Mundart ist etwas Wunderbares

Belzig lag einmal in Sachsen, doch auf dem Wiener Kongress wurde es Preußen zugesprochen. Und auch dort, wo Frank Grünert wohnt, im Brandenburgischen Borne, befinden wir uns auf ehemals sächsischem Gebiet. Noch immer prägt das die Einwohner.

Frank Grünert aus Leipzig

Foto: Malou von Simson

Frank Grünert, geb. in Leipzig, Beutemärker

Belzig lag einmal in Sachsen, doch auf dem Wiener Kongress wurde es Preußen zugesprochen. Und auch dort, wo Frank Grünert wohnt, im Brandenburgischen Borne, befinden wir uns auf ehemals sächsischem Gebiet. Noch immer prägt das die Einwohner: Die eine Hälfte fährt zum Einkaufen nach Leipzig, die andere nach Berlin.

Der gebürtige Leipziger hat in Bad Belzig ein eigenes Theater - auf der Bühne spricht er vor allem „Schnökendöns“ – einen erfundenen einheimischen Dialekt, den nur noch der kauzige Dr. Büchner spricht und die Mundartbibel deshalb ins Deutsche übersetzt. Auch sein Darsteller, Frank Grünert, hat Spaß an Dialekten und da macht sein heimischer, sächsischer Dialekt keine Ausnahme. Mit seinem Bruder albert er manchmal herum. Dann sprechen sie im Kaufhaus breitestes Sächsisch: „Meensch – guck'amol, die Soggen sind soo billisch“ – und wundern sich, dass nicht alle sie anstarren, sondern weiterlaufen, als sei dies ganz normal.

Sächsisch ist seine Sprache, ist der Klang, mit dem er groß geworden ist. Urklänge, die er vielleicht schon im Mutterbauch gehört hat, sagt er. Die für ihn ganz viel Vertrauen schaffen. Und dann bringt er ein Beispiel: Wenn er ein Auto kaufe und ein Sachse böte ihm sein altes Auto an, da hätte er mehr Vertrauen als zu einem „Fremden“. Frank Grünert ahmt einen Sachsen nach – dann einen türkisch-deutschen Autohändler. Er spielt gerne mit Sprache und Dialekten. Und auch wenn er weiß, dass ein Sachse genauso gut betrügen kann wie alle anderen, traut er ihm das dann doch nicht so zu.

Dialekt kultiviert etwas sehr Intimes. Seine Mutter hat zu Hause gediegenes sächsisch gesprochen. Es war zugleich etwas, dass nach außen nicht dringen sollte. Da sollte „ordentlich“ gesprochen werden – und im bürgerlichen Elternhaus der Grünerts hieß das: Hochdeutsch!

Der Erfinder des „Schnökendöns“ bedauert, dass Dialekte mehr und mehr verloren gehen. Stamm, Volk, Heimat – sind Begriffe mit denen man im deutschen Raum sehr vorsichtig ist und die doch ihren Reiz haben. „Klar, wir sind heute alle gegen Vorurteile und wollen alle „gendern“ – aber es ist doch schön, wenn man einen Bayern trifft und der spricht bayrisch.“

Zu DDR-Zeiten hat Frank Grünert eine Ausbildung zum gemacht, auch wenn ihm damals schon eine Schauspielausbildung vorschwebte. Die hat er später nachgeholt. Doch das Religiöse findet man immer noch in seinen Theaterstücken.

Ich hab das Gefühl, der preußische Geist ist eigentlich ein reformistischer Geist, ein lutherischer Geist“, erklärt Frank Grünert, „das, was man mit Preußen verbindet: Arbeiten, Strenge, Pflicht, Verzicht, Diensterfüllung, das ist protestantisch geprägt und seltsamerweise hier stärker als in Sachsen. Die Preußen haben einen hohen Anspruch an sich selbst. Selbst ein Atheist in dritter Generation ist in Brandenburg protestantischer als jeder Sachse.“

Zwiespältige Gefühle? Frank Grünert freut sich auf jeden Fall, wenn er in der Mark jemanden aus Leipzig trifft. Es ist ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit. Am Abend erwartet er eine sächsische Freundin. Sie ist im Frühjahr 1989 nach London gegangen und hat sich in diesem fremden Sprachraum die sächsische Sprache konserviert. Er ist begeistert und strahlt, als er sagt: „Wenn ich nach London komm, geht die Tür auf: Frankie, biste schon daa, gomm, mer gehen in Bab.“

In seinem Regal hat er eine ganze Sammlung an CD's mit sächsischer Mundart. Mundart ist für ihn etwas Wunderbares und spricht die Gefühle an. „Einer, der hochdeutsch referiert, spricht nie die Herzen so sehr an wie jemand, der Dialekt spricht.“
 

Text: Barbara Tauber, 2014
für die Wanderausstellung "Wir Beutesachsen, ihr Beutemärker"

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