Märkische Kartoffeln

Wie kam die Kartoffel nach Brandenburg? Dazu gibt es mehrere Geschichten und am Ende ein Rezept. Was die Förderung der brandenburgischen Landwirtschaft angeht, war Preußenkönig Friedrich II. jedenfalls weit mehr als nur ein »Kartoffelkönig«.

 

Kartoffelkönig. Illustration: Anne Baier, ByeByeSea.com
© Anne Baier, ByeByeSea.com

Wer am neben dem Schloss Sanssouci gelegenen Grab Friedrichs des Großen vorbeispaziert, findet auf dem Grabstein zu jeder Jahreszeit Kartoffeln, die Besucher dort abgelegt haben. Manchem kommen dann Geschichten in den Sinn, die über den Preußenkönig und die Kartoffel kursieren.

Eine erzählt davon, wie er seinen Soldaten aufgetragen hat, Kartoffelfelder tagsüber sorgfältig zu bewachen, nachts jedoch nicht so genau hinzusehen, um den neugierig gewordenen Untertanen die Gelegenheit zu geben, die scheinbar wertvollen Feldfrüchte zu stehlen. Mit dieser ungewöhnlichen Methode habe er die Brandenburger an die Kartoffel gewöhnt. Legenden wie diese spiegeln die Auffassung vieler Menschen wider, dass wir Friedrich II. die Einführung der Kartoffel zu verdanken haben. Doch stimmt das?

Vorab sei schon einmal verraten, dass sich die schöne Begebenheit von den bewachten Kartoffelfeldern höchstwahrscheinlich nicht in Brandenburg-Preußen zugetragen hat. Lange bevor die deutsche Version in Umlauf kam, wurde die Geschichte in Frankreich erzählt, aber mit einem anderen Protagonisten. Dort war es der französische »Vater der Kartoffel«, Antoine Parmentier, der die List mit den bewachten Feldern angewandt haben soll, um seine Landsleute für die neue Pflanze zu interessieren. Unbestritten aber ist, dass Friedrich II. mithilfe von Anordnungen versuchte, die neue Kulturpflanze in seinem Herrschaftsgebiet zu verbreiten.

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Kartoffelanbau in Brandenburg seit 1991

Überliefert sind insgesamt 15 solcher Rundschreiben, von denen sich allein elf an die Schlesier richteten. Doch auch Brandenburg blieb von den königlichen Zirkularen nicht verschont. 1748 forderte der Regent die kur- und neumärkischen Beamten auf, die Bauern seiner Domänen und die Ackerbürger der Städte zu instruieren, Kartoffeln anzubauen. Darüber hinaus sollten die Amtmänner statistisch erfassen, wie viele Kartoffeln ausgesät und wie viele geerntet worden waren. Einige dieser Tabellen sind überliefert, und so wissen wir heute, dass viele Bauern dieser Anordnung zunächst nicht gerade begeistert nachgekommen sind. Die Ernteergebnisse waren in vielen Gemeinden mehr als bescheiden.

Vom Kartoffelbefehl zum Grundnahrungsmittel

Als der Kartoffelanbau auch in den folgenden Jahren nicht vorankam, befahl der König 1765 seinen märkischen Untertanen erneut – und nun in deutlich strengerem Ton und unter Androhung von Sanktionen – die Knollen anzubauen. Von nun an scheint sich die Angelegenheit in Brandenburg positiver entwickelt zu haben, schreibt Friedrich doch 1774 an die Kurmärkische Kammer:

»Es ist Uns nun der gute Fortgang dieser Cultur ganz angenehm«.

Und auch die Statistik bestätigt, dass sich zwischen 1765 und 1774 der Kartoffelanbau in Brandenburg verdoppelte.

Auch wenn sich Friedrich um die Verbreitung der Kartoffel bemühte, in Brandenburg eingeführt hat er sie definitiv nicht. Darüber gibt uns ein Brief des Teltower Bürgermeisters Auskunft, den dieser 1748 als Antwort auf den ersten »Kartoffelbefehl« des Königs schrieb. Seiner übergeordneten Behörde teilte er darin mit, dass in Teltow die königliche Order nicht verbreitet werden müsse, da »hiesige Bürger, besonders die Gärtner, dieses neue Erdgewächs aus Peru in America welches Casparus Bauchinus Solanum tuberosum exculentum nennet pflanzen, und wenigstens jährlich über sechs Winspel gewinnen.« Dass die Teltower um diese Zeit bereits rund 150 Zentner ernteten, heißt natürlich nichts anderes, als dass die Kartoffel in der Gegend bereits gut bekannt war. Andere Quellen dieser Zeit beschreiben, dass sie in der Region um Berlin, in der Prignitz und der Mittelmark um 1730 heimisch geworden sein soll. Die Bauern pflanzten sie dort als Nahrungsmittel und Viehfutter an.

Ganz unbekannt war Solanum tuberosum aber auch vorher nicht, denn bereits der Große Kurfürst ließ sie nachweislich ab 1663 in seinem Lustgarten kultivieren. Aber das war natürlich etwas anderes, denn für den Fürsten war die Kartoffel in seinem Garten eine botanische Rarität und Zierpflanze.

Brandenburger wollten »täglich Brot« statt Kartoffeln

Was veranlasste nun ausgerechnet seinen Urenkel gut 80 Jahre später den Kartoffelanbau in der Landwirtschaft zu propagieren? In seinen Anordnungen spricht er davon, dass mehr Getreide für seine Soldaten übrig bliebe, wenn die Landbevölkerung Kartoffeln statt Brot äße – was angesichts seiner zahlreichen Kriege natürlich ein strategischer Vorteil sein konnte. Er hatte aber auch erkannt, dass angesichts immer wiederkehrender Getreidemissernten die Kartoffel das geeignete Mittel war, um die Ernährung auf eine breitere Basis zu stellen.

Dennoch ließen sich viele Menschen des 18. Jahrhunderts auch von so schlagenden Argumenten nicht überzeugen und waren zunächst nicht bereit, die neue Kost zu akzeptieren. Sie waren nun einmal an das Getreide, »das tägliche Brot« gewöhnt und die Kartoffel unterschied sich in ihrem Geschmack und ihrer Zubereitung vollkommen von der üblichen Kost. Erschwerend kam hinzu, dass die früheren Sorten nicht immer schmackhaft waren. In zeitgenössischen Berichten ist immer wieder von streng schmeckenden und im Halskratzenden Kartoffeln die Rede. Möglicherweise lag dies am Solanin, einem in Nachtschattengewächsen enthaltenen Giftstoff, der in manchen der damaligen Sorten in höherer Konzentration vorkam. Auch Mediziner förderten die Vorurteile gegen die Kartoffel, denn sie glaubten, dass der Genuss von Nachtschattenpflanzen Krankheiten hervorrufen könne.

Lesetipp

So verbreitete sich die Kartoffel zunächst langsam und nur in bestimmten Regionen. Doch dann änderte ein Ereignis die Situation grundlegend: Von heute auf morgen akzeptierten die Menschen die Kartoffel nun doch als Nahrungsmittel. Dieser Wendepunkt war eine verheerende Hungersnot, die zwischen 1770 und 1772 halb Europa ins Elend gestürzt hatte, ausgelöst durch mehrere witterungsbedingte Getreidemissernten. In Regionen, in denen sich die Kartoffel bereits durchgesetzt hatte, erwies sie sich nun als Retterin in der Not. Das schien auch die Skeptiker überzeugt zu haben, denn nachweislich nahm der Kartoffelanbau ab diesem Zeitpunkt deutlich zu, nicht nur in Brandenburg, sondern in ganz Mitteleuropa.

Und so wissen wir heute nicht genau, ob es die Bemühungen Friedrichs II. waren, die der Kartoffel zum Durchbruch verhalfen, oder einfach nur die Erfahrungen der Hungersnot. Attraktiv war der Anbau vor allem für Kleinbauern und Tagelöhner, denn die nahrhaften Knollen ließen sich ohne Zugvieh und teure Geräte anpflanzen. Doch in aller Regel beschränkten sie sich darauf, Kartoffeln in ihren Gärten zu kultivieren. Den Anbau auf dem Feld ließ das traditionelle Agrarsystem nicht zu, denn die Dreifelderwirtschaft verbunden mit dem Flurzwang verpflichtete alle Landwirte, bestimmte Kulturpflanzen – in erster Linie Getreide – in festgelegter Reihenfolge anzubauen und einen Teil der Flur brach liegen zu lassen. Für Neues war dabei kein Platz.

Eine Voraussetzung für die flächendeckende Verbreitung der Kartoffel war also die Möglichkeit, sie auch in den Ackerbau integrieren zu können. Doch das ging nicht ohne einen grundlegenden Wandel des Agrarsystems. Dieser setzte in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts ein. So wurden in Preußen nach und nach Separationen durchgeführt – eine Reform vergleichbar mit der heutigen Flurbereinigung. Dadurch erhielt jeder Landbesitzer zusammenhängende Ackerflächen und konnte nun selbst entscheiden, was er darauf anbauen wollte. Zugleich verbreiteten sich bahnbrechende Innovationen in der Landwirtschaft.

Höhere Erträge durch Fruchtwechselwirtschaft

Mit der Fruchtwechselwirtschaft wurde nicht nur die Brache bebaut, sondern auch neue Feldfrüchte wie Kartoffeln, Rüben und Klee in den Feldbau integriert. Auf diese Weise gelang es, höhere Erträge zu erwirtschaften, ohne die Böden auszulaugen. Mit Kartoffeln, Rüben und Klee konnten auch Tiere gefüttert werden, und die nun viel höhere Viehhaltung brachte Dünger, der wiederum die Fruchtbarkeit des Bodens steigerte. Die Kartoffel leistete damit einen Beitrag zu einer intensiveren Agrarwirtschaft.

Friedrich II. förderte die Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion und das bei weitem nicht nur durch seine Maßnahmen zugunsten der Kartoffel. So unterstützte er die Separationen und gewann neue Nutzflächen, indem er sumpfiges Land trocken legen ließ. Er unternahm zahlreiche Anstrengungen, den Seidenbau in seinem Land heimisch zu machen und förderte darüber hinaus neue landwirtschaftliche Sonderkulturen wie Färbekräuter, Hopfen, Tabak, Kümmel und Safran, um auf diese Weise unabhängig von Importen zu werden. Schließlich versuchte er die als fortschrittlich geltende »Englische Landwirtschaft« zu etablieren, die mit ausgefeilten Fruchtwechseln die Erträge steigerte. Er schickte Söhne seiner Domänenbeamten nach England, damit sie sich mit diesen Methoden vertraut machen konnten und ließ durch englische Landwirte Musterbetriebe in Brandenburg anlegen.

Mit seiner Agrarpolitik legte Friedrich II. zusammen mit den Agrarreformern seiner Epoche den Grundstein zur Modernisierung der Landwirtschaft. Allerdings war ihm zu seinen Lebzeiten nur mäßiger Erfolg beschieden – durchsetzen sollte sich die moderne Landwirtschaft erst in den Jahrzehnten nach seinem Tod. Auch der ganz große Durchbruch der Kartoffel stellte sich ebenfalls erst im 19. Jahrhundert ein. Nun bebauten nicht nur die Bauern immer größere Teile ihres Ackerlandes mit der Hackfrucht. Auch die großen Güter, die die Landwirtschaft in Brandenburg prägten, begannen sich jetzt für die Kartoffel zu interessieren. Sie, die lange Zeit gutes Geld mit dem Getreide verdient hatten, erkannten erst spät das wirtschaftliche Potential der Knolle. Sie eignete sich nicht nur als billiges Viehfutter, sondern ließ sich auch als Rohstoff für die Stärke- und Schnapsproduktion verkaufen.

Ihre bedeutendste Rolle aber spielte die Knolle, die so gut auf den märkischen Böden gedieh, fortan für das leibliche Wohl der Menschen: Sie ernährte die wachsende Bevölkerung des 19. und 20. Jahrhunderts und erwies sich als ideales Mittel gegen die vorher regelmäßig grassierenden Hungersnöte. Friedrich II. kommt dabei mindestens der Verdienst zu, diesen Zusammenhang erkannt und zur Verbreitung der Kartoffel beigetragen zu haben. Und was die Förderung der brandenburgischen Landwirtschaft angeht, war er weit mehr als nur ein »Kartoffelkönig«.

Antonia Humm
Aus: Das Brandenbuch. Ein Land in Stichworten. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Potsdam 2015 

 

Kartoffeln mit Quark und Leinöl. Foto: JW

Rezepte mit Kartoffeln gibt es wie Sand in Brandenburg. Wenn's mal schnell gehen soll, empfehlen wir

Kartoffeln mit Quark und Leinöl 

Zutaten:

Kartoffeln, Leinöl (zum Beispiel aus der Lausitz), Quark oder Hüttenkäse, Gartenkräuter, Salz, und Pfeffer
Dauer: ca. 20 bis 25 Minuten

Zubereitung:

  • gewünschte Menge Kartoffeln je nach Vorliebe geschält oder ungeschält ca. 15-20 Minuten kochen (der Umwelt zuliebe falls möglich aus regionaler Ernte)
  • Speisequark oder Hüttenkäse dazu geben
  • Leinöl in der gewünschten Menge darüber verteilen und mit Salz und Pfeffer würzen
  • mit frischen oder tiefgefrorenen Gartenkräutern servieren

Selber machen

Kartoffeln gibt es in vielen Sorten. Wer auf die eigene Ernte schwört, aber keinen Garten hat, der kann die gesunden Knollen auch im Kübel pflanzen. Wie das geht, kann man hier nachlesen.

Und welches ist Ihr Lieblings-Kartoffel-Rezept?

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