahnlinie S 46 und Umsteigebahnhof für das südliche Brandenburg, sondern eine Stadt, die stetig wächst, in der neue Wohngebiete entstehen und innovative Stadtentwicklungsprojekte umgesetzt werden. Derzeit leben hier 35.500 Einwohner mit einem jährlichen Wachstum von 1,5 Prozent.

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Es hat sich viel getan in den letzten 25 Jahren. Nach Bevölkerungsrückgang, über 10 Prozent Wohnungsleerstand, Kita-Schließungen und hoher Arbeitslosenquote geht es seit circa 2005 deutlich bergauf. Gartengrundstücke werden zu Einfamilienhäusern, qualitativ hochwertiger Mietwohnungsbau ist entstanden. Zudem herrschen inzwischen familienfreundliche Rahmenbedingungen, Betreuungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche sowie Schulen waren seit den Wendejahren der konstante Investitionsschwerpunkt und sind sehr gut ausgestattet. Am meisten ins Auge fällt bei den jüngsten Infrastrukturverbesserungen die Umgestaltung von Bahnhof und Bahnhofsumfeld, die erst mit EFRE-Förderung möglich wurden. Entstanden ist weitaus mehr als eine anspruchsvolle architektonische Lösung: Der neue Bahnhof verbindet die Ost- und Westseite der Stadt besser und stärkt die Innenstadt mit ihren Einzelhändlern. Er ist zum Aushängeschild der Stadt geworden.

Hier zeigt sich aber auch ein deutliches Problem der Gemeinden im Umland einer Metropole: der Pendelverkehr. Jeden Morgen wollen Tausende von Pendlerinnen und Pendlern nach Berlin. Der Bedarf an P+R Parkplätzen ist riesig, großzügig geplante Bike+Ride-Plätze waren schon zur Bahnhofseröffnung nicht mehr ausreichend. Hier brauchen alle großen Pendlerorte noch dringend Unterstützung. Viele Menschen sind grundsätzlich bereit, auf den eigenen PKW zu verzichten mit positiven Effekten für die Hauptstadt, die Umwelt und das eigene Portemonnaie. Die Umlandorte selbst werden ergänzend mit den Landkreisen bessere Buszubringerlösungen für ihre Ortsteile organisieren müssen. Wachstumsschmerz bedeutet aber eben auch für viele Kommunen überfüllte Pendlerzüge mit wenig Hoffnung auf Linderung. Positive Signale wie die Ausdehnung des AB-Tarifs auf die Randzonen wären eine Anerkennung der Realitäten.

Angebote der kurzen Wege "von uns, für uns"

Wichtig ist im aktuellen Wachstumsprozess, die eigene Identität der Kommune nicht aus dem Auge zu verlieren. Sowohl die Gemeindegebietsreform, mit der 2003 sechs umliegende Gemeinden in die Stadt Königs Wusterhausen integriert wurden, als auch die Geburt des neuen Ortsteils Diepensee waren enorme Herausforderungen. Ein wesentliches Ziel ist auch, dass die Menschen nicht immer und für alles nach Berlin fahren müssen, sondern zum Arbeiten, Einkaufen und für Kultur im Umland ausreichende Angebote finden können. Dabei geht es nicht um Konkurrenz zur Metropole, sondern um eigene Angebote der kurzen Wege "von uns, für uns": Von Heimatfesten wie in Kablow, Zeesen, Niederlehme und Wernsdorf bis hin zu den neueren überregional ausstrahlenden Formaten wie Schlossfest, Bergfunk, Höfenacht, Inselleuchten und den Schlosskonzerten.

Das Land will sich künftig stärker der Städte und Gemeinden im Berliner Umland annehmen. Dass dies besonders nach der letzten Landtagswahl so ist, hat womöglich seinen ganz pragmatischen Grund in der Akzeptanz des Unabwendbaren. Durch das prognostizierte Bevölkerungswachstum im Berliner Umland und den Rückgang in den entlegeneren Gebieten verschieben sich die Bevölkerungsproportionen.

Künftig werden im Speckgürtel, der zehn Prozent der Landesfläche einnimmt, 42 Prozent der Brandenburgerinnen und Brandenburger wohnen. Die Umlandgemeinden stellen sich wie auch das Land aktiv darauf ein. Schließlich profitiert ganz Brandenburg vom Speckgürtel-Effekt.

So liegt die Arbeitslosenquote in ausgewählten Kommunen vor allem im Süden der Hauptstadt laut Agentur für Arbeit seit zwei Jahren konstant unter dem Bundesdurchschnitt. Auch bei der Förderung von Gewerbe und Wirtschaft sind die Umlandkommunen aktiv. Es macht einen wesentlichen Teil der Lebensqualität aus, wenn Kommunen die Möglichkeiten zum Arbeiten und Wohnen bieten. Förderprogramme für kleine und mittelständische Unternehmen, Netzwerke wie die "Königs Wusterhausener für Gesundheitswirtschaft", die Schaffung von neuen Gewerbegebieten wie des GVZ Schönefelder Kreuz oder die Erweiterung des Technologie-Campus Wildau auf dem Funkerberg zusammen mit der Technischen Hochschule sind erfolgreiche praktische Beispiele für interkommunale Zusammenarbeit.

Im Sinne einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung arbeiten die drei Kommunen Königs Wusterhausen, Schönefeld und Wildau im Regionalen Wachstumskern Schönefelder Kreuz seit mehreren Jahren konsequent und zum gegenseitigen Vorteil als Katalysatoren des entstehenden Hauptstadtflughafens BER zusammen. Die geografische Lage der Region um den Flughafen Berlin-Brandenburg begünstigt nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung, sondern auch die Bevölkerungsentwicklung. Schulen und Kitas verschiedenster pädagogischer Ansätze, ein prosperierendes Oberstufenzentrum
und neue oder bestehende hochdynamische akademische Bildungseinrichtungen wie die Technische Hochschule in Wildau oder die Finanzhochschule des Landes sind hierfür ein wesentlicher Anker.

Wachstum muss begrenzt und beherrschbar bleiben

Aber auch die Zahl der Menschen, die 65 Jahre oder älter sind, wird sich im Berliner Umland bis zum Jahr 2030 fast verdoppeln. Gefragt sind deshalb seniorengerechte Wohnungen. Ein Anfang ist mit kommunaler und vor allem privater Initiative in Königs Wusterhausen gemacht. Das Land fördert seit geraumer Zeit diese besonderen Wohnformen. Aus Sicht der Wohnungswirtschaft werden Land, BIMA und Kommunen aber nicht umhin kommen, wie in Berlin jetzt favorisiert, noch vorhandene Grundstücke wertgesenkt an regionale Wohnungsgesellschaften oder Genossenschaften zu übertragen, um überhaupt noch bezahlbaren Mietwohnungsneubau zu ermöglichen.

Unterstützung wäre im Speckgürtel ebenfalls besonders notwendig für die Bildung von selbst genutztem Wohneigentum, vergleichbar mit Steueranreizen oder der Brandenburger "Freizieherprämie" aus der Dekade nach dem Mauerfall. Dies wäre besonders für junge Familien und die heiß umkämpften Fachkräfte aus anderen Regionen ein ganz besonderer Anreiz, in Brandenburg dauerhaft Wurzeln zu schlagen.

Bei allem sollte jedoch der Charakter der einzelnen Umlandgemeinden erhalten bleiben. Wachstum muss auch begrenzt und beherrschbar bleiben. So setzt Königs Wusterhausen vor allem auf Mietwohnungsbau auf noch freien, innerstädtischen Flächen. Alle jüngsten Projekte sind modern und auch unter dem Aspekt Nachhaltigkeit gestaltet, was gerade für jüngere und umweltorientierte (Neu-)Bürgerinnen und Bürger besonders entscheidungsrelevant ist und aktuell dazu führt, dass die Stadt von demografischen Verschiebungen nicht so betroffen ist wie andere Kommunen ohne relevanten Wohnungsneubau. Größere Projekte werden planerisch behutsam angegangen, um eine zu starke Urbanisierung, Bestandsgefährdungen für vorhandene Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften sowie Grünflächen- und Qualitätsverlust bei der Erholung zu vermeiden.

Ein positives Beispiel ist das neu entstandene Wohngebiet am Funkerberg, eine gelungene Mischung aus Ein- und Mehrfamilienhäusern. Es ist hoch anzurechnen, dass sich die Brandenburger Landesregierung jetzt stärker der Städte und Gemeinden im Berliner Umland annimmt. Die wachsenden Kommunen haben ihre ganz eigenen Herausforderungen zu bewältigen und garantieren schon jetzt genau die Landeseinnahmen, die für eine ausgleichende Lebensqualität in der wirtschaftlich schwächeren Peripherie mit schrumpfender und schneller alternder Bevölkerung gebraucht werden.

Lutz Franzke
Aus: Das Brandenbuch. Ein Land in Stichworten. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Potsdam 2015

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